Bei der neuen Ausstellung in der Galerie Wohlhüter in Thalheim denkt man beim Betrachten der Arbeiten ein bisschen an "verkehrte Welt". Das betonte auch Christian Gögger, künstlerischer Leiter des Esslinger Kunstvereins, der bei der Vernissage als Laudator auftrat. Ausschlaggebend für diesen Eindruck sind die geradezu zart wirkenden Plastiken aus schwerem Stahl von Erwin Herbst sowie die raumbeherrschende, abstrakte Malerei von Heinz Thielen. Während die Musik der Bilder mächtig ist, muss man bei den Plastiken von Erwin Herbst auf die leisen Töne achten.

Das könnte Sie auch interessieren

Betrachter müssen sich Dialog zwischen den Werken erarbeiten

"Zunächst drängt sich kein Dialog zwischen den Arbeiten der beiden Künstler auf", sagte Christian Gögger. Diesen Dialog müsse sich der Betrachter erst selbst erarbeiten. Die Gemeinsamkeiten des Bildhauers Erwin Herbst und des Malers Heinz Thielen bestünden darin, dass sie beide an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart studierten und konsequent abstrakt arbeiteten.

Christian Gögger (Dritter von links) beschreibt die Kunstwerke von Heinz Thielen (links) und Erwin Herbst (Zweiter von links). Galerist Werner Wohlhüter hatte die Gäste begrüßt.
Christian Gögger (Dritter von links) beschreibt die Kunstwerke von Heinz Thielen (links) und Erwin Herbst (Zweiter von links). Galerist Werner Wohlhüter hatte die Gäste begrüßt. | Bild: Isabell Michelberger

Schatten der Plastiken lassen dreidimensionalen Eindruck entstehen

Die meist monochromen Arbeiten von Erwin Herbst stehen wie eine Zeichnung im Raum, mal sind es komplexe geometrische Linien, mal ist es nur ein Strich, der sich windet oder dynamisch gezackt ist. Sparsam setzt Herbst farbliche Akzente: gelb, blau, rot. Man fühlt sich an die Farben des niederländischen Künstlers Piet Mondrian erinnert. Was Herbst bewusst inszeniert, sind die Schattenzeichnungen, welche die Plastiken an die Wand werfen. Dabei entsteht ein dreidimensionaler Eindruck, der sich mit dem einfallenden Licht verändert. Bei den Zeichnungen von Erwin Herbst handelt es sich nicht um Vorarbeiten zur Plastik, sondern diese entstehen vollkommen unabhängig von ihr. Wenn Herbst mit einem neuen Werk beginnt, hat er zwar eine Vorstellung davon, wie es werden soll, doch diese Vorstellung wird beim Arbeiten verändert, erzählte er. Den Stab aus Stahl forme er kalt mit der Hand, ohne ihn vorher zu erhitzen. "Es kostet Kraft, aber nicht so viel, wie man meint", beschrieb der Künstler. Während dieser Art Fleißarbeit könne er gut reflektieren und studieren, wie sich die Formen unter seinen Händen weiterentwickelten.

Die Arbeiten aus der Serie "Higgs" von Erwin Herbst malen Schatten an die Wand.
Die Arbeiten aus der Serie "Higgs" von Erwin Herbst malen Schatten an die Wand. | Bild: Isabell Michelberger

Bilder mit Dynamik und Spannung

Über die Werke des Malers Heinz Thielen sagte Laudator Christian Gögger: "Heinz Thielens Arbeiten haben sogar ein olfaktorisches Element, denn man kann sie riechen." In den Bildern steckt Dynamik und eine anregende Spannung, die Raum zur Entfaltung braucht. Die Farben sind pastos, also mit viel Material und breitem Pinsel aufgetragen. Es gibt Trennungen, Schnitte und Übergänge von Formen und Farben sowie Richtungs- und Farbwechsel. Die "Ungenauigkeiten" an den Grenzen der Farbflächen sind gewünscht. Damit durchbricht Thielen Grenzen. Er verwendet die Nass-in-Nass-Technik und malt mit fünf bis sechs Farben zugleich. Das erfordert höchste Konzentration, da die Komposition danach stimmen muss: "Ich habe auch schon vieles wieder heruntergekratzt", beschrieb Thielen den Entstehungsprozess.

Richtungs- und Farbwechsel kennzeichnen die Bilder von Heinz Thielen.
Richtungs- und Farbwechsel kennzeichnen die Bilder von Heinz Thielen. | Bild: Isabell Michelberger

Jedes Bild braucht seine Zeit

Der heikelste Moment sei derjenige kurz vor der Vollendung einer Arbeit. "Manchmal muss man etwas Gutes zerstören, um etwas Besseres daraus zu machen", erläuterte er den schwierigen Schritt. Beim Prozess, die Spannung in einem Bild zu erhöhen, komme man schnell an Grenzen, die auch ein Scheitern beinhalten. Jedes Bild brauche seine Zeit. Mit denjenigen, die schnell einen Markt bedienen wollen, wolle er nichts zu tun haben.