590 Bewerber des Landkreises Sigmaringen hatten nach Ende ihrer Schulzeit ab Oktober 2021 bis September 2022 die sagenhafte Auswahl von 1535 gemeldeten Ausbildungsstellen. Das teilte Anke Traber, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Balingen, bei einem Pressegespräch in den Räumen der Sigmaringer Agentur für Arbeit mit.

Junge Leute haben die Auswahl

„Das ist die Zeit für junge Leute, sich aus einer Vielzahl von Ausbildungsberufen den rauszusuchen, der für sie passt“, sagte Pressesprecher Rolf Gehring. Anke Traber ergänzte: „Anders als bei uns seinerzeit, als wir Kinder der Babyboomer-Zeit schier auf den Knien rutschend uns mit vielen anderen Bewerbern um einen Ausbildungsplatz beworben haben“.

Vielfalt wird oft nicht wahrgenommen

War es damals umgekehrt – viele junge Leute und wenige Ausbildungsberufe – „so ist es heute so, dass die Vielfalt der möglichen Ausbildungen gar nicht mehr wahrgenommen wird“, so Traber. Dazu käme, dass in vielen Schulen wenig Wert auf Weitergabe von Informationen zur Berufsausbildung an die Schüler gelegt werde.

Auch das Handwerk baucht hohe Qualifikationen

Dabei, so Clemens Besenfelder, Ausbildungsberater für kaufmännische Berufe der IHK Bodensee-Oberschwaben, hätten sich auf dem Gebiet der klimabezogenen Berufe weite Felder aufgetan. Statt sich auf die Straße zu kleben, könnten junge Leute in „Klimaberufen“ die Energiewende mitgestalten, indem sie etwa als Anlagenmechaniker oder Kfz-Mechatroniker Ansprechpartner in Sachen Nachhaltigkeit oder Energiesparfragen sind, als Fachleute mit Kenntnissen in Motorelektronik oder Hochvoltantriebsystemen dazu beitragen, Autos klimafreundlicher zu machen, und vieles mehr. „Auch das Handwerk braucht hohe Qualifikationen“, so Christiane Nowottny, stellvertretende Geschäftsführerin und Geschäftsbereichsleiterin Berufsausbildung der Handwerkskammer Reutlingen.

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Die Teilnehmer der Gesprächsrunde erwogen, gemeinsam eine Informationsveranstaltung für „grüne“ Handwerksberufe durchzuführen. „Wir haben mit diesen Berufen den Schlüssel für die Energiewende in der Hand“, so Besenfelder. Marcel Scheibe, Teamleiter der Berufsberatung der Arbeitsagentur, berichtete vom Desinteresse mancher Schulen an Ausbildungsberufen.

Informationen sind oft einseitig

Er habe selber bei Besuchen von Eltern- und Infoabenden erlebt, wie einseitig die Anwesenden in Richtung weiterführenden Schulen und Studium informiert werden. „Schon jetzt hat Deutschland viel zu viele Akademiker“, sagte er, „wo sollen die alle unterkommen?“

Ausbildungsbotschafter gehen an die Schulen

Viele von diesen jungen Leuten seien damit überfordert, würden Schule oder Studium abbrechen, was Neues anfangen und vielleicht wieder scheitern, „nur weil sie dem Druck von Elternhaus und Umfeld standhalten wollen“. Insgesamt sei der Trend besorgniserregend. „Wir haben in Deutschland keine Bodenschätze“, sagte Traber, „den einzigen Schatz, den wir haben, sind die Gehirne unserer Kinder.“ Diesen Schatz zu heben und zu entwickeln, müsse Ziel aller Anstrengungen sein. Dazu zählen auch Ausbildungsbotschafter, die an Schulen gehen, um dort eine Trendwende zum Abbau des Fachkräftemangels zu bewirken. „Der Bedarf in den Betrieben ist groß, aber wir können ihn bei weitem nicht decken“, sagte Traber.

Berufsberatung bietet Hilfestellung an

„Jeder, der von uns Hilfe will, kriegt sie auch“, so ihr Appell an jene Jugendlichen, die nicht so richtig wissen, was für sie richtig ist. Denn Betriebe und Verwaltungen suchten mit Hilfe der Berufsberatung im vergangenen Jahr insgesamt rund 3220 Auszubildende. „Das sind 240 mehr als im Jahr zuvor“. Mit Unterstützung der Berufsberatung hätten rund die Hälfte der jungen Leute einen Ausbildungsplatz gefunden. Weitere 250 entschieden sich für weiteren Schulbesuch, Studium oder Praktikum; 160 für ein Arbeitsverhältnis oder sozialen Dienst.

400 Ausbildungsstellen blieben unbesetzt

75 Jugendliche seien bis Ende des Berufsberatungsjahres ohne Alternative oder Ausbildungsplatz geblieben. „Aber wir sind an ihnen dran und bemühen uns, für sie eine Lösung zu finden“, so Traber. Dennoch seien zum Ende des Berichtszeitraums 400 Ausbildungsstellen unbesetzt geblieben, was einen nicht gedeckten Bedarf der Betriebe bedeute. „Aber wir lassen da nicht nach“, unterstrich Traber, „sondern setzen alles daran, sowohl auf der Angebots- wie auf der Nachfrageseite jede Lücke zu schließen.“