Russische Grippe! Spanische Grippe! Coronavirus! Tafertsweiler Grippe! Allesamt bewegten oder bewegen die Menschen in Ländern und Regionen, ja, selbst in kleinen Gemeinden. Eine dieser Epidemien grassierte in der ehemaligen Gemeinde und dem heutigen Teilort Tafertsweiler der Gemeinde Ostrach.

Grippe brachte Alltag im Dorf zum Erliegen

Kaum war der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen und kontrollierten Besatzungssoldaten das Dorfgeschehen, brach die Grippe buchstäblich über Nacht so heftig aus, dass das Leben im Ort von heute auf morgen zum Erliegen kam. Wer nicht krank war, stellte sich für die Pflege und Betreuung der mit hohem Fieber behafteten bettlägerigen Angehörigen und Nachbarn zur Verfügung. Unter ihnen befand sich Margarete, die Mutter des späteren Kardinals Karl Lehmann, dessen Vater Karl Lehrer an der Volkschule Tafertsweiler war.

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Polizeikräfte sperrten alle Ortseingänge ab

Ob es das Jahr 1946 oder 1947 war, geht leider aus dem noch vorliegenden Zeitungsbericht und auch aus einem Gespräch mit dem Zeitgenossen Konrad Reck nicht klar hervor. Jedenfalls hat die seinerzeitige Zeitung den Bericht in französischer und in deutscher Sprache veröffentlicht. Im Text heißt es wörtlich: „In einem deutschen Dorfe der Bodenseegegend, Tafertsweiler, trat vor wenigen Wochen eine Krankheit auf, die bei den Schulkindern beginnend, außerordentlich rasch wie eine Epidemie auf die ganzen Dorfbewohner übergriff. Jedes Haus hatte einen oder mehrere Kranke aufzuweisen. Kirche, Schule und Molke wurden sofort geschlossen und an den Ortseingängen Polizeikräfte damit beauftragt, jegliche Verbindung des Dorfes mit der Außenwelt abzuschneiden. Die zu Rate gezogenen Ärzte standen bei dem neuartigen Erscheinungsbild der Krankheit vor einem Rätsel. Alle gebräuchlichen Arzneimittel, die den Kranken verordnet wurden, um das hohe Fieber zu beeinflussen, blieben machtlos. Nachdem sich auch der Verdacht auf eine Art Typhus durch die unternommenen Blutproben nicht bestätigte, wurden namhafte Ärzte mit der Untersuchung beauftragt. Sie stellten sofort die genaue Diagnose auf Viruspneumonie, eine Art Lungenentzündung fest. Die in Deutschland bis dahin nicht vorgekommene Krankheit wurde sechs Jahre zuvor zum ersten Mal von einem amerikanischen Arzt beschrieben. Gegenmittel wurden nicht bekannt.“

Als ob es gestern gewesen wäre, erinnert sich der 85-jährige Konrad Reck an die Epidemie im Dorf unmittelbar nach dem Krieg.
Als ob es gestern gewesen wäre, erinnert sich der 85-jährige Konrad Reck an die Epidemie im Dorf unmittelbar nach dem Krieg. | Bild: Josef Unger

„Arzt und Seelsorger zu Rate gezogen“

Die sieben dem Zeitungsbericht beigefügten Fotos legen das Leben in Tafertsweiler während der Epidemie offen dar. Die Zeile unter dem Bild links oben heißt wörtlich: „Das ganz Dorf ist erkrankt. Nachdem sich altbewährte Mittel sinnlos erwiesen, wurden Arzt und Seelsorger zu Rate gezogen.“ Die pflegende Frau ist die Mutter von Kardinal Karl Lehmann, Margarete Lehmann, und neben ihr Pfarrer Ludwig Schäfer. Weitere Bilder zeigen Ärzte am Mikroskop, den Amtstisch des erkrankten Bürgermeisters und ein paar genesene Senioren, die an der Frühlingssonne neue Lebensfreude suchten.

Schwerkrankte wünschten sich saures Essen

Milchkannen hängen am Zaun, weil die Milch in die Schweinetröge wanderte. Zeitzeuge Konrad Reck, der damals elf Jahre alt war und dessen Eltern ebenfalls erkrankt waren, erinnert sich noch gang genau, dass die schwer kranken Menschen sich saures Essen wünschten, hauptsächlich Rettichsalat und Bismarckhering.