Plötzlich ist er da. Geht den Gang zwischen den beiden voll besetzten Stuhlreihen im Meßkircher Schloss hinunter. Die Besucher im Festsaal haben zwar auf ihn gewartet, aber die meisten bemerken ihn zunächst gar nicht. Nur leiser Applaus ist zu hören. Doch Arnold Stadler setzt sich auf seinen Ehrenplatz in der ersten Reihe – ruhig, unspektakulär, bescheiden. Dabei wartet eine große Ehrung auf ihn: Nicht die doppelte Staatsbürgerschaft, wie es Bürgermeister Arne Zwick zunächst aus Versehen formulierte, sondern die doppelte Ehrenbürgerschaft der Stadt Meßkirch und der Gemeinde Saudorf werden ihm am Freitagabend im Meßkircher Schloss verliehen. Für den Autor, so hatte er es im Interview mit dem SÜDKURIER im Vorfeld erklärt, ist diese Auszeichnung eine späte Versöhnung und Anerkennung nach den Attacken, denen er wegen des Inhalts seiner Bücher in früheren Jahren ausgesetzt gewesen war. Begleitet wurde der Festakt musikalisch von dem ausgezeichneten Kreutzer-Chor Meßkirch unter der Leitung von Dirigent Franz Raml und Solist Professor Julius Berger am Violoncello, einem begnadeten Musiker, der ohne Noten aus dem Gedächtnis Melodien von Bach präsentierte.

Werbung und Literatur

Menschliches, Literaterarisches, Offizielles, Familiäres, Kulturelles, Humorvolles – der Festakt war eine opulente, gut 2,5-stündige Veranstaltung, die auch einige Überraschungen bereit hielt. So entschuldigte sich Arnold Stadler während eines Gesprächs über seine Bücher für seine Schuhe. Staunen in der Diskussionsrunde. Luzia Braun, Fernseh-Journalistin, ehemalige Klassenkameradin und Wegbegleiterin, und Moderator Anton Philipp Knittel konnten keinen Makel an den Schuhen feststellen. Doch Arnold Stadler klärte auf: Die Schuhe waren braun und passten somit farblich nicht zu seinem schwarzen Anzug. Aber, so ergänzte er charmant, die Farbwahl der Schuhe sei eben auch eine Referenz an den Nachnamen von Diskussionsteilnehmerin Luzia Braun. Erstaunliche Bezüge lassen sich also aus Stadler-Zitaten herstellen. So kreierte der Autor selbst einen Bezug zwischen seinen Büchern und griffigen Werbeslogans. Für den Buch-Titel "Mein Hund, meine Sau, mein Leben" habe er schwer büßen müssen, so Arnold Stadler. Doch immerhin sei es wohl Vorbild für einen bekannten Werbeslogan gewesen, meinte er dann augenzwinkernd: "Mein Auto, mein Haus, meine Frau".

Festlicher Moment: Wolfgang Sigrist (li.) und Arne Zwick, die Bürgermeister von Sauldorf und Meßkirch, verleihen die Ehrenbürgerwürde an Arnold Stadler.Bild: Günther Brender
Festlicher Moment: Wolfgang Sigrist (li.) und Arne Zwick, die Bürgermeister von Sauldorf und Meßkirch, verleihen die Ehrenbürgerwürde an Arnold Stadler.Bild: Günther Brender | Bild: Günther Brender

Jedenfalls war der Abend Werbung für die Literatur. Vor allem für die Literatur Arnold Stadlers. "Arnold, dein Name ist Kosmos", zitierte Moderator Braun einen Satz von Martin Walser aus Nußdorf, den dieser anlässlich des Festakts zur Verleihung der doppelten Staatsbürgerschaft übermittelt hatte. "Wir leben mit und von deinen Sätzen", so Walser weiter über Stadler. Und auch Bürgermeister Arne Zwick fand lobende Worte: Arnold Stadler sei tief verwurzelt mit seiner Heimat und habe ihr ein literarisches Denkmal gesetzt. Ein Denkmal, das zwar nicht jedem gleich zugänglich gewesen sei, doch diese ganz besondere Note unterscheide Arnold Stadler eben von trivialer Literatur oder Sachbüchern. Und Ehrenbürger seien nun einmal selten einfach oder stromlinienförmig. Insgesamt, so informierte der Bürgermeister, habe es in Meßkirch 13 Ehrenbürgerschaften gegeben, und die Stadt habe drei lebende Ehrenbürger – Anita und Alexandra Hofmann und eben Arnold Stadler. Künftig werde es aber ohnehin schwierig werden mit in Meßkirch geborenen Ehrenbürgern, fügte Arnold Stadler später in seiner Dankesrede an. Schließlich habe die Stadt keinen Kreißsaal mehr.

Zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Arnold Stadler war der Festsaal bis auf den letzten Platz gefüllt.Bild: Günther Brender
Zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Arnold Stadler war der Festsaal bis auf den letzten Platz gefüllt.Bild: Günther Brender | Bild: Günther Brender

Bei aller humorvollen, luftigen Leichtigkeit des Abends klangen auch kritische Töne an. Nach dem Erscheinen seiner Bücher, so Arnold Stadler in der Gesprächsrunde mit Luzia Braun und Anton Philipp Knittel, sei er als "Nestbeschmutzer" beschimpft worden. Die damaligen Attacken haben ihn nie losgelassen und seien Teil seiner Erinnerung: "Das ist eine lebenslange Angelegenheit." Und doch: "Schwamm drüber!". Und zum Schluss des Festaktes gab es noch ein ehrliches Bekenntnis des Ehrenbürgers: "Für mich gibt es keinen Dialekt, sondern nur Muttersprache. Und ich spreche nur ungern Hochdeutsch".

Klassenkameraden unter sich: die Fernsehjournalistin Luzia Braun im Gespräch mit Arnold Stadler.Bild: Günther Brender
Klassenkameraden unter sich: die Fernsehjournalistin Luzia Braun im Gespräch mit Arnold Stadler.Bild: Günther Brender | Bild: Günther Brender
Musikalisch wurde der Festakt vom Kreutzer-Chor begleitet.Bild: Günther Brender
Musikalisch wurde der Festakt vom Kreutzer-Chor begleitet.Bild: Günther Brender | Bild: Günther Brender

Arnold Stadler und die Region

Arnold Stadler ist ein Autor mitten aus dem Leben und in engem Bezug zu seiner Umwelt. Das bekräftigte auch Wolfgang Sigrist im Rahmen des Festaktes im Meßkircher Schloss. Denn da Arnold Stadler die doppelte Staatsbürgerschaft der Stadt Meßkirch und der Gemeinde Sauldorf erhalten hat, würdigte auch der Bürgermeister von Sauldorf den Geehrten mit einem Statement. Als er zu der Veranstaltung nach Meßkirch gefahren sei, so Wolfgang Sigrist, sei ihm ein Stadler-Zitat in den Sinn gekommen: "Es ist so kalt, dass die Obstbäume erst im nächsten Jahr blühen."

Auch dieses Zitat beweise die enge Verbundenheit Stadlers mit seiner Heimat. Dieser enge Bezug zur Region sei einer der Gründe dafür, warum der Gemeinderat von Sauldorf in seiner Sitzung vom 24. Januar 2019 beschlossen habe, Arnold Stadler die Ehrenbürgerwürde zu verleihen. Das Gremium habe sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht, so Wolfgang Sigrist, aber die Auszeichnung sei ein deutliches Zeichen der Anerkennung, wie sie eine Kommune nicht besser vergeben könne.

Doch die Verleihung der doppelten Ehrenbürgerschaft habe ihre Berechtigung. Der Ausgezeichnete sei kein Heimatschriftsteller, aber er wisse genau, wo er herkomme. Arnold Stadler habe "unserer Heimat einen Namen gegeben" und "Schwäbisch-Mesopotamien" bekannt gemacht, erklärte Wolfgang Sigrist in seinem Wortbeitrag. Und Arnold Stadler sei ein "Briefträger mit der Sprache als wertvollstem Schatz im Gepäck".