Mobilität ist ein Thema, das die Bevölkerung bewegt. So richteten die Teilnehmer im Landratsamt ihre Blicke gespannt auf die finale Runde, bei der die Entwicklungen zum Ablauf der Förderperiode von „MoDavo-SIG“, der Mobilitäts- und Daseinsvorsorge im Landkreis Sigmaringen, aufgezeigt wurden. Es erfülle die Kreisverwaltung mit Stolz, so der Erste Landesbeamte Rolf Vögtle, dass ihr Landkreis als einziger in Baden-Württemberg in dieses bundesweite Programm aufgenommen wurde. Die bedarfsorientiert eingesetzten Fördermittel für das Modellvorhaben zielen auf eine langfristige Sicherung der Nahversorgung im ländlichen Raum ab.

Vögtle bekannte vor zahlreichen Gästen – darunter Bürgermeister, Kreisräte und Entscheidungsträger – dass Verkehr und Mobilität in diesem Landstrich lange ein Schattendasein geführt hätten. „Dies kann und darf nicht so bleiben“, schlussfolgerte Vögtle, denn der Landkreis müsse sich weiterhin als attraktiver Wohn- und Gewer-bestandort ausweisen. Mit der in den Bundesverkehrswegeplan eingebrachten Nordtrasse habe das Thema gewaltig an Fahrt aufgenommen. Nächstes Ziel sei es, eine Planungsgesellschaft zu gründen. Auch die Zusage zur Elektrifizierung der Zollernalbbahn wäre so frühzeitig nicht zu erwarten gewesen, betonte Vögtle. Der Regiobus 500 bediene das Mittelzentrum von Sigmaringen über Pfullendorf nach Überlingen: „Es ist ein gutes Beispiel dafür, dass attraktive Angebote im Öffentlichen Personennahverkehr auch angenommen werden!“

Gut besucht war die Abschlussveranstaltung zum Modellvorhaben "MoDavo-Sig" im Landratsamt, bei der es Referate über gewonnene Erkenntnisse zur Mobilität im Kreis gab.
Gut besucht war die Abschlussveranstaltung zum Modellvorhaben "MoDavo-Sig" im Landratsamt, bei der es Referate über gewonnene Erkenntnisse zur Mobilität im Kreis gab. | Bild: Jürgen Witt

Bernd Rittmeier war als Vertreter des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur angereist, um ein Fazit zum 2015 ausgeschriebenen Projekt zu ziehen. Als hilfreich bezeichnete er den dabei ermittelten Datenpool, der als Grundlage für künftige Entwicklungen von Kreis und Kommunen diene: „Es ist ein echter Mehrwert für alle.“ Rittmeier beabsichtigt bei der programmatischen Abschlussveranstaltung in Berlin die Partner aus dem Modellvorhaben als Sprachrohre in die Debatte miteinzubringen: „Das ist eine schöne Verzahnung zwischen lokalen, regionalen Trägern und der Bundespolitik.“

Als Projektleiter aus dem Landratsamt fungierten Sonja Buzengeiger und Andreas Birkle. Sie informierten im Detail über das von ihnen begleitete Pilotvorhaben in Herdwangen-Schönach, das auf einen guten Resonanzboden gestoßen war (siehe Nachgefragt).

Breiten Raum nahm dazu die wissenschaftliche Erarbeitung eines Mobilitäts- und Kooperationskonzeptes ein. Als Stütze in dieser Regionalentwicklung diente das Fraunhofer-Institut, dessen wissenschaftlicher Mitarbeiter Thomas Ernst über eine „sehr motivierende“ Zusammenarbeit resümierte. Zum Bedarf in punkto Mobilität seien alle 25 Bürgermeister im Landkreis in einem „Tiefeninterview“ befragt worden, sagte Ernst. Die knapp 2000 Rückläufer einer weiteren kreisweiten Befragung unter zufällig ausgewählten 10 000 Einwohnern betrachtete der Wissenschaftler als sehr gutes Ergebnis.

Thomas Ernst
Thomas Ernst | Bild: Jürgen Witt

Thomas Ernst brachte inspirierend mögliche Folgeprojekte ins Spiel. Beispielsweise eine Mobilitätszentrale, bei der ein Rufbus über mobile Betriebssysteme verbunden würde. Ein weiteres Konzept sei der „Regiomat“ – ein installierter Automat, der mit lokalen Produkten des täglichen Bedarfs analog zu einem Dorfladen augestattet ist. In Planung ist wohl ein für jüngere Menschen konzipierter Partybus für Sigmaringen. Ernst regte ein Infopaket für Kommunen an. Ein stärkerer Fokus sollte auf die ärztliche Versorgung gerichtet werden, der Standort müsse attraktiver für junge Ärzte gestaltet werden, schlug Ernst vor.

Landratsamt-Fachleiter Max Stöhr bekräftigte nochmals das Grundprinzip eines guten Nahverkehrs. Er müsse Teil einer der öffentlichen Daseinsvorsorge sein, entsprechend gesteuert und mit Zuschüssen versehen werden. „Das beginnt bei den Netzwerkern“, sagte Stöhr mit dem Hinweis, das die Förderperiode noch bis Ende Juni läuft.

Zu guter Letzt stellte Andreas Birkle den neu erstellten Infrastruktur- und Entwicklungsatlas vor, mit über 3000 Datensätzen gefüttert, der in Kürze im Internet über die Homepage des Landratsamtes zugänglich sei.

"Das Anrufsammeltaxi funktioniert gut, die Fahrgastzahlen steigen monatlich"

Ralph Gerster, Bürgermeister von Herdwangen-Schönach, wohnte der Abschlussveranstaltung im Landratsamt Sigmaringen bei, bei der sich die Versammlung über den aktuellen Stand des Modellvorhaben zur Mobilität informierte.

Ralph Gerster.
Ralph Gerster. | Bild: Kreativ Kompanie

Herr Bürgermeister, Ihre Gemeinde ist Pilotprojekt. Sie hatten einen Bürgerdialog abgehalten, mit dem Ziel, die Mobilität zu steigern und an den Regiobus anzudocken, der in Herdwangen nur eine Haltestelle hat. Es wird hier als Erfolgsmodell vorgestellt.

Ja, wir hatten dazu zwei Arbeitskreise zur Mobilitätsoffensive einberufen. namens „Linie“ und „Haustüre“. Das Anrufsammeltaxi wird von der DB-ZugBus-Regionalverkehr Alb-Bodensee (RAB) betrieben. Es ist auch über die Gemeinde hinaus unterwegs, fährt bis in die Ortsteile von Pfullendorf (Großstadelhofen) und Owingen (Taisersdorf und Schwende). Das funktioniert hervorragend. Die Fahrgastzahlen sind gut und steigen monatlich. Das lässt sich schon anhand der gefahrenen Kilometer bemessen. Sie lagen anfänglich bei 800 und liegen mittlerweile bei über 1700 Fahrtkilometern, so der Stand vor zwei Monaten. Resonanz und Rückmeldungen sind also positiv.

Und dann gibt es noch den Plan einer Art von Bürgerbus?

Geplant ist ein Bürgerrufauto, ähnlich wie in Pfullendorf, das sich auf der Gemarkungsgrenze bewegt, von Haus zu Haus fährt. Die Sache gestaltet sich eher schwierig, weil uns ehrenamtliche Fahrer fehlen. Wir haben sieben, bräuchten aber fünfzehn Personen, dann könnten wir das Vorhaben in Angriff nehmen.

Fragen: Jürgen Witt