Der Kultusministerin Susanne Eisenmann ist als Gastrednerin der Kreis-CDU in der voll besetzten Aula der Alten Schule in Sigmaringen ein warmer Neujahrsempfang bereitet worden. Auf geladene Parteifreunde und Gäste wirkt sie bürgernah. Mit Wortwitz und klaren Aussagen gibt sie Einblicke in die bildungspolitische Weichenstellung für die kommenden Jahre und erfährt dafür unter den Versammelten einen prasselnden Applaus.

Die 53-Jährige hält eine fulminante Rede und braucht dazu kein Manuskript. Sie verteidigt den Bildungsföderalismus, für den die Länder wieder kämpfen müssten, garniert mit einer Spitze gegen die Bundeshauptstadt. „Klar ist doch, wenn wir die zentrale Bildungsverantwortung in Berlin hätten, wären alle gleich schlecht!“

In Baden-Württemberg, das räumt sie ein, ohne nach Schuldigen zu suchen, seien eklatante Fehler gemacht worden. Offenbar hätten sich die damals Verantwortlichen zu sehr zurückgelehnt, die frühere Spitzenposition, die Baden-Württemberg innehatte, sei nicht mehr weiterentwickelt worden. Welche Qualitätsprobleme daraus resultieren, habe die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung aufgezeigt: Unter den Viertklässlern hätte jeder Fünfte die Grundschule verlassen, ohne lesen zu können. Im Vergleich mit 16 Bundesländern würde jeder Fünfte in den Grundfächern Lesen, Schreiben und Rechnen nicht mehr den Mindeststandard erreichen. Susanne Eisenmann schließt daraus, dass die in Grundschulen praktizierte Lernmethode „Schreiben nach Hören“ wegen der verheerenden Rechtschreibfehler keinen Sinn mache.

Um generell die Unterrichtsqualität steigern zu können, würde ab Herbst ein Rechtschreibrahmen in allen weiterführenden Schulen vorgegeben werden. „Übung macht den Meister“, greift die Kultusministerin ein geflügeltes Sprichwort auf. „Wichtig ist, dass wir ab der fünften Klasse eine optimale Schulung ermöglichen!“

Mit ihrem ausgeprägten Wortwitz weiß die referierende Ministerin das Publikum in der Aula der Alten Schule immer wieder zu amüsieren.
Mit ihrem ausgeprägten Wortwitz weiß die referierende Ministerin das Publikum in der Aula der Alten Schule immer wieder zu amüsieren. | Bild: Günter Töpfer

Konkrete Forderungen richtet sie auch an die Erziehungsberechtigten. „Wir haben eine zunehmende Anzahl von Eltern, die sich ordentlich von ihrem Erziehungsauftrag verabschiedet haben.“ Hier gelte es, wieder Maß und Mitte zu finden, einer Verrohung der Gesellschaft entgegenzusteuern. Es könne nicht angehen, dass die Lehrerschaft von jenen Eltern für das auffällige Verhalten ihrer Kinder verantwortlich gemacht würden, sich die Lehrkraft zusehends einer verbalen Gewalt ausgesetzt fühlt. Susanne Eisenmann verbindet dies mit dem dringlichen Appell, dass sich die Eltern wieder ihrer Erziehungsverpflichtung bewusst werden müssten und sie warnt gleichermaßen davor, eine „Generation von Ichlingen heranzuziehen“.

Weiter plädiert sie für einen intensiven Dialog zwischen Schulen und Eltern mit dem Ziel, die Leistungsfähigkeit der Kinder wieder besser einstufen zu können: Schüler sollten eine ihrer tatsächlichen Begabung gemäße Schule besuchen und nicht alle aufs Gymnasium gehen. Dazu diene auch der von ihr ins Leben gerufene „Tag der Orientierung“, von Kommunen und Verbänden mitgetragen, zur weiteren beruflichen und akademischen Bildung.

Susanne Eisenmann stellt fest, dass durch die Politik der Vorgängerregierung die Haupt- und Werkrealschulen am deutlichsten an Ansehen verloren hätten. Sie aber wolle um jeden Standort kämpfen. Realschulen würden sich allgemein einer hohen Wertschätzung erfreuen. Mit einem klaren Bekenntnis zu den starken Säulen im Bildungssystem, beabsichtigt sie, die Mittelschule mit zusätzlichen Mitteln zu stärken.

Bei der letzten Schulart, den Gemeinschaftsschulen – 303 sind es in Baden-Württemberg – versichert sie, dass alle ihren festen Platz im Gesamtklang hätten. Ihre Kritiker, wie der Landeselternbeirat oder das Elternnetzwerk im Verein für Gemeinschaftsschulen sowie gewerkschaftliche Lehrervertreter, monieren jedoch, dass bei der Bildung „ideologiebetriebene Stammtische mit populistischen Parolen“ das Wort führen. Eltern würden sich von der Ministerin persönlich angegriffen fühlen, die Schulart Gemeinschaftsschule unterschwellig zur Disposition gestellt. Was der Sigmaringer CDU-Kreisvorsitzende Klaus Burger energisch in Abrede stellt (siehe Nachgefragt).

