Klassentreffen sind eine gefährliche oder zumindest peinliche Angelegenheit. Wer diese Aussage für übertrieben hält, hat am kommenden Freitag und Samstag jeweils ab 19.30 Uhr im Thalheimer Wendelini-Saal die Chance, sich von seiner bisherigen Sorglosigkeit in Sachen Klassentreffen kurieren zu lassen. Die Theatergruppe des Bildungswerks Thalheim/Altheim hat extra ein Lustspiel nach Regina Rösch in drei Akten unter der Regie von Ruth Bleile und Gabi Heim einstudiert.

Schon der Titel "Das verflixte Klassentreffen" verspricht einen spannenden Theaterabend. Oder anders ausgedrückt: Das Stück sollte "Es darf gelacht werden" heißen. Das liegt natürlich auch an den Laiendarstellern. Nehmen wir den unter seiner Frau leidenden Franz-Josef Holzmeier. Michael Reuter füllt diese Rolle so perfekt aus, dass sich der Zuschauer fragt, ob Reuter sich nicht selber spiele. Herrliche Mimik, theatralische Gesten, witzige Dialoge machen diese Rolle aus. Susanne Vogler spielt Amanda Holzmeier, die bereits erwähnte Gattin von Franz-Josef. Sie tritt resolut auf, niemand im Publikum wäre überrascht, wenn sie plötzlich ein Nudelholz zücken würde. Zur Familie Holzmeier gehören noch der Opa, gespielt von Rolf Liehner, und der erwachsene Sohn Markus, in dessen Rolle Michael Müller schlüpft. Der Opa hat es faustdick hinter den Ohren und der Sohn ist keineswegs so naiv und schwerfällig, wie es den Anschein hat.

Sandra Jäger alias Paula Specht ist die Dorftratsche. Entsprechend lauscht sie an der Tür.
Sandra Jäger alias Paula Specht ist die Dorftratsche. Entsprechend lauscht sie an der Tür. | Bild: Hermann-Peter Steinmüller

Doch kommen wir zu August Gierig, gespielt von Rainer Liehner. Gierig ist der Freund von Franz-Josef und ein absolutes Schlitzohr. Warum, wird dem Zuschauer erst allmählich klar. Jutta Rudolf spielt als Franziska Gierig die Ehefrau und Freundin von Amanda.

Ein wahres Goldstück auf der Bühne ist Sandra Jäger. Sie verkörpert als Paula Specht die dörfliche Bildzeitung, das heißt die Tratschtante. Auch sie hat einen Ehemann, den "Poschtle" Ferdinand Specht, den Rainer Hafner verkörpert. Er ist die größte Überraschung im Stück, denn hinter der biederen Beamtenfassade brodelt es gewaltig. Dann kommen in dem Stück noch drei Amerikaner vor. Hans-Peter Neidig tritt als Johannes Martin auf die Bühne, Anita Molitor ist seine Ehefrau Elisabeth. Das optische Glanzstück des ganzen Stücks ist die Tochter der beiden. Hübsch und amerikanisch-auffällig geschminkt und angezogen kommt Martina Maile als Kathy Martin auf die Bühne.

Das Bühnengeschehen beginnt an einem Samstagmorgen in der Küche der Holzheimers. Die Küche ist übrigens ein Detail des ombulenten Bühnenbildes. Selbst an Kleinigkeiten wie die Ferienansichtskarten am Geschirrschrank wurde gedacht. Natürlich liest die Familie die Heimatzeitung und stolpert dabei über die Nachricht über ein Klassentreffen in Kreenheinstetten. Franz-Josef hält diese Meldung für überflüssig, seine Frau ist allerdings sofort Feuer und Flamme. Sie organisiert zusammen mit ihrer Freundin Franziska Gierig ein eigenes Klassentreffen in Thalheim. Die beiden Ehemänner sind von dieser Idee überhaupt nicht begeistert. Im Kampf gegen das Klassentreffen müssen sie sogar den "Poschtle" Ferdinand besoffen machen. Denn ein im dörflichen Briefkasten bereits eingeworfener Einladungsbrief darf auf keinen Fall seinen Empfänger erreichen. Als dann trotz aller Mühe wenige Tage vor dem Klassentreffen trotzdem die Drei aus Amerika im Dorf auftauchen, platzt die Bombe.

