Früher konnte man in Großschönach geschwind beim Stehle-Bäck vorbeischauen, sich zum frischen Brötchen gleich Wurst und Käse, Essiggurken und Senf kaufen, praktischerweise noch Briefmarken und den SÜDKURIER. Diese Zeiten sind vorbei. Die Bäckerei hat seit dem 1. Februar 2017 geschlossen. Seither gibt es im Ortsteil keine Nahversorgung mehr. Dabei ist sie ein nicht zu unterschätzender Standortfaktor für Gemeinden. Den Menschen fehlt häufig nicht nur die Einkaufsmöglichkeit, sondern auch ein sozialer Mittelpunkt.

"Die Ausgangslage ist eine sehr typische Situation im ländlichen Raum", konstatierte Bürgermeister Ralph Gerster. Darunter leide die Lebensqualität vor allem derjenigen, die nicht mehr oder noch nicht mobil sind: ältere oder behinderte Bürger, Kinder und Jugendliche. Wie die Versorgung mit Waren und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs wieder angekurbelt werden kann, war Thema bei der jüngsten Gemeinderatssitzung. Jürgen Lauten war zu Gast, um das Modell DORV vorzustellen. Kein Schreibfehler, aber ein Wortspiel. Denn mit DORV soll auf dem Dorf wieder "Dienstleistung und ortsnahe Rundum-Versorgung" angesiedelt werden. Lauten ist Projektbegleiter im DORV-Regionalbüro Süd.

"Unser Ort hat sehr viel an Lebensqualität zurückgewonnen", sagt Jürgen Lauten, Ortsvorsteher Eisental und Projektbegleiter DORV-Regionalbüro Süd.
"Unser Ort hat sehr viel an Lebensqualität zurückgewonnen", sagt Jürgen Lauten, Ortsvorsteher Eisental und Projektbegleiter DORV-Regionalbüro Süd. | Bild: Kirsten Johanson

Das erste DORV-Zentrum in Baden-Württemberg entstand in Bühl-Eisental. Lauten ist ehrenamtlicher Ortsvorsteher von Bühl-Eisental. Er konnte folglich aus eigener Erfahrung sprechen. Im 2100 Einwohner zählenden Ort hat sich DORV demnach als Erfolgsmodell entpuppt. "Unser Ort hat sehr viel an Lebensqualität zurückgewonnen." 1999 schloss dort der letzte Versorger in Eisental, 2008 kam DORV ins Spiel und 2013 wurde der Laden eröffnet, der heute ein beliebter Treffpunkt für Jung und Alt sei. "Wir haben auf einem kleinen Raum die größtmögliche Rundumversorgung unter einem Dach. Es handelt sich um einen Tante Emma-Laden des 21. Jahrhunderts", sagt Lauten. "Wir bieten auf 90 Quadratmetern 2000 Artikel an." Auf Nachfrage berichtete Lauten, dass der kaufmännisch betriebene Laden inzwischen schwarze Zahlen schreibt und einen Jahresumsatz von rund 510 000 Euro macht. Das Kerngeschäft basiere nicht auf ehrenamtlichem Engagement, sondern werde betriebswirtschaftlich geführt. Bei den Lebensmitteln dominiert die regionale Ausrichtung. Es wird nicht mit großen Ketten, sondern mit Familienbetrieben, regionalen Bäckern, Metzgern und sonstigen Partnern zusammengearbeitet.

Eine wichtge Rolle spielen die Zusatzangebote wie zum Beispiel Reinigungsannahme, Toto-Lotto, Apotheken-Service, Bankautomat, Paketdienst oder ärztliche Sprechstunde. Auch ein soziales Leistungsportfolio und kulturelle Aktivitäten können integriert werden, so etwa die Vermittlung von Nachbarschaftshilfe oder die Einrichtung eines Tagscafés. In Herdwangen-Schönach seien solche Zusatzangebote vorstellbar, welche genau, das müsse zu gegebener Zeit zusammen mit den Bürgern festgestellt werden. Einstimmig beschloss der Gemeinderat, zunächst eine Basisanalyse erstellen zu lassen. Damit soll festgestellt werden, ob sich ein DORV-Zentrum überhaupt rechnet.


SPES

DORV ist ein Teil von SPES. Bei SPES, lateinisch Hoffnung, handelt es sich um den gemeinnützigen Verein "Studiengesellschaft für Projekte zur Erneuerung der Strukturen". Es geht darum, Modelle für eine positive Zukunft für Menschen und Lebensräume zu entwickeln. Ein Fokus liegt auf der nachhaltigen Sicherung der Lebensqualität in ländlichen Gemeinden. Im Internet: www.spes.de

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