Die Kommunalwahl am 26. Mai brachte viel Bewegung. Die Hälfte der Kreisräte ist neu im Gremium, die CDU hat ihre absolute Mehrheit verloren und erstmals sind zwei Vertreter der AfD im Gremium. Wie wirken sich die neuen Kräfteverhältnisse auf die Arbeit im und mit dem Kreistag aus? 

In der Tat ist fast die Hälfte des Gremiums neu. Deshalb ist es mir wichtig, die neuen Mitglieder gut abzuholen, zu informieren und damit eine für alle gute Beratungsgrundlage zu schaffen. Auch die Fraktionen mussten sich neu finden. Mein Eindruck ist, dass die Kommunikation zwischen den Fraktionen intensiver geworden ist. Im Kreistag nehme ich eine hohe Ernsthaftigkeit und Sachlichkeit wahr, und die Diskussionen orientieren sich an den Inhalten.

Und die zwei Mitglieder der Afd?

Sie waren in den Diskussionen bis dato nicht wahrnehmbar.

Der neue Windatlas attestiert für den Landkreis Sigmaringen, dass die Windhöffigkeit ausreicht, um hunderte neuer Windräder zu errichten. Gleichzeitig wächst der Widerstand gegen den Bau von Windrädern. Wie ist das Landratsamt als Genehmigungsbehörde gefordert?

Der neue Windatlas suggeriert die Hoffnung, dass ein Mehr an Windkraft bei uns möglich ist. Die Realität ist jedoch eine andere. In neun von zehn Genehmigungsverfahren sind der Rote Milan und andere artenschutzrechtliche Belange das K.O. Kriterium, weshalb keine Genehmigung erteilt werden kann. Ich hätte mir daher vom Land erwartet, dass es im Windatlas nicht nur die Windhöffigkeit darstellt, sondern auch die Dichtezentren des Roten Milan. Es tut unserer Gesellschaft nicht gut, wenn Erwartung und Wirklichkeit derart auseinander klaffen. Politik trägt die Verantwortung die Gesetze so zu machen, dass sie ihren Worten entsprechen oder sie muss ihre Worte anders wählen, sonst kosten derartige Genehmigungsverfahren nur Zeit, Geld und Nerven.

Das Ziel, gemeinsam mit dem Zollernalbkreis ein Hospiz zu bauen, war eine Herzensangelegenheit von Ihnen. Der entsprechende Förderverein ist gegründet? Wann ist der Spatenstich geplant?

Ein konkretes Datum dafür gibt es noch nicht. Derzeit laufen die Kaufgespräche für das Grundstück mit der Stadt Sigmaringen, die uns sehr unterstützt. Der Bauantrag soll Anfang nächsten Jahres eingereicht werden, zeitgleich wird der bestehende Bebauungsplan geändert. Es ist ein wirklich gutes Miteinander aller Beteiligten. Das Gebäude selbst soll von der Firma Schwörer gebaut werden.

Als Landrätin sind Sie in vielen weiteren Gremien präsent, treffen Kollegen, Unternehmer und Politiker auf allen Ebenen. Häufig wird beklagt, dass viele dieser Entscheidungsträger die Bodenhaftung verloren hätten – welche Stimmung nehmen Sie in diesen Kreisen/Zirkeln wahr?

Tatsächlich bietet die Vielzahl an Begegnungen die Chance, viele verschiedene Menschen zu treffen. Ich treffe ja nicht nur Vertreter der „großen Politik“, sondern vor allem Menschen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen. Mir ist es wichtig, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und Dinge auch sehen zu wollen.

Vor einem Jahr haben Sie beim Neujahrsempfang des Landkreises vor dem zunehmenden Populismus in Europa gewarnt und an die Menschen appelliert, sich für Frieden, Demokratie und Selbstbestimmung einzusetzen – auch mit Blick auf die EU-Wahl. Hat sich etwas verändert?

Zunächst haben wir mit Ursula von der Leyen die erste deutsche Kommissionspräsidentin, sie ist überzeugte Europäerin, ist durchsetzungsstark und kennt die Mechanismen der Politik. Klar ist für mich, dass wir die nächsten fünf Jahre nicht weniger, sondern mehr Europa brauchen. Nach den Römischen Verträge und den Verträgen von Lissabon müssen wir jetzt die nächste Stufe erklimmen, um die großen Themen wie Klima, Wirtschaft oder Digitalisierung zu bewältigen. Dazu muss nach meiner Überzeugung das Einstimmigkeitsprinzip in der EU abgeschafft werden.

Sie plädieren für ein stärkeres Europa und gleichzeitig gibt es überall Tendenzen zu Nationalismus, Regionalismus und der Rückkehr zum Lokalpatriotismus, wie beispielsweise die Forderung nach Wiedereinführung alter Kennzeichen zeigt.

Der Kreistag hat sich vor vielen Jahren eindeutig für das SIG-Kennzeichen für den Landkreis und gegen mehrere Kennzeichen ausgesprochen. Nachdem der Ravensburger Kreistag nun seinen Bürgern die Möglichkeit für ein SLG Kennzeichen eröffnet hat, werden wir dies im nächsten Jahr auf die Tagesordnung nehmen müssen. Als Landrätin stehe ich für die Einheit unseres Kreises. Denn nur, wenn wir im Inneren zusammenstehen, werden wir außen auch als stark wahrgenommen.

Über welche Entscheidungen haben Sie sich 2019 besonders gefreut?

Dass wir beim Hospiz so schnell vorankommen, freut mich wirklich und dass wir den Einstieg in die Elektrifizierung der Zollernalbbahn Albstadt-Sigmaringen geschafft haben ebenso. Gerade das zweite Thema war ein Wechselbad der Gefühle, besonders als nach den Gesprächen mit der DB Netz klar wurde, dass sich die Kosten von 65 auf geschätzte 127 Millionen fast verdoppeln. Aber nach dem Kabinettsbeschlusses der Bundesregierung, wonach der Bund Elektrifizierungsvorhaben zukünftig mit bis zu 90 Prozent der zuwendungsfähigen Baukosten unterstützt und sich auch das Land mit 25 Prozent an den Planungskosten beteiligt, sollten wir nun in die Planung einsteigen.

Was bringt die Elektrifizierung dieses Streckenabschnittes überhaupt?

Das Netz der Zukunft in Deutschland ist elektrisch und daran müssen wir als Standort angeschlossen sein. Zudem läuft die Neigetechnik im Jahr 2026 aus, Stuttgart 21 wird realisiert. Die Konsequenz wären Umstiege und Fahrzeitverlängerungen. Wir wollen als Landkreis Teil des elektrifizierten Netzes sein und nicht im Dieselloch hängenbleiben – es geht um die Attraktivität des Landkreises für Fachkräfte und Touristen. Auch die Bundeswehr ist stark an der Elektrifizierung Albstadt-Sigmaringen interessiert, denn viele Soldaten nutzen die Bahn. Zu erwähnen ist, dass der Bahnhof Storzingen im Zuge dieser Maßnahme aufgewertet wird.

Das wird noch dauern?

Wie vieles in Deutschland, aber: wir machen jetzt den ersten konkreten Schritt und denken diesen auch immer im Gesamtkontext der Strecke bis Aulendorf. Das war auch dem Kreistag in seiner jüngsten Sitzung wichtig.