Sorgen bereitet Susanne Eisenmann, dass allein im Vorjahr landesweit 5100 offene Stellen zu besetzen waren, es zu wenige Lehrer gebe, sich 75 Prozent dieser Lehrer zur Ruhe setzten. Dies führt sie auf Versäumnisse der Vorgängerregierung zurück: Denn diese Pensionierungswelle war dunkelrot erkennbar!“

Noch ein von ihr süffisant serviertes Kuriosum sorgte für Raunen. Eisenmann berichtete nämlich, dass unter den Gymnasiallehrern ein klarer Überschuss zu verzeichnen sei. 2000 fertig Studierende für Deutsch, Geschichte und Erdkunde, die alle keinen Job bekamen, hätte sie angeschrieben. Doch nur 28 Jungpädagogen hätten trotz perspektivischer Garantie für einen Karriereaufstieg nominelles Interesse gezeigt, andere Schultypen zu unterrichten.

Die Ministerin erweist sich auch beim Gesangsvortrag von „Vocalissimo“ als textsicher, sie singt inbrünstig mit. Als Dank für ihre patente Rede überreicht ihr der CDU-Kreisvorsitzende Klaus Burger einen Geschenkkorb mit regionalen Produkten.

Das Ensemble Vocalissimo umrahmt den Vortragsabend mit rührseligen Stücken.
Das Ensemble Vocalissimo umrahmt den Vortragsabend mit rührseligen Stücken. | Bild: Günter Töpfer

Zur Person

Susanne Eisenmann wurde am 28. November 1964 in Stuttgart-Bad Cannstatt geboren. Sie studierte Germanistik, Linguistik und Politikwissenschaft und erlangte 1994 den Magister Artium an der Universität Stuttgart. Sie promovierte im Fachbereich Philosophie. Politisch betätigte sie sich mit 16 Jahren bei der Jungen Union, war ab 1990 Bezirksrätin von Stuttgart-Sillenbuch. 1991 holte sie der CDU-Landtagsfraktionsvorsitzende Günther Oettinger als persönliche Referentin. Als 29-Jährige in den Stuttgarter Gemeinderat gewählt, übernahm sie 2004/05 den CDU-Fraktionsvorsitz. 2005 wurde sie Bürgermeisterin für Kultur, Bildung und Sport. Seit Mai 2016 ist Eisenmann Ministerin für Kultur, Jugend und Sport im Kabinett Kretschmann. (jüw)

"Unsere Lehrerversorgung ist auf Kante genäht"

Klaus Burger ist 2012 als Abgeordneter für Tanja Gönner in den Landtag nachgerückt und schaffte 2016 über sein Erststimmenergebnis erneut den Sprung ins Landesparlament. Der 59-Jährige ist Kreisvorsitzer der CDU in Sigmaringen.

Herr Burger, die Kultusministerin hat zwar angekündigt, alle Schulen gleich behandeln zu wollen. Doch Gewerkschaftsvertreter sagen, sie lasse die Gemeinschaftsschulen am langen Arm aushungern. Was sagen Sie dazu?

Die Kultusministerin setzt die im Koalitionsvertrag der grün-schwarzen Regierung getroffene Vereinbarung um und versorgt alle Schularten mit Lehrer- und Sachmittelausstattung gleichwertig. Die Gemeinschaftsschulen stellen ein besonderes Bildungskonzept dar, das für bestimmte Schüler passt. Wir haben eine flächendeckende Versorgung in ähnlicher Anzahl wie in den Gymnasien. Wenn die Gewerkschaft in diesem Zusammenhang von aushungern spricht, ist dies unredlich. Wir haben lediglich die Privilegierung beendet und beispielsweise unsere Realschulen gleichwertig ausgestattet, welche unter der Vorgängerregierung benachteiligt worden sind.

Glauben Sie an die Zukunft von Werkrealschulen?

Werkrealschulen haben Hervorragendes geleistet, um Schülerinnen und Schüler gerade auf handwerkliche Berufe vorzubereiten. Ich sehe gerade in den Handwerksberufen hohe Bedarfe und sehe auch große Chancen für junge Menschen, die sich für einen Handwerksberuf entscheiden. Auf die Qualität dieses Schultyps zu verzichten, halte ich für falsch. Wir haben die Werkrealschulen jahrelang schlechtgeredet. Das haben sie nicht verdient. Aufgrund der Tatsache, dass Schüler mittlerweile auch an unseren Realschulen ihren Hauptschulabschluss machen können, haben wir sie zusätzlich geschwächt. Das halte ich für falsch, denn hier wird gute Arbeit geleistet. Im Übrigen gilt bei uns auch für Spätzünder: Kein Abschluss ohne Anschluss.

Auch im Schulamtsbezirk Albstadt mangelt es an Lehrkräften. Welche Konzepte sind aus Ihrer Sicht vonnöten, um Jungpädagogen zu gewinnen?

Das Problem ist so groß und wird uns Jahre beschäftigten. Lehrerberufe müssen attraktiver werden. Wir haben die Kürzung der Eingangsbesoldung wieder zurückgenommen, das war ein Schritt. Der ländliche Raum hat viele Vorteile, günstige Baupreise, geringere Lebenshaltungskosten, Vernetzung am Wohnort. Insgesamt fehlt es uns an Lehrkräften, weil wir jahrelang zu wenige ausgebildet haben. Das wird jetzt geändert. Bis dahin ist unsere Lehrerversorgung auf Kante genäht – das heißt, es bedarf großer Anstrengungen, den Pflichtunterricht zu sichern.

Fragen: Jürgen Witt