Nach Vorstellungen einiger Politiker und angeregt von der CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, sollen alle Bürger ab ihrem 18. Lebensjahr einen sozialen Dienst ableisten. Manche setzen lieber auf Freiwilligkeit statt auf Zwang. Und es gibt auch soziale Einrichtungen, die eine Verpflichtung junger Menschen eher kritisch betrachten. Der SÜDKURIER hat Bundes-, Landtagsabgeordnete und soziale Institutionen zu ihrer Einstellung befragt.

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Nils Birschmann, Kommunikationsdirektor der SRH-Holding, merkt dazu an: „In Krankenhäusern besteht grundsätzlich immer Bedarf an helfenden Händen. Viel wichtiger als die zeitweise Übernahme von Hilfstätigkeiten ist es aus unserer Sicht, junge Menschen an Gesundheitsberufe heranzuführen.“ Die seien attraktiver, als es aktuelle Diskussionen vermuten ließen. Krankenhäuser böten zukunftssichere Arbeitsplätze mit viel Flexibilität und sinnhaften Aufgaben, die den Einzelnen erfüllen und der Gesellschaft nützen würden. Dazu gebe es enorme Weiterbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. „Das möchten wir jungen Menschen gern ganz praktisch vermitteln. Ob dazu eine Dienstpflicht der richtige Weg ist, hängt sehr von der konkreten Umsetzung ab. Generell sollte der Weg in einen Gesundheitsberuf aus Überzeugung eingeschlagen werden, nicht durch Zwang“, betont Birschmann.

Örtliche soziale Einrichtungen bewerten die Idee einer allgemeinen Dienstpflicht für alle junge Menschen ab 18 Jahren eher kritisch. Ausgebildete hätten einen besseren Draht, wie hier Anna König, die in Pfullendorf über die Sozialstation Rosmarie Selje betreut. Bild: Karlheinz Fahlbusch
Örtliche soziale Einrichtungen bewerten die Idee einer allgemeinen Dienstpflicht für alle junge Menschen ab 18 Jahren eher kritisch. Ausgebildete hätten einen besseren Draht, wie hier Anna König, die in Pfullendorf über die Sozialstation Rosmarie Selje betreut. | Bild: Fahlbusch, Karlheinz

Alexander Sperl, Geschäftsführer des Caritasverbandes Kreis Sigmaringen, betont, dass sowohl das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) als auch der Bundesfreiwilligendienst (BFD) sehr erfolgreich laufen: „Die Menschen, die freiwillig in unseren Einrichtungen und Diensten mitarbeiten, sind für unseren Verband ein großer Gewinn.“ Ohne Frage sei die Gesellschaft für ein gutes Zusammenleben auf das ehrenamtliche Engagement seiner Bürger angewiesen. „Wir halten aber wenig davon, dies in Form eines Zwangsdienstes zu realisieren. Ehrenamtliches Engagement und die Motivation dafür ist nicht erzwingbar, sondern aus unserer Sicht muss die Freiwilligkeit gefördert werden. Wir halten es deshalb für sinnvoll, in den Ausbau und die Finanzierung der bestehenden Freiwilligendienste zu investieren, um diese für viele Menschen attraktiv zu machen.“ Der Mangel an qualifizierten Fachkräften, beispielsweise in der Pflege, aber auch in anderen Bereichen, könne aus seiner Sicht keinesfalls durch den Einsatz von Freiwilligen kompensiert werden, hier bräuchte man eigene Lösungen.

Wolfgang Scheitler, Leiter der Spitalpflege in Pfullendorf, sieht einen Zwang zur Ableistung eines sozialen Dienstes ebenso kritisch. „Bereits heute haben Jugendliche die Möglichkeit zu einem Freiwilligen Sozialen Jahr oder im Bundesfreiwilligendienst. Dafür stehen vielfältige Einsatzstellen wie Pflegeheime, Krankenhäuser, Fahrdienste, Behinderteneinrichtungen, BUND, NABU, Flüchtlingshilfe zur Verfügung.“ Im Bundesfreiwilligendienst (Nachfolge des Zivildienstes) stelle der Bund aber nur eine bestimmte Anzahl an Plätzen zur Verfügung, argumentiert Scheitler. „Sofern das Kontingent ausgeschöpft ist, bekommen wir keinen Platz zugewiesen. Deshalb wäre eine Aufstockung der Platzzahl im Bundesfreiwilligendienst wünschenswert.“

