Der Veranstaltungsort passte zum Thema dieser ganztägigen Regionalkonferenz: Im Innovationscampus Sigmaringen ging es unter dem Motto „Treffpunkt Zukunft“ um Herausforderungen und Perspektiven für die Kinder- und Jugendarbeit im ländlichen Raum. Seit Beginn der Corona-Pandemie mit Lockdown und Home-School-Unterricht wird der Wert und die Wirksamkeit von Kinder- und Jugendarbeit deutlich, wie selten zuvor. Die Einschränkungen, die junge Menschen im schulischen Bereich erfahren, setzen sich genauso im außerschulischen Bereich fort, mit teilweise fatalen Folgen für die junge Generation. Deshalb hat der Jugendhilfeausschuss des Kreistages die Entwicklung einer „Post-Corona-Strategie“ beschlossen, die an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen ansetzen soll. Dabei soll der Fokus auf dem Ländlichen Raum liegen, wo diese wichtige Sozialarbeit unbedingt erhalten und wenn möglich sogar ausgeweitet werden soll.

Zukunftstag erzeugt bei Teilnehmern Aufbruchstimmung

Der Fachtag im Innovationscampus in der früheren Graf-Stauffenberg-Kaserne bildete dabei den Auftakt, und Sozialpädagoge Frank Steng, der einst das Jugendhaus Pfullendorf leitete, brachte die Gefühlslage der Teilnehmer auf den Punkt: „Ich bin absolut begeistert.“

Bei der Abschlussdiskussion wurde deutlich, wie werthaltig der Veranstaltungstag von den Teilnehmern empfunden wurde.
Bei der Abschlussdiskussion wurde deutlich, wie werthaltig der Veranstaltungstag von den Teilnehmern empfunden wurde. | Bild: Volk, Siegfried

Tatsächlich war die Aufbruchstimmung bei den Teilnehmern schier mit Händen zu greifen. Es gab mehrere Vorträge mit hochkarätigen Experten, wie Professor Andreas Polutta, der die Frage in den Raum stellte: „Jung sein heute – wozu Kinder- und Jugendarbeit?“

Soziale Ungleichheiten prägen das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen

Zahlen und Daten zur Kinder- und Jugendarbeit in Baden-Württemberg und im Landkreis Sigmaringen gab es von Volker Reif vom Landesjugendamt. Er machte deutlich, dass soziale Ungleichheiten im Jugendalter auch deren Aufwachsen prägen. Im Landkreis wird sich nach Expertenschätzungen der Anteil der Sechs- bis 21-Jährigen bis 2030 um vier Prozent erhöhen werde. Düster sieht es hingegen in der Altersgruppe der 18-bis 27-Jährigen aus. Hier prognostizieren die Fachleute in den nächsten Jahren ein Minus von 18 Prozent und damit den höchsten Rückgang in Baden-Württemberg. Die Ausgaben pro Kopf der Sechs- bis 21-Jährigen für die Jugendarbeit und Schulsozialarbeit betrugen im Landkreis Sigmaringen jährlich 142 Euro, wobei der Anteil der Schulsozialarbeit sich stetig erhöht. An fünfter Stelle im Land liegt der Landkreis mit 87 Einrichtungen für die Jugendarbeit und nach Angaben von Volker Reif engagieren sich 1278 Personen ehrenamtlich für die junge Generation. Der Experte forderte, dass man die Belange und Bedarfslagen der über 16-Jährigen im Blick behalten und jungen Menschen in prekären Lebenssituationen niedrigschwellige Unterstützung anbieten müsse.

Neue Problemlagen erkennen

Am Nachmittag schlossen sich mehrere Workshops an, die sich unter anderem mit Themen wie „Verwaltung und offene Kinder- und Jugendarbeit“, „Tradition entwickeln – Neues entwickeln“ bis hin zu Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel beschäftigten. Klar ist, dass die Veränderungen der Schullandschaften sowie die Verlagerung von Freizeit- und Jugendkulturräumen in die virtuelle Welt die Sozialarbeit vor neue Herausforderungen stellen. Denn diese Entwicklungen bedeuten, dass sich auch Problemlagen der Kinder und Jugendlichen verändern.

Landkreise entwickeln neue Kampagne

Eine gemeinsame Kampagne unter dem Motto „Kinder- und Jugendarbeit wirkt“ hat der Landkreis Sigmaringen mit den Bodenseekreis sowie den Landkreisen Calw und Rhein-Neckar entwickelt. Ziel ist es, die Bedeutung der Kinder- und Jugendarbeit sichtbar zu machen, ihren Ausbau auf kommunaler Ebene zu sichern oder gar zu erweitern. Dazu wurden unter anderem ein Flyer, Plakate und ein gemeinsames Corporate Design entwickelt.

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Die klare Botschaft lautet, dass Kinder- und Jugendarbeit ein Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung für alle Kinder und Jugendlichen ist. Sie kommt letztlich auch der Gesellschaft zugute, denn eine starke, aktive Kindheit und Jugend entlastet das Hilfesystem und ist die Basis der sozioökonomischen Stabilität des Gemeinwesens. Informationen zur Kampagne unter www.kinder-und-jugendarbeit-wirkt.de.

In der Vergangenheit war Wertschätzung für Sozialarbeit geringer

Hans-Jürgen Rupp, jahrzehntelang Hauptamtsleiter der Stadt Pfullendorf und Kreisrat für die Freien Wähler, bekannte in der Abschlussdiskussion durchaus selbstkritisch, dass in der Vergangenheit in gewisser Weise die Wertschätzung für die Sozialarbeit gefehlt habe. Umso mehr bedauerte er, dass beim Zukunftstag fast keine Vertreter der Kommunalpolitik oder von Gemeindeverwaltungen mit dabei waren. Rühmliche Ausnahmen waren Matthias Henle, Hauptamtsleiter der Stadt Meßkirch, und auch die grüne Kreisrätin Fiona Skuppin, die versprach, dass sie als Mitglied des Jugendhilfeausschusses ihre Kollegen immer wieder darauf hinweisen werde, „dass Jugendarbeit etwas bringt!“ Man erreiche damit Jugendliche, die sogar in der Schule durch das Raster gefallen seien.

Finanzlage wird schwieriger

Für Torsten Schillinger, Sozialdezernent im Landratsamt, ist klar, dass das Netzwerk aus Trägern, Behörden, Vereinen, Organisationen und vielen mehr für eine erfolgreiche Jugendarbeit ebenso unerlässlich ist, wie das gegenseitige Vertrauen. Mahnend fügte er hinzu, dass die Finanzierung in den kommenden Jahren sicher schwieriger werde, da der Staat für andere Bereiche wie die Bundeswehr viel Geld zur Verfügung stelle. Diskussionsleiter Joachim Sauter, viele Jahre in der Jugendarbeit tätig, entgegnete jenen Bedenkenträgern, die durch Unterstützung von Jugendprojekten, eine Flut von weiteren Wünschen heraufbeschwören: „Die jungen Leute sind realistisch, was die Umsetzung ihrer Wünsche angeht. Im Gegensatz zu manchen Erwachsenen, die Unerfüllbares fordern.“