Beim Publikum kam das Stück prima an. Beispielsweise bei Sonja Seßler. Die gebürtige Thalheimerin wohnt jetzt in Kaiseringen. Sie schwärmte: "Es ist super, weil das Stück lustig ist und ich die meistern Darsteller kenne."

 

Neuling, alter Hase, Geheimwaffe: Sie alle spielen Theater

  • Michael Reuter ist 50 Jahre alt und gelernter Werkzeugmachermeister. Im SÜDKURIER-Gespräch versichert der Thalheimer, dass er im Alltag keineswegs so sei wie seine Bühnenfigur Franz-Josef. Auch sei seine Ehe völlig anders als auf der Bühne. Trotzdem hat sich der Werkzeugmachermeister mit dieser Figur, mit dem Franz-Josef Holzmeier identifiziert. Wie weit das geht, beschreibt Michael Reuter so: „Irgendwann denkst du so wie Franz-Josef.“ Es ist sein dritter Bühnenauftritt nach den bisher von der Theatergruppe gespielten Stücken „Ruhestand und plötzlich war die Ruhe weg“ (2014) und „Dem Himmel sei Dank“ (2016).
    Michael Reuter
    Michael Reuter | Bild: Hermann-Peter Steinmüller
  • Martina Maile gehört mit ihren 25 Jahren zu den jüngeren Schauspieltalenten in Thalheim. Die bislang völlig bühnenunerfahrene Feinoptikerin war von Jutta Rudolf gefragt worden, ob sie nicht eine Rolle im „Verflixten Klassenzimmer“ übernehmen möchte. Zwischen der Frage und der positiven Antwort seien nur wenige Stunden vergangen. Einen Schritt, den sie absolut nicht bedauere. Als Grund für ihr Ja sagt Martina Maile: „Ich finde die Rolle eben so witzig. Das Theaterspielen ist mal etwas vollständig anderes.“ Außerdem, so unterstreicht sie, mache es Freude, wenn andere sich freuten.
    Martina Maile
    Martina Maile | Bild: Hermann-Peter Steinmüller
  • Hans-Peter Neidig ist ein 63 Jahre alter Chirurgiemechaniker, der nach über 40 Jahren Pause wieder einmal auf der Laienbühne steht. Er berichtet: „Ich habe vor 45 Jahren schon bei der Landjugend in Kreenheinstetten mitgespielt.“ Jetzt sei er gefragt worden, ob er nicht mitspielen möchte. Sein Ja hat er nicht bereut: „Ich habe super Mitspieler, es ist eine tolle Truppe.“ In den vergangenen zwei, drei Monaten der Vorbereitung hat er sich voll in die Rolle des aus Thalheim stammenden erfolgreichen Geschäftsmannes in Las Vegas eingefügt. „Man fühlt sich in eine solche Rolle ein.“
    Hans-Peter Neidig
    Hans-Peter Neidig | Bild: Hermann-Peter Steinmüller
  • Susanne Vogler (51) aus Thalheim ist Bankkauffrau und die Geheimwaffe, wenn eine resolute Frauenrolle zu besetzen ist. Vor zwei Jahren war sie in die Rolle einer Pfarrhaushälterin geschlüpft und jetzt spielt sie als Amanda den Ehedrachen. Privat sei sie ebenso resolut wie auf der Bühne, da müsse sie sich nicht verstellen. „Ich bin seit 1995 verheiratet. Sowohl mein Mann als auch unsere beiden Kinder, 16 und 20 Jahre alt, haben bislang überlebt“, meint sie lachend. Wenn nichts dazwischen kommt, wird sie in zwei Jahren wieder auf der Bühne stehen.
    Susanne Vogler
    Susanne Vogler | Bild: Hermann-Peter Steinmüller