Wolfgang Scheitler, Leiter des spitälischen Alten- und Pflegeheims Pfullendorf
Wolfgang Scheitler, Leiter des spitälischen Alten- und Pflegeheims Pfullendorf | Bild: Volk, Siegfried

Andreas Kees, Ortsvereinsvorsitzender des Pfullendorfer Roten Kreuzes, sieht seit der Abschaffung vom Wehr- und dadurch auch Zivildienst Löcher in den Arbeitsplänen aller sozialen Einrichtungen klaffen. Insofern sei es verständlich, als eine geeignete Maßnahme der Unterbesetzung an Personal entgegenzuwirken. „Ich selbst habe zu meiner Zeit den damals ersatzweise zehnjährigen Sozialdienst absolviert. Im Laufe dieser Jahre habe ich auch unzählige Zivildienstleistende vom Krankenhaus bis zur Behinderteneinrichtung kennengelernt. Das hat mich selbst und viele andere junge Menschen einfach geprägt“, sagt Kees. Mit der Erfahrung, dass Jugendliche eines Sozialen Jahres sich das gesamte spätere Leben positiv im sozialen Miteinander einbringen würden und könnten, wenn sie Verantwortung übernehmen. Hierbei gehe es um die „Integration aller Bürger, egal welcher Herkunft und Farbe, in ein gelebtes Menschen für Menschen“. Kees’ Votum ist klar: „Insofern bin ich klar für ein Dienstpflichtjahr, wenngleich mir rechtliche Hürden bewusst sind.“ Mehrere ehemalige Zivildienstleistende hätten sich nach ihrem Jahr für diesen Dienst engagiert. So kämen eine ganze Reihe aktiver Mitglieder oder auch hauptamtlicher Mitarbeiter im Rettungsdienst aus einem Sozialen Jahr. „Ohne diese Mitarbeiter und Mitglieder wären die heutigen Aufgaben schlicht nicht zu erfüllen“, betont Andreas Kees.

Andreas Kees.
Andreas Kees. | Bild: Volk, Siegfried

Andrea Bogner-Unden, direkt gewählte Landtagsabgeordnete im Kreis Sigmaringen, hält ein soziales oder ökologisches Jahr für sehr sinnvoll: „Es ist sicher für viele junge Menschen eine Bereicherung, besonders für diejenigen, die sonst in ihrem Alltag nicht mit sozialen oder Umweltproblemen konfrontiert werden.“ Die Grüne würde ein solches Jahr aber nicht verpflichtend einführen und hat dafür triftige Gründe: Die Lebensentwürfe junger Menschen seien unterschiedlich und sollten individuell bleiben. Ein verpflichteter junger Mensch sei nicht unbedingt motiviert, soziale Aufgaben gut zu erledigen und zurzeit gebe es nicht die Strukturen, um alle jungen Menschen sinnvoll vorzubereiten und ihnen auch noch eine sinnvolle Tätigkeit zuzuweisen. „Ich bin aber der Meinung, dass wir es viel attraktiver gestalten sollten, ein soziales Jahr zu machen, sodass mehr junge Menschen sich darauf einlassen.“ So schlägt sie vor: Vorteile bei einer Studienplatzvergabe oder Erleichterungen bei der Ausbildung oder dem Studium. Auch eine angemessene finanzielle Entlohnung könne zur Motivation beitragen. „Und wir brauchen in den Einrichtungen entsprechend qualifiziertes Personal, das sich um diese jungen Menschen kümmert“, sagt Andrea Bogner-Unden – eine Krankenschwester könne dies nicht auch noch nebenher leisten. Dass solche Angebote auch den Geflüchteten zur Verfügung stehen, helfe bei der Integration: „Von daher bin ich sehr dafür, dass wir die Voraussetzungen schaffen, dass sich viel mehr junge Menschen aus Überzeugung für ein Jahr Sozialdienst melden.“ Absolut nicht befürworten würde sie die Ausweitung auf einen Wehrdienst.

