Die Suchtgefahr lauert an vielen Ecken. Alkohol ist als legale Droge nahezu ständig verfügbar und wer sein Leben den Geldspielautomaten verschrieben hat, der wird im Landkreis Sigmaringen keinen Mangel leiden. Spielhallen gibt es flächendeckend und sie werden zunehmend in die Gewerbe- und Industriegebiete verlagert, weil sie dort niemanden stören.

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„Für Spielsüchtige ist das super. Da bekommt fast niemand mit, wenn man zu den Automaten geht“, sagt Marvin S. (Name von der Redaktion geändert). Er kennt sich aus, ist ein echter Insider. Der 25-Jährige hat mit 15 Jahren angefangen, sein Geld in Automaten zu stecken. Freunde haben ihm geholfen, dass er überhaupt in eine Spielhalle reinkommt. „Komischerweise gewinnt man anfangs und dann denkt man, dass das so weitergeht“, erzählt Marvin beim Pressegespräch in der Suchtberatung in Sigmaringen. Dort hat sich der Spieler Hilfe geholt und besucht jetzt auch regelmäßig eine neue Selbsthilfegruppe, die sich „dry land“ nennt. Übersetzt heißt das „trockenes Land“. Betroffene sollen „trocken“ werden oder bleiben. Der Begriff wurde ursprünglich für Alkoholabhängige geprägt, heutzutage kann man ihn auch für Drogen- oder Spielabhängige nutzen, für Tablettensüchtige und alle, die ein Problem haben, weil sie, aus welchen Gründen auch immer, in eine Abhängig geraten sind, aus der sie alleine nicht mehr herauskommen.

Die eigene Biographie muss reflektiert werden

„Oft sind es auch Kombinationen unterschiedlicher Abhängigkeiten“, erklärt Michael Sigg aus Sigmaringen. Er leitet die Selbsthilfegruppe ehrenamtlich, ist ausgebildeter Suchthelfer und bezeichnet sich selbst schmunzelnd als „Drogist“. Denn er kann auf ganz unterschiedliche Erfahrungen mit Süchten zurückgreifen und hat auch zwei stationäre Therapien gemacht. „Drogen, Alkohol, Spiel, das ganze Paket“ sagt er, wenn er aus seinem Leben als Abhängiger berichtet. Wenn er bereits am 15. des Monats in Geldschwierigkeiten war, weil er einige Hundert Euro in einer Spielhalle gelassen hatte, dann hat er das lange nicht als Problem gesehen. Dass er sein Leben in den Griff bekommen hat, das hat nicht nur unabhängig, sondern auch selbstbewusster gemacht. Dennoch: „Die Selbsthilfegruppe mache ich auch für mich“, sagt er. Etwas Eigennutz sei schon dabei. Denn die Maxime „ich will nicht zurück in die Sucht“ lässt sich leichter erfüllen, wenn man immer wieder auch mit den Problemen anderer konfrontiert wird. Aus den eigenen Erfahrungen zu berichten, das bedeutet auch, seine eigene Biographie zu reflektieren.

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Für eine Therapie gibt es Fachleute

Michael Sigg legt viel Wert auf die Feststellung: „Wir machen in der Gruppe keine Therapie. Das ist Sache der Fachleute.“ Über solche Experten verfügt Sebastian Schneider, der jetzt 23 Monate der Leiter der Suchtberatung ist. 900 bis 1000 Kontakte zu Suchtabhängigen oder -gefährdeten kann die Beratungsstelle pro Jahr aufweisen. Über 600 davon führen zu Einzel- oder Gruppengesprächen, zu ambulanten und durchaus auch zu stationären Therapien. Der Bedarf ist enorm. Die Alkoholabhängigen und Spielsüchtigen bilden den absolut größten Anteil der Klienten und oft gibt es auch einen Zusammenhang. „Und das Angebot im Spielbereich wächst enorm. Wer nicht in die Spielhalle möchte oder darf, der geht halt ins Online-Casino“, erklärt Schneider.

