Freude am Singen, Musizieren und Theaterspielen, verbunden mit einem intensiven Gemeinschaftserlebnis – das ist seit 71 Jahren das Erfolgsgeheimnis des Wildensteiner Singkreises. In dieser Woche gehört Burg Wildenstein den 128 Teilnehmern der Familiengruppe. Dabei ist der Begriff „Familie“ wörtlich gemeint. Für 18 Kinder im Vorschul- und Grundschulalter wurde eine Ferienbetreuung organisiert. Und andererseits beteiligen sich Eltern mit ihren erwachsenen Kindern und teilweise sogar mit den Enkeln an der Burgwoche. Für manche Teilnehmer gehört die Veranstaltung fest zum Jahresprogramm. Viele kommen schon seit Jahren, haben hier schon Freunde und Partner fürs Leben gefunden.

Keine Nachwuchssorgen

Das ist die eine, die eher gesellschaftliche Seite des Wildensteiner Singkreises. Der Singkreis ist im Übrigen kein eingetragener Verein, sondern ein eher loser Zusammenschluss. Doch auch ohne eine feste Vereinsbindung ist der Singkreis seit 1948 eine lebendige Gemeinschaft, die über Nachwuchsmangel nicht klagen muss. Die Familiengruppe ist die Abteilung des Singkreises, die sich in der Abschlusswoche in der Burg trifft.

Seit 71 Jahren kommen die Mitglieder des Wildensteiner Singkreises jährlich hinter den dicken Mauern von Burg Wildenstein zusammen, um miteinander kreative Wochen zu verbringen.
Seit 71 Jahren kommen die Mitglieder des Wildensteiner Singkreises jährlich hinter den dicken Mauern von Burg Wildenstein zusammen, um miteinander kreative Wochen zu verbringen. | Bild: Steinmüller, Hermann-Peter

Viele Teilnehmer auch in den Jugendgruppen

Zuvor waren schon die „Singvögel“ da. In dieser Gruppe finden sich Jungen und Mädchen zwischen zehn und zwölf Jahren wieder. Für Zwölf- bis 15-Jährige schließt sich die Juniorengruppe I an. Ihr folgen in der Juniorengruppe II die Jugendlichen zwischen 15 und 17. Wie Marie Wolfgang berichtet, kamen zu den drei Jugendgruppen-Wochen insgesamt rund 150 Teilnehmer und Betreuer. Die Organisationsleiterin bilanziert: „Bei der Familiengruppe sind wir aktuell 128 Teilnehmer.“

Familienkreis probt Swing-, Jazz- und Schlagernummern

Jede Gruppe hat ein Ziel. Am Ende der Wildenstein-Woche soll ein Theaterstück, ein Gesangs- oder Instrumentalkonzert stattfinden. Das gilt natürlich auch für den Familienkreis. Dazu Teambetreuer Fabian Sauter-Servaes: „In dieser Woche steht alles unter dem Motto „Bei mir bist du schön“. Der Höhepunkt der Woche ist eine Nummernrevue mit Big Band, Salonorchester, Chor und Soli. Dazu üben die Teilnehmer Lieder und Instrumentalstücke aus Schlager, Swing und Jazz der 1920er, 1930er und 1940er Jahre ein.

Aufführung am Samstag im Rittersaal

Nachdem im vorigen Jahr das offizielle Jubiläumskonzert des Familienkreises in der Beuroner Klosterkirche stattfand, solle in diesem Jahr wieder der Rittersaal der Burg „zum Beben gebracht“ werden. Sauter-Servaes: „Das ist zwar nicht als offizielle Veranstaltung gedacht. Wer aber trotzdem am Samstag ab 15 Uhr vorbeikommen möchte, ist herzlich eingeladen.“

Voraussetzungen zum Mitmachen

Die Voraussetzungen zur Teilnahme an der Burgwoche kennt Marie Wolfgang. Im Mittelpunkt des Tagesprogramms stehe die Freude am Singen und Musizieren. Wer mitmachen möchte, sollte deshalb über Chor-, Orchestererfahrung oder sonstige Fähigkeiten verfügen, die in dieser Woche nützlich sind. „Dazu gehören beispielsweise handwerkliche Fähigkeiten für den Bau des Bühnenbildes.“

Die Gründung des Wildensteiner Singkreises 1948 geht auf die Initiative des Beuroner Paters Hariolf Ettensperger zurück. Die bis heute bestehende Verbundenheit mit dem Kloster Beuron unterstreicht die Anwesenheit von Pater Maurus. Er steht den Teilnehmern bereits seit einigen Jahren als Seelsorger und mentaler Ratgeber zur Verfügung.

