Als das typische runde Schild über dem Eingang zum Roxy abgeschraubt wird, hat Günter Sewald längst seinen Frieden mit seinem Kino gemacht. Der Inhaber des Meßkircher Lichtspielhauses hat vor fünf Jahren die Türen dichtgemacht, nun verkauft er die letzten Utensilien. „Es tut schon noch weh“ sagt er, freut sich aber gleichzeitig, dass sein Flohmarkt am Samstagmorgen so viel Zulauf hat.

Ingrid Ambil-Kaever wurde beim Ausverkauf in den alten Kinoräumen auch fündig. Stolz präsentiert sie einen Wandleuchter, zu dem sich auch noch die braunen Schirmchen fanden, und ein Saalschild.
Ingrid Ambil-Kaever wurde beim Ausverkauf in den alten Kinoräumen auch fündig. Stolz präsentiert sie einen Wandleuchter, zu dem sich auch noch die braunen Schirmchen fanden, und ein Saalschild. | Bild: Uwe Steinbächer

Verwandte und Bekannte sind gekommen, um ihn zu unterstützen. Viele Kinofreunde nutzen die Chance auch, Abschied zu nehmen und ein letztes Erinnerungsstück mit nach Hause zu nehmen. Das 1982 eröffnete Kino im Hinterhof des Gebäudes Mengener Straße 13 war Kult.

Auch in der Garage türmten sich alte Filmkassetten, Vorführgeräte, Mobiliar. Irgendwas nahm fast jeder mit nach Hause.
Auch in der Garage türmten sich alte Filmkassetten, Vorführgeräte, Mobiliar. Irgendwas nahm fast jeder mit nach Hause. | Bild: Uwe Steinbächer

Frank Hellwig war dort als 16-Jähriger schon als Filmvorführer tätig und hat den Kontakt zu seinem alten Chef nie abreißen lassen. „Wir hatten Sondervorstellungen, da war das Kino voll mit Italienern und wir hatten damals schon im Schlosshof Open-Air-Kino“, erinnert er sich. Nun muss auch er erleben, wie die alte Kultusstätte endgültig stirbt und neuen Wohnungen Platz machen muss. „So ein Kino hat Seele“, sagt er und beklagt, wie viele andere diese Entwicklung. In Zeiten der Digitalisierung war Günter Sewald mit seinem Kino einfach nicht mehr wettbewerbsfähig und eine Umrüstung wäre zu teuer geworden.

Tim Sewald hilft Bernhrad Amann beim Einladen eines alten Projektors. Im Hintergrund Amanns Sohn Joschka.
Tim Sewald hilft Bernhrad Amann beim Einladen eines alten Projektors. Im Hintergrund Amanns Sohn Joschka. | Bild: Uwe Steinbächer

„Kino macht Spaß“ steht noch in großen Lettern auf einem Banner an der Wand im Erdgeschoss. Das wirkt anachronistisch, denn dort riecht es schimmelig-modrig und der Zahn der Zeit hat nicht nur an dem Kassenhäuschen genagt, das damals den Eingang zur großen weiten Kinowelt bedeutete. Im Innern liegen noch die Tüten mit Gummibärentütchen, die der Chef symbolisch noch dort liegen ließ. „Ich konnte sie einfach noch nicht wegwerfen“, sagt Sewald, „aber jetzt werden sie auch mit entsorgt“. Entsorgt wie so vieles, was trotz der zahlreichen Käufer noch übrig bleibt.

Einiges aus dem Roxy-Fundus wechselte noch den Besitzer. Alles was irgendwie ins Auto passte, wurde eingepackt.
Einiges aus dem Roxy-Fundus wechselte noch den Besitzer. Alles was irgendwie ins Auto passte, wurde eingepackt. | Bild: Uwe Steinbächer
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Bernhard Scholl aus Meßkirch nimmt sich zum Beispiel ein paar Stühle für seinen Partykeller mit, Bernhard Amann aus Rohrdorf deckt sich mit alten Filmspulen und anderen Utensilien ein, die er in seinen Garten integrieren will. Interesse hätte er auch an einem großen Projektor, aber zum einen hat er da ein Transportproblem und zum andere muss er vorher doch noch mal mit der Frau Rücksprache halten.

Bernhard Scholl: „Ich war früher regelmäßig im Roxy und erinnere mich noch gut an die Titanic-Vorführungen 1997, wo noch zusätzliche Holzstühle in den Saal gestellt werden mussten.“
Bernhard Scholl: „Ich war früher regelmäßig im Roxy und erinnere mich noch gut an die Titanic-Vorführungen 1997, wo noch zusätzliche Holzstühle in den Saal gestellt werden mussten.“ | Bild: Uwe Steinbächer

Drinnen fehlt es Tim Sewald, dem Enkel des Besitzers an geeignetem Werkzeug, um weiteren Wünschen nach einem der typischen alten Kinosessel nachzukommen. Mit vereinten Kräften klappt‘s aber und die beiden roten Sessel werden von einem kräftigen jungen Mann kurzerhand nach Hause getragen.

Isolde Lotzer: „Ich war relativ oft hier. Ich erinnere mich bestens an ‚Schindlers Liste‘. Die Vorführung haben wir mit der Schulklasse besucht. Schön war, dass es auch mal Exklusivvorstellungen für einen allein gab, aber einmal mussten wir auch wieder nach Hause, weil es ausverkauft war.“
Isolde Lotzer: „Ich war relativ oft hier. Ich erinnere mich bestens an ‚Schindlers Liste‘. Die Vorführung haben wir mit der Schulklasse besucht. Schön war, dass es auch mal Exklusivvorstellungen für einen allein gab, aber einmal mussten wir auch wieder nach Hause, weil es ausverkauft war.“ | Bild: Uwe Steinbächer

Frank Hellwig kann inzwischen einen weiteren alten Bekannten begrüßen. Mit Klaus Walz teilte er sich in jungen Jahren den schönen Nebenjob als Filmvorführer im „Roxy“ – und auch Walz musste wohl ein letztes Mal vorbeikommen, um Abschied zu nehmen. Auch er sieht mit an, wie die unterschiedlichsten Utensilien die alten Räumlichkeiten verlassen. Alte Hinweisschilder, Saalbeschriftungen, Wandleuchter, aber auch Gewichte, Plomben mit zugehöriger Zange, Gewichte und vieles mehr. Immer mehr Leute kommen, wovon einige auch nur wissen wollen „wie groß die Leinwand wirklich ist“.

Bernhard Amann: „Ich war als Bub oft im Kino, aber daheim gab es immer Diskussionen. Das war nicht wie heute, ich bin in der Landwirtschaft groß geworden und da musste ich viel helfen.“
Bernhard Amann: „Ich war als Bub oft im Kino, aber daheim gab es immer Diskussionen. Das war nicht wie heute, ich bin in der Landwirtschaft groß geworden und da musste ich viel helfen.“ | Bild: Uwe Steinbächer

Günter Sewald jedenfalls ist zufrieden mit der Resonanz und das viele alte Inventar jetzt noch weiter Verwendung findet. Das Schild über der Eingangstür hat mehrere Interessenten und nach einem kurzen Telefonat ist der Deal perfekt. Fachmännisch wird es entfernt und die Schwester der neuen Besitzerin bringt es stolz nach Hause.

Erster Treffpunkt aller Kinogänger. Die Zeit ist auch über das alte Kassenhäuschen hinweggegangen.
Erster Treffpunkt aller Kinogänger. Die Zeit ist auch über das alte Kassenhäuschen hinweggegangen. | Bild: Uwe Steinbächer