Sie sind zum zweitägigen Bürgerfest am 7./8. September ins Schloss Bellevue in die Residenz des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in Berlin geladen – sieben Personen, die sich um den sehr informativen Online-Auftritt von asylnetz.sigmaringen.de verdient gemacht haben. Es handelt sich um Oliver Brodmann, Anna Härle, Rouven Hills, Patrick Novinsky, Christoph Saible, Robert Samtner und Marius Walk. Den Vorschlag hatte das Landratsamt Sigmaringen dem Bundespräsidenten unterbreitet. Ihr Pressesprecher Tobias Kolbeck ist voll des Lobes über die Crew: „Seit drei Jahren informieren sie die Bevölkerung und vermitteln Kontakte bis in die Helferkreise hinein. Sie sind immer noch mit der gleichen Begeisterung dabei – trotz der gedrehten Stimmung.“

Was die sieben Akteure eint, ist, dass sie alle in Sigmaringen groß geworden sind und gemeinsam ministriert hatten, ehe für sie alle zur Aufnahme eines Studiums der Umzug unvermeidlich wurde. Aber sie fühlen sich mit ihrer Heimatstadt immer noch sehr eng verbunden. So lebt Patrick Novinsky, der heute 30-Jährige, in Stuttgart. Gerne gibt er Auskünfte über sich und seine Mitstreitercrew. So beispielsweise, wie sie auf den Gedanken gekommen sind, sich als Informationsportal in der Flüchtlingsarbeit zu engagieren. Anne Härle sei hierbei vor drei Jahren die Initiatorin gewesen, sagt Novinsky.

Bild: Picasa

In der Tat rückte die Kreisstadt Anfang August 2015 in ein großes Medieninteresse. 223 neue Flüchtlinge trafen mit Bussen in der dortigen Graf-Stauffenberg-Kaserne ein. Weitere 150 Asylbewerber hatte die damalige Integrationsministerin Bilkay Öney für die nächsten Tage angekündigt. Doch die zunächst anvisierte Kapazität von maximal 1000 Flüchtlingen hatte sich schneller überholt und verdoppelt als so manchem lieb war. Die Kreisstadt schien mit ihren fremden Neuankömmlingen überfordert zu sein. Sie wehrte sich im Herbst 2016 aktiv gegen die unter der Hand gehaltenen Gerüchte, dass Sigmaringen vom Land zur größten Aufnahmestelle im Land auserkoren worden sei.

Es war sogar eine Zeltstadt in der Kaserne geplant, bei einer Gesamtkapazität von 4500 Menschen, die aber niemals realisiert wurde. Unter dem öffentlichen Druck stimmten sich der Gemeinderat und Bürgermeister Thomas Schärer zu einem gemeinsamen Forderungskatalog ab, der sich für eine Begrenzung der Flüchtlingsanzahl aussprach. Was im Oktober 2017 zu einer Kompromissvereinbarung mit dem Land, dem Kreis und der Stadt führte. Darüber hinaus aktivierte sich eine diesen Prozess begleitende Bürgerinitiative „Gemeinsam für Sigmaringen“.

„Dass die Willkommenskultur so schnell flöten gegangen ist, war einfach schade“, sagt Patrick Novinsky im Rückblick. Obgleich es zu jener Zeit im Hohenzollernstädtchen zumindest wenig Klagen über Übergriffe gab, spürte die Crew die allmählich sich überlagernde negative Stimmung. „Und es war schwierig, an Informationen heranzukommen. Da haben wir uns gedacht, wir bringen uns ein und übernehmen das“, erzählt Patrick Novinsky von ihrer ausgereiften Idee, mit einer Plattform im Internet die Bevölkerung sachlich zu informieren.

Ihr Antrieb war es, dem Thema Flucht wieder ein menschliches Antlitz zu verleihen. „Wir wollten zudem als Ansprechpartner dienen und mitteilen, wo man sich überhaupt engagieren kann“, erläutert Novinsky. Für die Crew war klar, dass der negativ erzeugte Gesamteindruck das Bild aller Flüchtlinge und deren Motive verzerren würde. „Wir wollten das Thema positiv begleiten und mit kleinen, im Web erzählten Geschichten einen positiven Beitrag zu den integrativen Bemühungen beisteuern.“

Tatsächlich ist die Plattform sehr vielseitig angelegt. Es gibt informative Fakten auf der Webseite. Da erfährt der Interessierte etwas über die aktuelle Flüchtlingslage im Landkreis Sigmaringen, dass sich hier insgesamt 1415 Flüchtlinge aufhalten. In der Erstaufnahmestelle des Landes, in der ehemaligen Graf-Stauffenberg-Kaserne, befinden sich augenblicklich 631 Menschen. Das Gros stammt aus Gambia, Nigeria, Marokko, Irak und Syrien. 167 Personen sind in Gemeinschaftsunterkünften und vereinzelt in Wohnungen des Landkreises untergebracht. Es sind Asylbewerber aus 20 Nationen. Die meisten kommen aus Gambia (43), dem Irak und Afghanistan (je 20), Togo (15) und Nigeria (12). 617 Personen leben verteilt in 24 Städten und Gemeinden dieses Landkreises. Informiert wird die Crew mit Zahlen aus dem Landratsamt.

Aber asylnetz-sigmaringen.de bietet auch eine Fülle von hintergründigem Material: Wie ein Asylverfahren vonstatten geht, wann es in der Regel zu Abschiebungen kommt, was ursächlich die Menschen bewegt hat, aus ihrem Heimatland zu flüchten.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird Vertreter des Asylnetzes ehren. <em>Bild: Tobias Schwarz</em>
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird Vertreter des Asylnetzes ehren. | Bild: TOBIAS SCHWARZ

Im Rahmen des Neujahrsempfangs der Stadt Sigmaringen ist der siebenköpfigen Crew von Asylnetz Sigmaringen schon der Ehrenamtspreis der Stadt zuteil geworden. Über die Einladung ins Berliner Schloss Bellevue haben sie sich riesig gefreut. „Wir sehen das als ganz große Ehre an“, sagt Patrick Novinsky. Gleichermaßen weist er immer darauf hin, dass es eine Würdigung sein könne, die allenfalls stellvertretend zu begreifen sei für die vielen ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit vor Ort Tätigen, die nicht im Rampenlicht stehen: „Wir wollen uns da nicht in den Vordergrund stellen!“