Sigmaringen – Vor 50 Jahren ist in der Kreisstadt Rudolf Kuhn zum Stadtoberhaupt gewählt worden. Doch die Widerstände waren groß. Denn Kuhn – er kam als Bürgermeister aus Herlikofen (heute Stadtteil von Schwäbisch Gmünd) – galt in der traditionell politisch schwarz geprägten Stadt als Kandidat der Sozialdemokraten. Als er im zweiten Wahlgang schließlich mit 122 Stimmen Vorsprung den Sieg über den christdemokratischen Rivalen Paul-Ludwig Weinacht errang, rumorte es kräftig hinter den Kulissen.

Sogar ein Journalist der Wochenzeitung „Die Zeit“ würdigte publizistisch diese Wahlanfechtungen und formulierte den Verdacht, dass es sich in Baden-Württemberg um eine Epidemie handeln müsste, ja um eine Art von „politischer Maul- und Klauenseuche“, die sich über das ganze Land ausbreiten würde. Genüsslich zählte er die Städte Biberach, Laupheim, Wangen und Sigmaringen auf. Auch in Heilbronn, Heidelberg und Konstanz hätte der gewählte Oberbürgermeister zunächst sein Amt nur als sein eigener Amtsverweser antreten können.

Einer der ersten Opfer dieses vom Zeit-Autor sogenannten Bazillus war für ihn Rudolf Kuhn gewesen. Dieser habe sich aber gar nicht bereit erklärt, seinen Fall untersuchen zu lassen. Dafür grollten Kommunalpolitiker und Wähler in der Garnisonsstadt Sigmaringen umso heftiger. Die einen behaupteten, dass Weinacht als Pazifist verrufen wurde und deshalb von den Soldaten an der Wahlurne „abgeschossen“ worden sei. Andere wiederum fühlten sich geprellt, zumal Kuhn jegliche Unterstützung durch die SPD immer abgestritten hatte. Jedenfalls kam der Gemeinderat mit seiner kurz und bündig vorgenommen Annullierung der Wahl Kuhns vor dem Verwaltungsgerichtshof in Mannheim nicht durch. Noch Jahre später erfreute sich der Altbürgermeister an seinem 1968 gelungenen Coup und fand es tatsächlich wahlentscheidend, parteilich unabhängig geblieben zu sein. Zitiert wird er in den örtlichen Medien mit dem Ausspruch: „Ich habe oft CDU gewählt, aber nicht immer.“

Und die Sigmaringer lernten den Mann absolut zu schätzen, wegen seiner unkomplizierten Herangehensweise. Drei Amtsperioden lang, von 1968 bis 1992, sollte Sigmaringens rühriger Bürgermeister die Geschicke der Stadt leiten. So hat Kuhn seit dem Jahr 1871 viele Vorgänger und sämtliche Nachfolger im Amt überdauert, die entweder Mitglieder der Hohenzollerischen Zentrumspartei gewesen waren oder nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs das Parteibuch der CDU trugen. „Kuhn war die rühmliche Ausnahme als Nichtparteimitglied. Er war ein sehr guter Bürgermeister, der vieles bewegt hat“, anerkennt auch der alte CDU-Fahrensmann und Sigmaringer Ehrenbürger Ernst Behringer, der heute 76-Jährige führte 1980 die CDU im Stadtrat als Fraktionschef an, saß von 1994 bis 2010 für den Landkreis im Landtag. Kuhns besonderer Verdienst sei es gewesen, die 1959 nach Sigmaringen gekommene Bundeswehr, die sich zunächst als zusammengewürfelter Haufen dargestellt habe, mit der Stadtbevölkerung innerlich verbunden zu haben. „Das Verhältnis war damals nicht das allerbeste, sie konnten nicht so gut miteinander. Aber danach hat sich alles in Wohlgefallen aufgelöst“, sagt Behringer, der als Oberstabsfeldwebel in der 10. Panzerdivision tätig war und bis heute den Abzug der Bundeswehr aus der Kreisstadt bedauert.

„Rudolf Kuhn war die rühmliche Ausnahme als Nichtparteimitglied. Er war ein sehr guter Bürgermeister, der vieles bewegt hat,“ sagt Ernst Behringer, der alte Fahrensmann der CDU
„Rudolf Kuhn war die rühmliche Ausnahme als Nichtparteimitglied. Er war ein sehr guter Bürgermeister, der vieles bewegt hat,“ sagt Ernst Behringer, der alte Fahrensmann der CDU | Bild: Alexandra Hellstern-Missel

Die allergrößte Herausforderung war für Kuhn die 1973 anstehende Gemeinde- und Kreisreform, die zu zahlreichen Eingemeindungen führte. Geschätzt wurde dabei sein diplomatisches Geschick, obgleich er einer Streit- und Debattenkultur im Rat in gebotener Schärfe auch gegen seine Ansichten durchaus mochte. Doch bei der Reform galt es, sich in wohlfeiler Zurückhaltung zu üben. Denn nicht jede Gemeinde, die ihre Selbstständigkeit verlor, war von der Vereinnahmung durch die Kreisstadt begeistert. So beispielsweise die Gemeinde Laiz, die sich 1938 unter der Nazi-Herrschaft zwangseingemeindet fühlte und 1975 zum zweiten Mal zu Sigmaringen gekommen ist.

Für Aufsehen sorgte der Einsturz der Laizer Brücke. Da rief Kuhn die Bundeswehr zur Hilfe, die aber so schnell nicht anrücken konnte. An deren Stelle installierte das Technische Hilfswerk eine provisorische Schnellbaubrücke über die Donau. Kuhn schuf die Grünanlage um das Bootshaus herum, er forcierte den Bau des Freibades. Die gewaltigste Baumaßnahme aber war die Korrektur des Donaulaufs. Unter seiner Ägide ist die Alte Schule zu einem Kulturzentrum und die Schwabstraße zur Fußgängerzone geworden, gebaut wurde ebenso das neue Feuerwehrhaus. Selbst, als er in den Ruhestand trat und 1992 zum Sigmaringer Ehrenbürger ernannt wurde, hielt er seiner Stadt die Treue, wohnte weiter auf dem Josefsberg, pflegte seinen Garten und war oft im Theater und bei Ausstellungseröffnungen.

Ihm ist ein Naturdenkmal, die hochgewachsene Rudolf-Kuhn-Eiche im Wald südlich von Sigmaringen gewidmet worden. 2010 verstarb er im Alter von 82 Jahren. Und er ist heute noch in der Beliebtheitsskala bei den Sigmaringern ganz vorne angesiedelt.