In Baden-Württemberg soll ein drittes Biosphärengebiet entstehen, das hat sich die grün-schwarze Landesregierung vorgenommen und die Region Allgäu-Bodensee dafür im Blick, denn die dort befindlichen Moore bieten ein Alleinstellungsmerkmal. Gegen das Projekt regt sich schon Widerstand von Land- und Forstwirten, die Einschränkungen bei der Bewirtschaftung von Flächen befürchten, die sich einem Biosphärengebiet befinden. Auch deshalb finden in den kommenden Monaten viele Konferenzen und Gesprächsrunden statt, es werden Arbeitskreise gegründet, denn die Politik hat versichert, dass letztlich die Gemeinderäte entscheiden, ob ihre Gemeinden Teil eines Biosphärengebietes werden oder nicht.

Vertreter von betroffenen Kommunen, Landwirtschaft, Gewerbe und Naturschutz

In der Buchbühlhalle fand nun mit Vertretern des Gemeindeverwaltungsverbandes Altshausen sowie den Gemeinden Illmensee, Ostrach, Wilhelmsdorf und Bad Saulgau eine erste Regionalkonferenz statt, zu der auch Vertreter aus Landwirtschaft, Naturschutz und Gewerbe eingeladen waren. „Der nun beginnende Prüfprozess ist ergebnisoffen, in dem wir, die beteiligten Kommunen prüfen, ob wir ein Biosphärengebiet wollen oder nicht“, versicherte Timo Egger, ehrenamtlicher Bürgermeister von Fleischwangen und Vorsitzender einer Arbeitsgemeinschaft. „Biosphärengebiete sind Modellregionen, in denen das Zusammenleben von Mensch und Natur weltweit beispielhaft entwickelt und erprobt wird und Teil des UNESCO-Programms der Mensch und die Biosphäre“, erklärte Petra Bernert vom Umweltministerium Baden-Württemberg.

Bannwald im Pfrunger-Burgweiler Ried als Kernzone absolut geeignet

Stefan Schwab vom Regierungspräsidium erklärte, dass 87 Prozent aller Moorgebiete von Baden-Württemberg sich in Oberschwaben befänden, wobei für das geplante Biosphärenreservat ein Suchraum von 143 000 Hektar ausgewählt wurde. Die exakte Abgrenzung muss erst noch erfolgen. Diese ist nötig, denn ein Biosphärengebiet besteht aus drei Teilen. Einer Kernzone, die drei Prozent der Fläche ausmachen muss und die sich gänzlich selbst überlassen wird. Der Bannwald im Burgweiler-Pfrunger Ried ist als Kernzone im Prinzip gesetzt. Umgeben wird diese von einer Pflegezone, die mindestens zehn Prozent der Fläche betragen muss und dieses Gebiet wird von der Entwicklungszone umgeben, die mindestens 50 Prozent der Fläche beträgt, und in der die Menschen leben und arbeiten.

Misstrauen gegen Versprechungen von Behörden

Mehrere Fragesteller, darunter Burgweilers Ortsvorsteher Matthias Seitz und Landwirt Thomas Hagmann aus Ebersbach-Musbach, machten deutlich, wie groß das Misstrauen gegen die Landesbehörden ist, nachdem in der Vergangenheit Versprechungen bei der Ausweisung von FFH-Gebieten und Vogelschutzgebieten nicht eingehalten sowie einseitig und überraschend Einschränkungen bei der Bewirtschaftung der Flächen angeordnet wurden. Mehrfach versicherten die Behördenvertreter bei der Regionalkonferenz, dass es keine neuen Schutzbestimmungen für ein Biosphärengebiet gebe, sondern die gültigen Vorgaben weiter gelten.

Projekt soll von „unten nach oben“ entwickelt werden

Das Projekt habe auch großes gesellschaftliches Potenzial und Chancen für den nachhaltigen Tourismus und die regionale Wirtschaft. Die Herausforderungen seien das notwendige Engagement der Kommunen und der Bürger und eine Innovationsbereitschaft, denn „ein Biosphärengebiet läuft nur mit Menschen“, war das Statement von Bernert. Sie antwortete auch auf die Frage nach den Finanzierungsmodalitäten.

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Geschäftsstelle wird eingerichtet

Eingerichtet werden soll eine Geschäftsstelle für das Biosphärenreservat, die auch für die Akquirierung von Fördergeldern zuständig. Man müsse mit einem Sockelbetrag von 200 000 Euro rechnen, wobei das Land 70 Prozent der Kosten übernehme und die beteiligten Kommunen die restlichen 30 Prozent. Auf der Schwäbischen Alb sei es gelungen, mit diesen 200 000 Euro Investitionen in Millionenhöhe zu generieren, ergänzte Bernert, dass bei künftigen Förderkulissen ein Biosphärengebiet mit Vorteilen rechnen könne.

Beitrag für nachhaltige Nutzung der Region

Dezernentin Iris Steger vom Dezernat Kreisentwicklung, Wirtschaft und ländlicher Raum im Landratsamt Ravensburg sieht den Prozess als Beitrag zur nachhaltigen Regionalentwicklung, um heute schon Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft zu suchen. Dazu zählt sie die aktuellen Themen Energiewende, Folgen des Klimawandels und der Rohstoffknappheit. „Biosphärengebiet ist mehr als nur Optik und ein touristisches Programm, sondern die Schaffung von Rahmenbedingungen für einen Beitrag zur nachhaltigen und ressourcenschonenden Nutzung unserer Region“, so die Überzeugung der Dezernentin.

Ehrenamtlicher Bürgermeister glänzt als Moderator

„Der nun beginnende Prüfprozess ist ergebnisoffen, in dem wir, die beteiligten Kommunen prüfen, ob wir ein Biosphärengebiet wollen ...
„Der nun beginnende Prüfprozess ist ergebnisoffen, in dem wir, die beteiligten Kommunen prüfen, ob wir ein Biosphärengebiet wollen oder nicht“, sagte Timo Egger, ehrenamtlicher Bürgermeister von Fleischwangen. | Bild: Volk, Siegfried

Timo Egger betonte, dass bei dem Diskussionsprozess die Qualität und Intensität vor Schnelligkeit gehe und fünf bis acht Jahren bis zu einer Entscheidung vergehen könnte. Petra Bernert, die das Biosphärengebiet Schwäbische Alb mehrere Jahre gemanagt hat, berichtete auf Nachfrage, dass dort binnen zwei Jahren die Gemeinden ihre Zustimmung zum Projekt gegeben haben. Abschließend machte er auch deutlich, dass man selbstredend keine Prognose abgeben könne, ob es in der Zukunft gesetzgeberische Änderungen geben könnte, was die Nutzung der einzelnen Zonen angeht. Klar sei, dass sicher bestehende Wanderwege auch in Kernzonen weiter genutzt werden dürfen.