Andrea Bogner-Unden (Bündnis 90/Die Grünen, Landtagsabgeordnete des Wahlkreises Sigmaringen)
Andrea Bogner-Unden (Bündnis 90/Die Grünen, Landtagsabgeordnete des Wahlkreises Sigmaringen) | Bild: Sandra Häusler

"Positiver Beitrag und gute Grundlage zur persönlichen Entwicklung"

Auch die beiden direkt gewählten Bundestagsabgeordneten der Wahlkreise Bodensee und Zollernalb-Sigmaringen, die diesen Landstrich vertreten, positionieren sich klar.

 

Lothar Riebsamen bekundet: "Ich halte die Idee eines allgemeinen Dienstes an der Gemeinschaft für charmant. Wenn junge Menschen sich nach ihrem Schulabschluss in sozialen Berufen einbringen möchten, finde ich dies äußerst lobenswert." Junge Menschen würden so die Chance erhalten, etwas an die Gesellschaft zurückzugeben und mehr Verständnis für die Bedürfnisse anderer entwickeln. Gleichzeitig würden sie durch das Erlangen sozialer Kompetenzen eine gute Grundlage für ihre persönliche Entwicklung und ihr zukünftiges Berufsleben schaffen. "Ich denke, dass ein solcher Dienst die Gemeinschaft stärken würde. Allerdings glaube ich, dass statt einer allgemeinen Dienstpflicht die Weiterentwicklung von Freiwilligendiensten die geeignetere Maßnahme sein könnte", so Riebsamen. Ein Programm, das auf Freiwilligkeit basiere, würde allen Beteiligten am ehesten gerecht. "Vorbehaltlich aller verfassungsrechtlichen Problematik einer Dienstpflicht möchte ich auch anmerken, dass diese problematisch sein könnte für Berufe, die ohnehin schon mit Nachwuchsmangel zu kämpfen haben", gibt Riebsamen zu bedenken: "Bei einer Umsetzung des allgemeinen Dienstes würde den Arbeitgebern ein kompletter Jahrgang entzogen, der in allen Berufen, vom Handwerk bis zur Krankenschwester, fehlt."

Thomas Bareiß macht aus seinem Herzen keine Mördergrube: "Ich finde es sehr gut, dass diese Debatte nun geführt wird, denn ich war und bin bis heute ein Anhänger der allgemeinen Wehrpflicht und sehe, dass deren Aussetzung und in deren Folge auch die Aussetzung des Zivildienstes zu erheblichen personellen Einbußen im sozialen Bereich geführt hat." Dies sei nur teilweise durch den Bundesfreiwilligendienst kompensiert worden. "Deshalb würde ich eine Dienstpflicht begrüßen – ich bin mir sicher, dass sie große Vorteile für die Gesellschaft, aber auch für die jungen Menschen selbst hätte." Bareiß sagt, dass er als Wehrdienstleistender bei der Bundeswehr mit einer gewissen Skepsis gestartet sei: "Ich hatte die Sorge, dass es ein verlorenes Jahr wird. Aber im Nachhinein muss ich sagen, dass ich sehr viel gelernt habe und mich der Einsatz, den ich bringen musste, sehr positiv für mein weiteres Leben geprägt hat." Es sei den Generationen zuvor und deren Einsatz zu verdanken, "dass wir in Freiheit, Frieden und Wohlstand leben können." Dies müsse weiterhin durch persönlichen Einsatz gepflegt werden. Es täte jungen Menschen gut und sei zumutbar, für eine gewisse Zeit Verantwortung für andere und für ihr Land zu übernehmen. "Es ist aber wie immer: eine allgemeine Dienstpflicht kann nur positiv in die Gesellschaft wirken, wenn sie gut und richtig gesteuert und umgesetzt wird. Eine Dienstpflicht sollte auch die Möglichkeiten bieten, Vereinsarbeit zu unterstützen oder im kulturellen und politischen Bereich aktiv zu sein."