Pünktlich zu seinem 96. Geburtstag hat Josef Unger ein neues Buch veröffentlicht, in dem er seine fotografischen wie erzählerische Talente entfalten kann. „Schönheit des Verfalls“ hat der seit 1952 als SÜDKURIER-Berichterstatter tätige Journalist aus Dichtenhausen seinen Bildband genannt. Zu sehen sind stilistisch wunderschöne Fotos, garniert mit besinnlichen Zitaten und witzigen Episoden. Anekdoten aus gelebten neun Jahrzehnten hat der Landwirtschaftsmeister zuhauf in seinem Gedächtnis gespeichert, und die Lust am Erzählen steht dem alten Herrn ins Gesicht geschrieben.

Vom Krieg geprägt

Als ein Pfund Butter zehn Milliarden Mark kostet, also während der Inflationszeit der Weimarer Republik wurde Josef Unger geboren, wie im Lebenslauf seines Büchleins mit der ihm eigenen Verschmitztheit verrät. Geprägt wurde der junge Mann von seinem Russlandeinsatz während des Zweiten Weltkrieges und der anschließenden viereinhalbjährigen Gefangenschaft im Bergwerk. Diese furchtbaren Erlebnisse ließen ihn später zu einen unermüdlichen Streiter für Frieden und Europa werden. Ohne Groll erinnert er sich an jene dunklen Zeiten, die er erlebte und überlebte, auch weil er seinem Lebensmotto treu blieb: „Hinfallen ist keine Schande, aber man muss den Mut haben, wieder aufzustehen.“ Diesem Grundsatz blieb er sein Leben lang treu. Nach dem Krieg übernahm er den elterlichen Bauernhof, heiratete seine 2017 verstorbene Frau Anna, mit der er gemeinsam drei Kinder großzog, und den Enkeln widmet er nun sein neues Buch.

1952 erster SÜDKURIER-Bericht

„Das war ein Bericht über die Bauernschule“, erinnert sich der Jubilar noch genau an seinen ersten SÜDKURIER-Bericht, und in den vergangenen fast sieben Jahrzehnten wurde er als Journalist und Fotograf in Ostrach und der ganzen Umgebung zu einer wahren Legende. „Ich wollte immer hinter die Kulissen schauen“, beschreibt er seine Leidenschaft für den Journalismus, die bis heute anhält. Immer noch wird der „Unger Sepp“ von Vereinen gerufen, um über Veranstaltungen zu berichten oder ein Erinnerungsbild von Jahrgängertreffen zu knipsen. Zahllose Namen, Ortschaften, Ereignisse, Daten und Fakten hat Josef Unger im Gedächtnis gespeichert. Er kennt manche Episode aus der Kommunalpolitik und weiß manche Entscheidung entsprechend einzuordnen. Legendär ist auch sein Fotoarchiv, und öfters erreicht die SÜDKURIER-Redaktion auch heute noch ein Brief mit einem Schwarz-Weiß-Bild zu Themen, die Josef Unger aufbereitet. Wobei er die moderne Technik zu schätzen weiß. Die 80 hatte er weit überschritten, als er die Digitalfotografie für sich entdeckte, und seine Berichte verschickt er selbstverständlich per Mail.

Rathaus ordert Nachschub

An seinem Ehrentag erreichte ihn mancher Glückwunsch via Mail, aber die Mehrzahl der Gratulanten griff zum Telefonhörer oder kam persönlich vorbei, um diesem phänomenalen Mann noch viele Jahre in Gesundheit und Wohlergehen zu wünschen. Ein Anruf kam übrigens aus dem Ostracher Rathaus, wo die „Schönheit des Verfalls“ verkauft wird, das Josef Unger im Selbstverlag veröffentlicht. Die ersten 50 Exemplare waren binnen weniger Stunden ausverkauft, und die Verwaltung orderte Nachschub, wobei die Auflage lediglich 100 Stück beträgt, und ein Exemplar 14 Euro kostet.