Passender könnte der Auftakt der Verleihung des 11. Kulturpreises des Landkreises Sigmaringen an Künstler Roland Kappel von Mariaberg und die Lautenbacher Blaskapelle nicht sein. Die Musiker spielten auf ihre ganz eigene kreative Weise die „Ode an die Freude“ von Ludwig van Beethoven. Mit diesem ersten Stück eroberte die Kapelle sogleich die Sympathien der zahlreichen Besucher der Preisverleihung.

Wirkung über die Region hinaus

„Sie rocken den Saal“, rief Landrätin Stefanie Bürkle freudig den Lautenbachern zu, die mit ihrer Musik eine fröhliche Stimmung in die Mehrzweckhalle Mariaberg zauberten, wo die Verleihung des diesjährigen Kulturpreises stattfand. Auch dieses Mal habe die fünfköpfige Jury wieder die Qual der Wahl gehabt, wie die Landrätin und Vorsitzende des Kreiskulturforums ausführte. Das Preisgeld von 2500 Euro, das stets die sechs Volks- und Raiffeisenbanken im Landkreis stiften, teilen sich in diesem Jahr der Künstler Roland Kappel aus Mariaberg und die Lautenbacher Blaskapelle. „Ich möchte aber betonen, dass es sich nicht um einen Inklusionspreis handelt“, betonte Stefanie Bürkle, sondern beide würden für ihre künstlerisch und musikalisch höchst respektablen Werke ausgezeichnet, die Wirkung weit über die Region hinaus besäßen.

Einen fantastischen Beweis ihres Könnens präsentierte die Lautenbacher Blaskapelle als Umrahmung der Feierlichkeiten.
Einen fantastischen Beweis ihres Könnens präsentierte die Lautenbacher Blaskapelle als Umrahmung der Feierlichkeiten. | Bild: Michelberger, Isabell

In seiner Laudatio auf Roland Kappel erzählte Rüdiger Böhm, Vorstand der Stiftung Mariaberg, von ihrer ersten Begegnung. Er sei damals mit seinem R4 nach Mariaberg gefahren, um seinen Zivildienst anzutreten. Auf dem Weg habe er einen älteren Tramper im schwarzen Ledermantel mitgenommen, der unter dem Arm eine Aktentasche und Glasbilder getragen habe. Es stellte sich heraus, dass sie den gleichen Weg hatten. Humorvoll beschrieb Rüdiger Böhm seinen ersten Eindruck von Kappels Zimmer, einer Mischung aus Rumpelkammer und unaufgeräumter Werkstatt, in dem er sein Material aufbewahrt habe. Er freue sich darüber, dass Mariaberg dem „Einzelgänger mit ganz besonderer Begabung“ das Umfeld bieten konnte, sich künstlerisch zu entwickeln.

Wolfgang Lieb, Gammertingen: „Ich finde es faszinierend, wie detailgetreu der Künstler Roland Kappel arbeitet.“
Wolfgang Lieb, Gammertingen: „Ich finde es faszinierend, wie detailgetreu der Künstler Roland Kappel arbeitet.“ | Bild: Michelberger, Isabell

Nicht nur seine Kranwägen und Baumaschinen zeugen von Kreativität, Präzision und Detailverliebtheit, sondern auch seine Malerei, die Zeichnung und Verkehrsschilder. Die Tierbilder seien so exakt gezeichnet, dass sie in ein Tierlexikon aufgenommen werden könnten. Als religiöser Mensch habe Roland Kappel auch Andachts- und Gebetsbilder gemalt und diese dann beim sonntäglichen Gottesdienst an jugendliche Kirchgänger verschenkt. „Er ist in der Region fast jedem bekannt“, berichtete Böhm.

Petra Otto, Dorfgemeinschaft Lautenbach: „Ich bin als Gründungsmitglied stolz auf den Preis. Nach dem Musizieren bin ich immer ganz erfüllt.“
Petra Otto, Dorfgemeinschaft Lautenbach: „Ich bin als Gründungsmitglied stolz auf den Preis. Nach dem Musizieren bin ich immer ganz erfüllt.“ | Bild: Michelberger, Isabell

Die Laudatio auf die Lautenbacher Blaskapelle hielt André Heygster, Kulturbeauftragter der Stadt Pfullendorf. Die Bezeichnung Tourmanager der Kapelle wollte er etwas relativiert wissen. „Ich fühle mich nicht als Manager, vielmehr oute ich mich öffentlich: Ich bin ein Fan dieser Formation“, bekundete er humorvoll. Die Professionalität dieses Ensembles bestehe nicht im exakten Zusammenspiel, nicht in makelloser Intonation und nicht im raffinierten Abstimmen der Klangfarben. „Das Orchester ist exzellent wegen des Willens der Musiker, aufeinander hörend und miteinander gestaltend Wirkung zu erzielen, Wirkung auf das Publikum, vielleicht noch mehr auf sich selbst“, beschrieb Heygster. Er hob die Leistung von Jean Christophe Klockenbring hervor, der seit fast 35 Jahren mit dem Orchester arbeite und für jeden das richtige Instrument finde. Profi-Musiker wie Jos Rinck loben in höchsten Tönen das gemeinsame Musizieren mit den Lautenbachern, das unglaublich bereichernd sei. Die mittlerweile 25 Mitglieder der Blaskapelle, die aus behinderten und nicht behinderten Menschen besteht, sei national und international unterwegs und sehr gefragt. Ganz dem Motto „Schatzsuche statt Fehlerfahndung“ verpflichtet gehe es um die Stärken der „Andersbegabten“.

