Kreis Sigmaringen – Maria Heubuch, Europaabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, hat in einem Impulsvortrag im Stadtforum Bad Saulgau den Vorschlag der Kommission der Europäischen Union (EU) für die Neuausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) erläutert und die Position der Grünen gegenüber gestellt. Rund 60 Gäste waren gekommen – darunter zahlreiche Landwirte, die mit ihren Fragen und Beiträgen für eine rege Diskussionsrunde sorgten.

Die Frau aus Oberschwaben ist im Europaparlaments-Ausschuss "Landwirtschaft und ländliche Entwicklung" tätig und als Bäuerin aus dem Allgäu mit einem fundierten Wissen ausgestattet. Sie gilt als aufmerksame Beobachterin des Strukturwandels in der Landwirtschaft. Schon bei der Einführung der Milchquote seien fünf bis sechs Prozent aller Betriebe in Deutschland verloren gegangen. Ähnliches zeichne sich nun im Schweinebereich ab. "Die Betriebe werden weniger, doch der Markt schrumpft sich deshalb nicht gesund", sagt die 59-Jährige und fordert eine Wende in der Agrarpolitik. Denn bisher seien 70 Prozent der EU-Fördergelder nur mit der Gießkanne auf die Fläche ausgegossen worden.

Fleißig meldeten sich Landwirte aus der Region mit ihren drängenden Fragen, die sie zur aktuellen, zum Teil für sie bedenklichen Entwicklung in der EU an die grüne Europaabgeordnete richteten.
Fleißig meldeten sich Landwirte aus der Region mit ihren drängenden Fragen, die sie zur aktuellen, zum Teil für sie bedenklichen Entwicklung in der EU an die grüne Europaabgeordnete richteten. | Bild: Witt, Jürgen

Maria Heubuch spricht von "gewaltigen Herausforderungen, die auf uns zukommen werden". Gerade in puncto Klimaschutz, wo nach der Nässe im Vorjahr und der Dürre in diesem Jahr die Klimawandel-Bezweifler schlechte Karten hätten, weil die Probleme offenkundiger würden. Auch das Tierwohl müsse breiter diskutiert werden, ebenso, wie die zukünftige Produktion zu gestalten sei oder die nächste Stufe des Handels, der längst neue Standards setze. Heubuch sieht wachsende Umweltprobleme. "Bei der Diskussion um das Nitrat im Grundwasser haben wir sehr lange die Augen zugemacht. Jetzt ist die Axt am Baum", kritisiert sie die bisweilen unzureichenden Pläne der Gegensteuerung. Auch beim Insektensterben müsse man so ehrlich sein, dass dies auf den Verlust an Lebensraum zurückzuführen sei. Täglich gingen 70 Hektar Fläche durch Versiegelung verloren. Auch der zunehmende Straßenverkehr bedeute große Gefahr für die kleinen Lebewesen. Und die Landwirtschaft trüge ihren Teil dazu bei durch die Düngung mit Pestiziden. Es gäbe keine einfachen Lösungen. "Doch das Weiter so, wie bisher, ist keine Option. Das kann ihnen jeder Agrarwissenschaftler sagen", bekräftigte die Grüne.

Beobachterin des Strukturwandels

Maria Heubuch stellt die grünen Ziele für eine bessere Landwirtschafts- und Entwicklungspolitik dem Auditorium dar, plädiert für dringliche Veränderungen. Angefangen werden müsste mit dem Umbau auf den Äckern. Tag für Tag würden Kulturpflanzen verloren gehen, sagt die Referentin und listet anhand des Agrarlands Indien eines der wohl krassesten Beispiele von Niedergang auf. Von den ursprünglich 400 000 existenten unterschiedlichen Reissorten der 1960er Jahre sei jetzt nur noch eine Handvoll übrig geblieben. Notwendig sei ein "Mehr an Vielfalt auf den Äckern", ein mindestens dreijähriger Fruchtwechsel, und dazu wäre ein regional angepasstes Saatgut vonnöten. Glyphosat sei in der Landwirtschaft das große Thema. "Es ist im Lebensmittelkreislauf – und da gehört es nicht hin", sieht Heubach die Notwendigkeit, die Ackerbaumethoden zu überdenken. In dieser Hinsicht sei die Forschung schon sehr viel weiter, die eine unterschiedliche Art der Bodenbearbeitung präferiere, die sich nach den aktuellen Wetter- und Klimaverhältnissen orientiert. "Seit einem Jahr führe ich sehr viele Debatten mit den Bauern. Aber wir kommen überein: Es geht ohne, nur kostet es mehr Geld", weiß Maria Heubuch. Freilich stelle sich die Frage, wie dies auf dem Markt zu generieren sei. Auch den Umbau in der Tierhaltung könne man nicht auf dem Rücken der Bauern austragen, sagt die Grüne.

Maria Heubuch kritisiert, dass die EU-Kommission bei ihren neu ausgerichteten Prioritäten der zukünftigen Agrarpolitik nach 2020 vieles in der Beliebigkeit lasse. Drei ökonomische Ziele betreffen die Landwirte (Verbesserung der Position in der Vermarktungskette), das Betriebseinkommen (Förderung und Krisenfestigkeit) und die Steigerung der landwirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit (Fokus liegt auf Forschung, Technologie und Digitalisierung). Als ökologische Ziele wurden die nachhaltige Entwicklung (effiziente Ressourcennutzung, Wasser, Boden und Luft), der Schutz der Biodiversität (Ökosystemleistungen, Erhalt von Habitaten und Landschaften) sowie das Klima (Klimaschutz, Anpassung, nachhaltige Energie) definiert. Die drei sozialen Ziele werden mit einer nachhaltigen Ernährung (Gesundheit und Tierwohl), der Förderung von Junglandwirten (Betriebs- und Geschäftsgrundlagen) und dem Wachstum (Beschäftigung, soziale Inklusion, Bioökonomie und nachhaltige Forstwirtschaft im ländlichen Raum) genannt. Zur Realisierung soll ein neuer Umsetzungsmechanismus greifen, der zu mehr Flexibilität und Subsidiarität für die Mitgliedstaaten führen soll. "Dies aber kann nicht funktionieren, wenn da nicht klare Leitplanken gesetzt werden", äußert Maria Heubuch ernste Zweifel.

Andrea Bogner-Unden (Bündnis 90/Die Grünen, Landtagsabgeordnete des Wahlkreises Sigmaringen)
Andrea Bogner-Unden (Bündnis 90/Die Grünen, Landtagsabgeordnete des Wahlkreises Sigmaringen) | Bild: Sandra Häusler

Andrea Bogner-Unden, die als grüne Landtagsabgeordnete im Landkreis Sigmaringen zu diesem Forum in Bad Saulgau eingeladen hatte, brachte nicht nur sechs weitere parlamentarische Mitstreiter aus Wissenschaft und Fachressorts mit. Sie hält trotz nachvollziehbarer Globalisierungsängste ein flammendes Plädoyer für Europa. Dieses habe 70 Jahre in Freiheit, Sicherheit und Wohlstand ermöglicht: "Der europäische Zusammenhalt ist von existenzieller Bedeutung." Allerdings müsse die EU ihre integrative Kraft mehr herausstellen, Werte der Solidarität sollten mit Leben erfüllt werden, das Parlament transparenter und mehr Mitsprache bieten, sagt die Grüne.