Alles ausprobiert, was es im Glücksspielbereich gibt

Kevin R. (Name von der Redaktion geändert) hat „so ziemlich alles ausprobiert, was es im Glücksspielbereich gibt“, wie er unumwunden zugibt. Poker, Black Jack und Spielautomaten haben ihn viel Geld gekostet. Vor sechs Jahren hat er Online-Casinos und Sportwetten für sich entdeckt. „So 30 000 Euro habe ich locker verzockt“, sagt er. Und das hat natürlich auch zu Schulden geführt. „Wenn die Kreditkarte gesperrt ist, dann gibt es auch andere Möglichkeiten“, weiß Kevin. Immer wieder hat er versucht, vom Spiel loszukommen. Es war schwer. Eine ambulante Therapie hat ihm geholfen. „Du musst erkennen, dass du total im Dreck sitzt und nicht mehr alleine rauskommst“, sagt er. „Die letzte Tür schließen“, sei die einzige Möglichkeit von der Sucht wegzukommen. Wenn es nach ihm ginge, dann müsste man Glücksspiel komplett verbieten. Fußballwetten hält er „für die größte Frechheit“. Die Selbsthilfegruppe ist für ihn eine echte Hilfe. „Da erfährst du auch Möglichkeiten, was du tun kannst, wenn der Druck kommt.“ Wie Marvin hat er sich für Sport entschieden. Beiden gibt Kickboxen den Adrenalinschub, den sonst das Spiel vermittelt. Doch Sport sei nicht jedermanns Sache. „Jeder muss für sich selbst etwas suchen, was zu ihm passt und wo er auch Spaß daran hat. Und in der Gruppe bekommt man da schon gute Anregungen“, weiß Marvin.

Selbsthilfegruppe trifft sich alle vierzehn Tage

Derzeit sind es sieben bis acht Leute, die zu den Treffen kommen, die alle 14 Tage mittwochs in der Suchtberatung in Sigmaringen stattfinden. „Ein paar Angehörige wären echt gut“, stellt der Gruppenleiter fest. Denn auch diese sind zu den Treffen, die vollkommen der Schweigepflicht unterliegen, herzlich willkommen. Die Teilnehmer sind zwischen 25 und 56 Jahren alt und überwiegend Männer. „Doch Alter und Geschlecht spielen keine Rolle“, stellt Michael Sigg fest. Wichtig sei nur der Wille, von seiner Sucht loszukommen. Und ganz wichtig: „Jeder in der Gruppe ist ein Experte“, wie der Sigg deutlich macht.

Weiter Informationen und die Termine der Gruppentreffen bei Michael Sigg unter Tel. 01 52-08 54 76 22 oder per E-Mail an dry-land-sigm@web.de

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Erleichterungen für Glücksspiel geplant

Ein Glücksspielneuregulierungsstaatsvertrag wird derzeit diskutiert und soll zum 1. Juli 2021 in Kraft treten.

  1. Dann sollen Online-Glücksspiele wie Casino, Roulette, usw. erlaubt sein. Auch Sportwetten soll der neue Vertrag ermöglichen. Allerdings gibt es bestimmte Einschränkungen bei Live-Wetten. Nicht alles soll aber möglich sein. So Wetten in anderen Ländern („Welche Mannschaft bekommt die nächste gelbe Karte?“).
  2. Spieler können sich bundesweit sperren lassen, online und terrestrisch. Das soll dann problemlos für 24 Stunden möglich sein, dann für drei Monate. Fremdsperren gelten für ein Jahr und werden immer mal wieder von Spielbanken ausgesprochen. Die Entsperrung muss beantragt werden.
  3. Es wird Einschränkungen für die Glücksspiel- und Sportwettenwerbung geben, durch die viele Menschen erst zum Glücksspiel kommen.
  4. Es soll erstmals eine bundesweite Aufsichtsbehörde eingerichtet werden. Die wird allerdings erst ab 2022 arbeitsfähig sein.
  5. Es wird zwar keine personenbezogene Spielerkarte geben, aber ein Spielerkonto, sodass ein Spieler sowohl online als auch terrestrisch nur an einem Glücksspiel teilnehmen kann
  6. Auf diesem Spielerkonto gibt es für das online-Spiel dann ein monatliches Spieler-Limit von 1000 Euro. In Ausnahmefällen kann eine Erhöhung auf 10 000 oder 30 000 Euro beantragt werden. Beim Glücksspielwechsel gibt es eine „Pause“ auf dem Spielerkonto von fünf Minuten zum „cool down“. (kf)

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