Lorenz Hund, Marbach: „Die Lautenbacher Blaskapelle hat mir unglaublich gut gefallen. So etwas hört man selten.“
Lorenz Hund, Marbach: „Die Lautenbacher Blaskapelle hat mir unglaublich gut gefallen. So etwas hört man selten.“ | Bild: Michelberger, Isabell

Klaus Remensperger von der Volksbank Bad Saulgau lobte den Gemeinschaftssinn der beiden Einrichtungen: der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Lautenbach sowie der Stiftung Mariaberg. Nach der Urkundenüberreichung durch ihn sowie Bürkle an Fabienne Gündner und Till von Neuenstein von der Lautenbacher Blaskapelle sowie an Roland Kappel schloss sich ein Stehempfang an.

Das Erinnern ist Themenschwerpunkt im Kulturjahr 2020

Die Mitglieder des Kreiskulturforums trafen sich dieses Jahr zu ihrer Versammlung im Wilhelm-Meister-Saal der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Lautenbach. Inhaltlich befasste sich das Gremium vorwiegend mit dem Themenschwerpunkt für das Jahr 2020: „Erinnern“. Anlass ist das Ende des Zweiten Weltkriegs, das sich dann zum 75. Mal jährt.

Erinnerungskultur der Menschen

Bereits in der Mitgliederversammlung im Jahr 2018 hatten sich die Teilnehmenden auf das Thema „Erinnern“ geeinigt. Einerseits gelte es, „der zentralen Frage des erinnernden Umgangs mit den Abgründen des sogenannten Dritten Reichs“ gerade in den Städten und Gemeinden des Sigmaringer Landkreises nachzugehen, wie Edwin Ernst Weber erläuterte. Möglicherweise gebe es jetzt noch Opfer, die aus der Zeit berichten können. Darüber hinaus sei zu untersuchen, inwieweit die Lernerfahrung aus dem Erlebten und dem Erzählten das bürgerschaftliche und politische Handeln in der Gegenwart beeinflusse. Andererseits sei es interessant zu beleuchten, welchen Einfluss die Geschichte und deren kollektive Vergegenwärtigung und Deutung auf die nachfolgende Generation habe. Dabei seien die Fragen von Interesse: Welche Bedeutung hat die Erinnerung in unserem persönlich-familiären Bereich sowie in unserer Gesellschaft? Was ist für unsere Gesellschaft erinnerungswürdig und wie verändert sich Erinnerung. Bedeutsam dürfte dabei der Aspekt sein, wie mit der Erinnerungskultur in Bezug auf Menschen, Orte und Ereignisse umgegangen wird, die heute kritisch hinterfragt werden sollten, führte Landrätin Stefanie Bürkle, die dem Kreiskulturforum vorsitzt, aus.

Das Denkmal im Meßkircher Hofgarten, das die Turner ihren verstorbenen Kollegen im Ersten Weltkrieg widmeten, ist vollkommen unbedenklich. Es gibt jedoch Denkmäler, über deren Sinn sich die Meinungen teilen, denn auch Erinnerung ist einem Wandel unterworfen.
Das Denkmal im Meßkircher Hofgarten, das die Turner ihren verstorbenen Kollegen im Ersten Weltkrieg widmeten, ist vollkommen unbedenklich. Es gibt jedoch Denkmäler, über deren Sinn sich die Meinungen teilen, denn auch Erinnerung ist einem Wandel unterworfen. | Bild: Michelberger, Isabell

Edwin Ernst Weber stellte einige Veranstaltungsformate und -ideen vor. „Der Kulturschwerpunkt wird einen Schwerpunkt auf dem Nationalsozialismus und seinen blutigen Spuren in Landkreis und Region haben“, erläuterte er, doch solle er das Thema darüber hinaus umfassender und grundlegender zur Bedeutung und den Formen des kollektiven wie auch individuellen Erinnerns für die Gegenwart und Zukunft fassen. Es sei dabei an Geschichtswerkstätten in einzelnen Orten zu denken, an Jugendgruppen- und Schülerprojekte zum „Umgraben der lokalen Geschichte“, möglichst mit Befragung von Zeitzeugen, an Erzählcafés und Veranstaltungen zum Umgang mit „schwierigen“ Denkmälern der Vergangenheit. Seine Vorschläge umspannten eine große Bandbreite von Veranstaltungen von Theater, Filmreihen, Exkursionen, Vorträgen bis zu literarischen Projekten. Dies führt vor Augen, aus wie vielen verschiedenen Blickrichtungen man sich mit einem Thema befassen kann, um sich dem Potenzial, das in ihm steckt, zu nähern.

„Archive und Bibliotheken“ Thema 2021

Die Mitglieder stimmten an diesem Abend ebenso über den Themenschwerpunkt für 2021 ab. „Es spricht für die Lebendigkeit des Kreiskulturforums und die Vielfalt der Programmideen, dass wir dieses Mal wieder zwei alternative Vorschläge haben“, verkündete die Landrätin. Der Geschäftsführer Edwin Ernst Weber schlug den Schwerpunkt „Archive und Bibliotheken“ in Verbindung mit der Lesekultur und gesellschaftlicher Bildung vor und der stellvertretende Vorsitzende Nikolaus Mohr das Thema „Jugend und Kultur“. Die Mitglieder diskutierten beide Themenvorschläge intensiv und einigten sich dann auf „Archive und Bibliotheken“. Zum Abschluss wies die Vorsitzende darauf hin, dass der kreisweite Kultur-Veranstaltungskalender des Gmeiner-Verlags im Dezember online gehe.