Delphine oder Pferde werden schon lange als Hilfen in der Therapie von Menschen mit Einschränkungen oder Verhaltensauffälligkeiten eingesetzt. Und auch so mancher Pflegeheimbewohner hat wieder mit Unterstützung einer Katze eine neu Lebensmitte gefunden. Der Laie wird allerdings etwas ins Schmunzeln kommen, wenn er sich vorstellt, dass ein Hahn, eine Ziege oder ein Esel als Co-Therapeuten eingesetzt werden. Doch so etwas gibt es. Und jemand, der das praktiziert ist Andrea Göhring. Ihre langjährigen Erfahrungen hat sie jetzt in einem Buch beschrieben.

Für den SÜDKURIER ein Grund, mal dort vorbeizuschauen, wo Kinder neues Zutrauen fassen, über ihre eigenen Grenzen hinausgehen und sich trotz ihrer körperlichen und geistigen Einschränkungen so bewegen, wie man es bei allen Kindern erwartet. Nicht ganz! Die Lebensfreude und das Hinauswachsen über die eigenen Grenzen sind seh- und spürbar. Wir fahren nach Rulfingen, einem Ortsteil der Stadt Mengen im Landkreis Sigmaringen. Dort betreiben Andrea und Hubert Göhring eine Biolandwirtschaft. Angebaut werden vorwiegend Kartoffeln und Getreide. "Die paar Schafe, Ziegen, Hühner, Minischweine, Katzen und Esel dienen nicht der Landwirtschaft, sondern der tiergestützten Therapie. Kinder mit Handicap und schwerstmehrfachbehinderte Schüler kommen gerne hierher. Was für den Betrachter wie ein nettes Freizeitvergnügen aussieht, das ist harte Arbeit für die Betreuer und für Andrea Göhring. Die ausgebildete Agrartechnikerin und Bauernhofpädagogin ist auch Fachkraft für Tiergestützte Therapie, Pädagogik und Beratung. Heute sind Mädels und Jungs von der Behindertenhilfe St.

Jakobus aus Wilhelmsdorf auf den Göhring-Hof gekommen. Wo ein Erwachsener vielleicht etwas Berührungsängste hätte, da gehen die Schüler ganz unbefangen ins Hühnergehege. Gockel Henry schaut gar nicht skeptisch, als Adrian ihn auf den Arm nimmt. "Mit Menschen tut sich der Junge etwas schwer", sagt Fachlehrerin Christine Baur. Mit Geflügel offensichtlich nicht. Adrian und das Federvieh verstehen sich. Er sieht des Tier nicht als Bestandteil einer Mahlzeit, bekanntlich lieben Kinder Grillhähnchen, sondern als Freund. Und mit dem kann man sogar reden. "Nicht zuhören", sagt der Junge. Scheinbar gibt es Geheimnisse zu besprechen.

Tiergestützte Therapieverfahren sind alternativmedizinische Behandlungsverfahren zur Heilung oder zumindest Linderung der Symptome, beispielsweise bei psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen und seelischen und oder geistigen Behinderungen, bei denen Tiere eingesetzt werden. Je nach Tierart wird tiergestützte Therapie in verschiedenen Einsatzgebieten praktiziert. Bei der tiergestützten Therapie auf dem Bauernhof wird schnell deutlich, dass Tiere nicht nur Fleischlieferanten sind oder den Menschen durch ihre Körperkraft unterstützen. "Sie können auch heilen und helfen", sagt Andrea Göhring und geht mit einigen Kindern auf die Weide, wo eine Kuh mit Kälbchen neugierig die Besucher erwartet. Die Tiere sind es gewöhnt, dass sie gestreichelt werden, dass ihnen eine kleine Hand einen Apfel zustreckt. Es muss aber alles sehr behutsam gehen. Ruckartige Bewegungen mögen die Tiere nicht. Göhring führt die Hand von Elisa ganz behutsam zu Kuh Paula. Für das Mädchen heißt das, die eigene Angst überwinden, Zutrauen zu sich selbst zu finden. Wenn der Apfel dann genüsslich verspeist wird, dann strahlen die Kinderaugen und sagen: Guck mal. Ich kann es.

Es sind diese Erlebnisse, die den Schülern auch ermöglichen, zu den Tieren eine emotionale Bindung aufzubauen. Wer da Probleme hat und es dann doch schafft, der wird sich irgendwann auch im Umgang mit Menschen leichter tun. Hyperaktive Kinder finden im angeleiteten Umgang mit den Tieren zur Ruhe. Allerdings: Es ist ein hartes Stück Arbeit für die Fachkraft. Die Erfolge sind aber sicht- und spürbar. Christine Baur und Heilerziehungspflegerin Petra Huber von der Behindertenhilfe St. Jakobus sind überzeugt, dass sich das Verhalten ihrer Schützlinge sehr positiv verändert hat, seit die regelmäßigen Besuche auf dem Hof der Göhrings stattfinden. "Wenn wir öfter kommen könnten, dann wäre das ganz bestimmt eine große Hilfe", sagt Fachlehrerin Baur. Doch so einfach ist das nicht. Zwar verfügt die Einrichtung über Kleinbusse und so sind die 25 Kilometer von Wilhelmsdorf im Kreis Ravensburg nach Rulfingen leicht zu schaffen. Aber die Kosten für die Therapiestunden auf dem Bauernhof, die muss die Einrichtung selbst tragen. Kein Rezept von der Krankenkasse?

"Alternativmedizinische Behandlungsverfahren, worunter auch neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden fallen, sind Methoden, deren Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit noch nicht eindeutig nachgewiesen sind. Diese sind kein Bestandteil des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenkassen – daher darf grundsätzlich auch keine Kostenübernahme seitens der Krankenkassen erfolgen", heißt es auf Anfrage von der AOK Baden-Württemberg. Die Übernahme einer neuen Untersuchungs-und Behandlungsmethode in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung erfordere einen positiven Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses.

Und der liege für die tiergestützte Therapie nicht vor. So ist man auf Spenden angewiesen. Kürzlich fand in Mengen ein Charity-Run statt, mit dem auch die tiergestützte Therapie auf dem Göhring-Hof weiterhin ermöglicht werden soll, denen die Stunden mit den Tieren eine Hilfestellung für das ganze Leben sein können. Denn auch bei Therapiemüdigkeit oder – resistenz liegt in der Arbeit mit Tieren eine große Chance. Was herkömmlichen Therapeuten oft nicht mehr gelingt, das können Tiere in kürzester Zeit schaffen: Menschen zum Lachen bringen, neuen Lebensmut geben und längst verloren geglaubte Fähigkeiten wieder ans Licht bringen.

Tiergestützte Therapie

Andrea Göhring und die Journalistin Jutta Schneider-Rapp haben gemeinsam ein Buch geschrieben. "Bauernhoftiere bewegen Kinder" ist im Pala-Verlag erschienen und berichtet lebendig und praktisch über tiergestützte Therapie und Pädagogik mit Schaf, Kuh und Co. Mit berührenden Fallbeispielen und bewegenden Bildern. Für Eltern, Pädagogen, Nutztierfreunde und andere Interessierte.

ISBN 978-89566-368-0, Hardcover, 192 Seiten, Preis 24,90 Euro.