Die kompakten, voluminösen Holzskulpturen sowie die gitterartigen Holzkonstruktionen der Bildhauerin Ingrid Hartlieb sind regelmäßigen Besuchern der Galerie Wohlhüter wohl vertraut. Sie waren im Jahr 2012 mit dem zeichnerischen Werk von Sam Szembek und im Jahr 2017 mit der Malerei von Albertrichard Pfrieger zu sehen. Dieses Jahr widmet ihr die Galerie Wohlhüter eine Einzelausstellung, um die Skulpturen zusammen mit ihren zeichnerischen Arbeiten zeigen zu können, wie Werner Wohlhüter bei der Vernissage erläuterte. Kunsthistorikerin Sabine Heilig aus Nördlingen im Ries erläuterte in einer tiefgehenden Weise das Werk von Ingrid Hartlieb und ging dabei auf die Wirkung von Skulpturen im Allgemeinen sowie auf das Holz als künstlerisches Material ein.

Kunsthistorikerin Sabine Heilig erläuterte das Werk von Ingrid Hartlieb.
Kunsthistorikerin Sabine Heilig erläuterte das Werk von Ingrid Hartlieb. | Bild: Michelberger, Isabell

Der Fokus der Galeristen Gerlinde und Werner Wohlhüter liege seit 25 Jahren vor allem auf der Bildhauerkunst, schilderte Sabine Heilig, demnach auf der „dargestellten, tastbaren Wahrheit“, zitierte sie Johann Gottfried Herder. Skulpturen gehen noch stärker als Malerei oder Grafik eine Einheit mit ihrer Umgebung ein und verändern diese. Der Betrachter, der um sie herum geht, erlebt sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln, im Wandel des Tageslichts sowie als sinnlich erfahrbarer Gegenstand, indem er sie mit den Händen erkundet.

Ingrid Hartlieb (Zweite von links) im Gespräch mit Künstler Reinhard Sigle.
Ingrid Hartlieb (Zweite von links) im Gespräch mit Künstler Reinhard Sigle. | Bild: Michelberger, Isabell

Ingrid Hartliebs Material ist das Holz, sozusagen eine Art Second-Hand-Holz, das Menschen bereits geformt haben. Das sind Hölzer unterschiedlicher Art in Form von Bohlen, Balken, Holzscheiben, -platten oder -latten. Die Arbeiten, die die Bildhauerin daraus zusammenfügt, sind in zwei unterschiedliche Werkgruppen zu unterteilen, wie Heilig ausführte. Zum einen sind dies die schweren kompakten Holzkörper, welche die Form von großen Gefäßen, Spindeln, Pendeln, Halbkugeln, Bögen und scheibenförmige Arrangements annehmen, oder die Gitterkonstruktionen, die Hartlieb aus Kanthölzern einer Holzsorte zusammenfügt. Die Gitterkonstruktionen, die in sich verstrebt sind, verdichten sich einerseits, andererseits öffnen sie von allen Seiten den Blick ins Innere, der sich mit der Blickrichtung wandelt und unterschiedliche geometrische Eindrücke bereithält.

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Die zusammengefügten Objekte bearbeitet die Bildhauerin zusätzlich mit der Kettensäge. Sie vereint damit die unterschiedlichen Hölzer zu einer einzigen Komposition, deren Oberfläche sie mit schwarzer Ölkreide bearbeitet und in Naturtöne fasst. Diese überdecken jedoch nicht, sondern heben im Gegensatz die Individualität der Einzelteile sowie die Arbeitsspuren hervor. Die Einritzungen und Kanten wirken wie eine Zeichnung auf den Objekten. Die Ölkreide gibt der Oberfläche ein samtiges, weiches Aussehen, das zum Anfassen animiert.

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Die Formensprache der Objekte finden sich in Ingrid Hartliebs Zeichnung wieder. Auch hier liebt sie die großen Formate, die ihr die Freiheit geben, sich auszubreiten, die Formen großflächig zu entwickeln. Als Malgrund entdeckte sie für sich die Baufolie, die sie von beiden Seiten bemalt. Dabei entstehen kraftvoll dominante, geometrisch angeordnete Linien als auch Bewegungen, die als Schatten weiterwirken, durch ihr helles Grau in den Hintergrund treten und damit eine dreidimensionale Komponente hinzufügen.

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In der Galerie Wohlhüter sind die großformatigen Arbeiten von Ingrid Hartlieb zu sehen und auch Kleinformatiges, das in einem Regal Platz findet. Die Kleinplastiken dienen der Bildhauerin dazu, ihre Formen zu entwickeln. „Ingrid Hartlieb verwendet dafür gerne all jene Materialien, die sich eigenen, Plastizität zu erzeugen“, erläuterte Sabine Heilig. Dazu gehören Materialien wie Gips, Pappe, Styropor und Holz. Einige dieser Kleinplastiken habe sie in Eisen gießen lassen.

Vier Jahrzehnte künstlerisches Schaffen

Die Ausstellung zeigt Arbeiten aus vier Jahrzehnten künstlerischen Schaffens und gibt einen umfassenden Überblick zu den Werken Ingrid Hartliebs. „Ihre Fähigkeit, geistige Vorstellungen durch die Kunst zu artikulieren, basiert auf Offenheit, Neugierde und Experimentierfreudigkeit“, resümierte die Laudatorin anerkennend.

Die Ausstellung „Zeichnung und Skulptur aus vier Jahrzehnten“ ist bis zum 24. November zu sehen. Öffnungszeiten: freitags von 13 bis 18 Uhr, samstags von 10 bis 14 Uhr, sonntags von 11 bis 16 Uhr sowie nach Vereinbarung. Im Internet:
http://www.galerie-wohlhueter.de

Zur Person 

Ingrid Hartlieb wurde im Jahr 1944 in Reichberg (in der früheren Tschechoslowakei) geboren. Sie studierte von 1972 bis -1977 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. 1980 erhielt sie den Preis der Neuen Darmstädter Sezession und zwei Jahre später ein Arbeitsstipendium des Landes Baden-Württemberg in Olevano-Romano, Italien. Zahlreiche Auslandsstipendien und -aufenthalte führten sie neben Italien nach Frankreich, in die USA und nach Südafrika. Alle Reisen beeinflussten ihr Arbeiten stark. Darüber hinaus erhielt sie einige Auszeichnungen. Zuletzt, im Jahr 2018, durfte sie den Maria-Enssle-Preis der Kunststiftung Baden-Württemberg in Empfang nehmen. (imi)