"Ich wurde stark von meinem Vater, Werner Oberle, geprägt“, bekennt Oberle im SÜDKURIER-Gespräch. Dieser habe als Funker im Krieg erheblich Mut bewiesen, indem er mit der französischen Résistance zusammengearbeitet und den Widerstand im Untergrund mit aufgebaut habe.

Einer der ersten Kriegsdienstverweigerer

Stephan Alois Oberle war in einer der ersten Kriegsdienstverweigerer und musste vor dem Kriegswehrersatzamt in Köln seine Gewissensentscheidung darlegen und von zwei Familienangehörigen sowie zwei Bekannten als glaubhaft bescheinigen lassen. Nicht zufrieden war er mit den Aufgaben seiner ersten Zivildienststelle in Freudenstadt, er legte er Beschwerde ein. Oberle wollte mit Menschen arbeiten, nicht, wie bei diesem Kurhaus, als billige Arbeitskraft für alles fungieren. Seine Beschwerde führte zur Strafversetzung.

Oberles Weg in die Ergotherapie begann mit seiner Arbeit im Schwerversehrten-Heim in Isny, wo er die letzten drei Monate seines Zivildienstes ableistete. Ein Werklehrer bearbeitete zusammen mit den Patienten Holz, Stein und Ytong. Eine Cousine bot Anfang der 50er Jahre erste Ausbildungs-Kurse in der von britischen Krankenschwestern zunächst für Kriegsversehrte entwickelten Beschäftigungs- und Arbeitstherapie an, wie die Ergotherapie damals noch hieß. Durch diese Therapie sollen Patienten nach einer stationären Behandlung den Wiedereinstieg ins Berufsleben ermöglichen.

Allein unter 28 Frauen

Ergriffen von dieser Idee, wollte auch Oberle seinen Erstberuf therapeutisch nutzen und durchlief von 1966 bis 1969 in München-Bogenhausen die Ausbildung zum Ergotherapeuten. „Ich war der einziger Mann neben 28 Frauen“, erinnert er sich gerne an München, wo er auch seine Frau, eine Kinderkrankenschwester, kennenlernte. „Diese Zeit der späten 60er, frühen 70er Jahre war eine Pionierzeit. Ein langsames Umdenken im Bereich der Behandlungsmethoden sowie des Umgangs mit psychisch Kranken hatte zwar begonnen, doch es lag noch einiges im Argen“, erläutert Oberle. In den Kliniken wurden neue Abteilungen aufgebaut. Hierzu wurde qualifiziertes Personal benötigt. Mit dabei war Oberle. Seine erste Beschäftigung führte ihn in die psychiatrische Uniklinik Basel. Hier wurde er beauftragt, ein ergotherapeutisches Angebot für Medikamenten- und Drogenabhängige zu entwickeln.

Harte Jahre in England

Es folgten drei Monate in Leeds, England, und danach ein Jahr in Hackney, im Osten Londons. Die Situation in der psychiatrischen Abteilung des alten Krankenhauses in Hackney beschreibt Oberle so:. „Die Ärzte waren mit der Realität konfrontiert: 32 psychisch Kranke, 16 Frauen, 16 Männer auf einem Stockwerk, in zwei Schlafsälen, und jedes Bett war nur mit einem Vorhang abgetrennt“, erinnert er sich, dass die Kranken keinen persönlichen Spielraum hatten. Umso wichtiger waren ergotherapeutische Angebote wie Sport, Spaziergänge, Diskussionsgruppen, Spiel und Tanz. Oberle musste dazu aus einem unwirtlichen Kellerraum eine Holzwerkstatt für Heroin- und Kokainabhängige installieren. Die meist älteren Patienten aus unterschiedlichen Ländern kamen hier in eine der zehn in London eröffneten Drogenambulanzen, um eine Behandlung mit der Ersatzdroge Methadon zu erhalten.

Aufbaujahre in Oberschwaben

Später kam er an die PLK Weissenburg in Ravensburg und übernahm dort die Leitung der Beschäftigungs- und Arbeitstherapie sowie die Umgestaltung nach modernen ergotherapeutischen Richtlinien. Oberle wurde beauftragt, das medizinische Rehabilitätsangebot um eine Werkstatt für berufliche und soziale Rehabilitationsmaßnahmen (WfbM) zu erweitern. Dies versetzte die Patienten in die Lage, sozial- und rentenversichert zu sein. „Die Weissenauer WfbM war die erste Einrichtung dieser Art an einem psychiatrischen Krankenhaus in Deutschland und ist bis heute hier einmalig“, erklärt der Pionier mit sichtlichem Stolz. Den Patienten einer Station stand hier kreativer Raum zur Verfügung– für Malerei, Musik und andere Dinge.

Weitere Projekte entstehen

2007 wurde Oberle von der Weissenau in den Ruhestand verabschiedet. Aktiv ist er geblieben, u.a. mit der, ebenfalls durch ihn gegründeten, Theatergruppe „Companie Paradox“ in Ravensburg. Er engagierte sich auch im Kampf gegen die Atomenergie und entwickelte unter der Schirmherrschaft von Hermann Scheer das Pflanzenölprojekt, bei dem Dieselfahrzeuge auf einen Antrieb mit reinem Pflanzenöl umgerüstet wurden. Die Umrüstung wurde von den Sprungbrett Werkstätten gGmbH in Kooperation mit anderen Partnern durchgeführt. So entstanden weitere Arbeitsplätze. Auch mit der Mitgliedschaft Oberles im Vorstand der Deutsch-Polnischen Gesellschaft für Seelische Gesundheit entstanden wertvolle Kooperationen zwischen psychiatrischen Einrichtungen Baden-Württembergs und Kleinpolen.