Doch was schätzen Teilnehmer am Singkreis Wildenstein besonders? Wir haben mit drei langjährigen Mitgliedern gesprochen:

Begeisterte Sängerin aus Germering

Ute Hämmerles Leben ist ganz mit der Burg und dem Singkreis Wildenstein verbunden. Schon ihr Vater gehörte 1948 zu den Mitbegründern des Singkreises. Diese Tradition hat sie auch an ihre vier inzwischen erwachsenen Kinder weitergegeben: „Sie studieren und sind alle vier in dieser Woche als Betreuer hier auf der Burg.“

Ute Hämmerle
Ute Hämmerle | Bild: Steinmüller, Hermann-Peter

Ute Hämmerle war zum ersten Mal 1977 auf dem Wildenstein. Die Steuerfachangestellte aus Germering bei München ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, seither Sommer für Sommer beim Singkreis dabei. In ihrer Freizeit ist sie auch das Jahr über als Chorsängerin aktiv. Hämmerle beschreibt sich als „begeisterte Sängerin“. Das Besondere an der Singkreis-Woche auf der Burg seien die Menschen, die Gemeinschaft, die Musik – kurz, die ganze Atmosphäre.

Ruheständler als Theatermacher

Burkhard Kowalski ist 59 Jahre alt und wohnt in Freiburg im Breisgau. Der Vorruheständler ist das Jahr über ehrenamtlich in vielen Bereichen tätig. Aber einmal im Jahr die Singkreis-Woche muss sein. Für Kowalski gehört der Singkreis zum festen Bestandteil seines Lebens. Er kommt nicht nur seit 1971 fast jährlich auf die Burg. „Ich habe im Laufe der Jahre hier Freunde fürs Leben gefunden“, erzählt der Freiburger. Einige von ihnen seien in diesem Jahr wieder dabei.

Burkhard Kowalski
Burkhard Kowalski | Bild: Steinmüller, Hermann-Peter

Der Mann aus dem Breisgau gehört zusammen mit Martin Kessler und Markus Hollerbach in diesem Jahr zum Dreier-Team, das für die Theaterszenen verantwortlich ist. Das Trio bereitet nicht nur die Spielszene für die Aufführung am Samstag vor. Während der Woche gibt es einen Viertelstunden-Einakter, ein Lesestück von Egon Erwin Kisch.

Singende Studentin aus Berlin

Lena Ruf zählt mit ihren 23 Jahren zur großen Gruppe der jüngeren Teilnehmer beim Wildensteiner Singkreis. Sie studiert derzeit in Berlin Evolutionsbiologie. Die junge Frau ist bereits als Kleinkind mit dem „Wildenstein-Virus“ infiziert worden: „Ich war schon hier, als ich ganz klein war und kann mich deswegen an die ersten Male gar nicht mehr richtig erinnern.“ Mit einer Ausnahme sei sie bisher Sommer für Sommer auf der Burg gewesen.

Lena Ruf
Lena Ruf | Bild: Steinmüller, Hermann-Peter

Die Studentin ist nicht alleine gekommen. Ihre Eltern musizieren im Orchester mit. Mutter Antje spielt Geige und Vater Christoph bläst Trompete. Lena Ruf erzählt aus ihrer Wildenstein-Familiengeschichte: „Mama war mit 14 oder 15 Jahren zum ersten Mal mit dem Singkreis auf der Burg“. Die angehende Biologin steuert im Chor eine Woche lang ihre Sopranstimme bei.