Nachdem er mit seinen Eltern von Glatz in Schlesien nach Wittenberge an die Elbe geflüchtet war, dürfte Wolfgang Behr dort eine seiner ersten Karten entstanden sein. „Schon als Neunjähriger habe ich mich für die Umsetzung von Raum auf Papier interessiert und für meine Mutter zur besseren Orientierung einen Stadtplan von Wittenberge gezeichnet. Darin habe ich die Lage von Milchgeschäft und Bäckerei eingetragen“, erinnert sich Wolfgang Behr.

„Ein erfülltes Berufsleben“

Inzwischen ist er 83 Jahre alt, lebt in der Gemeinde Herdwangen-Schönach und blickt auf ein erfülltes Berufsleben als Kartograf zurück. Er war sowohl mathematisch-analytisch, als auch schöpferisch-kreativ tätig und hat von Tessiner Wanderkarten bis hin zum Weltatlas für das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen eine große Fülle unterschiedlichster Karten realisiert.

Jeder Karte von Hand beschriftet

Noch vor dem Mauerbau war Familie Behr nach Westberlin gezogen, wo Wolfgang Behr mit der Mittleren Reife in der Tasche die Ingenieurschule für Bauwesen besuchte. In der Anfangszeit wurde noch jeder Atlas, jede Karte von Hand beschriftet. „Wir haben in der Ausbildung stundenlang Schriften geübt“, erinnert sich der Ingenieur für Kartografie.

Faszinierende Wirkung der Karten

Die Regale in seinem Arbeitszimmer im Hügelhof sind mit Stehsammlern voller Stadt- und Ortspläne, topographischer Karten, Tourismus- und Wanderkarten bestückt. Wenn er Schubladen aufzieht, liegen darin wahre Kunstwerke. So etwa Reliefkarten, die das abgebildete Gelände faszinierend plastisch wirken lassen. Hierfür muss man die Zeichentechnik des Schummerns besonders gut beherrschen. Schummerung definiert sich als Wiedergabe der Reliefformen in einer verlaufenden Helldunkeldarstellung. „Ich war Spezialist für Reliefschummerung“, sagt Behr, der 1961 in die Schweiz zog und bis zu seinem 78. Lebensjahr die meiste Zeit freiberuflich tätig war.

Arbeiten für National Geographic Magazine

Er hat für den Schweizer Verlag Kümmerly + Frey gearbeitet, Auftragsarbeiten für das renommierte Verlagshaus Skira, für das National Geographic Magazine und Lufthansa ausgeführt. Für den ADAC entwarf er 1979 gemeinsam mit Adolf Benjes eine Mittelmeer-Tourismuskarte und gewann damit einen mit 40 000 Mark dotierten Wettbewerb. „Das war einer der Höhepunkte in meiner Laufbahn“, erinnert sich Behr.

Stadtpläne für Genf und Zürich

Seine Erzählungen sind hochinteressant und man könnte ihm stundenlang zuhören. Er hat Stadtpläne unter anderem für Locarno, Genf und Zürich gezeichnet – doch ungleich spannender muss die Reise nach Ägypten gewesen sein, wo er Ende der 1960er Jahre in Tanis ein Ausgrabungsgelände vermessen und kartiert hat. In den Schweizer Alpen hat er sogar buchstäblich weiße Flecken auf der Landkarte gefüllt. Eine von Behr entworfene Karte für die Ferienregion Nördlicher Bodensee ist übrigens in Pfullendorf im Seepark bei der europäischen Wasserscheide-Skulptur zu sehen, die erst vor Kurzem grundüberholt wurde.

Feingefühl und ruhige Hand

Behr ist ein in sich ruhender, besonnener Mensch Langsames, konzentriertes Arbeiten ist nicht umsonst das A und O in der Kartografie. Um feine und feinste Linien zu zeichnen, braucht es nicht nur ein gutes Auge, sondern auch Feingefühl, eine ruhige Hand und sehr spitze Zeichenfedern. Zum Verständnis: eine dreispurige Schnellstraße, die auf einer Karte im Maßstab 1:200 000 zwei Millimeter breit abgebildet wird, ist in der Natur 400 Meter breit und zwingt so zur Generalisierung. „Je kleiner der Maßstab, um so mehr muss man vereinfachen, weglassen, verdrängen.“

Digitalisierung löst Handarbeit ab

Den Beruf des Kartografen, wie Wolfgang Behr in von der Pike auf gelernt und ausgeübt hat, gibt es heute in der Form nicht mehr. Vor allem der künstlerische Anspruch und die Schönheit sind mit zunehmender Digitalisierung auf der Strecke geblieben. „Und ich meine Schönheit nicht zum Selbstzweck, sondern um der besseren Lesbarkeit willen“, sagt Behr. Davor waren Nachbarberufe wie beispielsweise Vermesser, Geografen und viele Wissenschaftler auf die handwerklichen Fahigkeiten der Kartografen angewiesen, die zugleich die Kunst der Gestaltung beinhalteten.

„Sündenfall der Kartografie“

Der „Sundenfall“ der Kartografie setzte nach Meinung von Behr ein, als die Unesco-Definition „Kartografie ist die Kunst und Technik der Kartenherstellung“ in Deutschland durch „Kartografie ist die Wissenschaft und Technik der Kartenherstellung“ ersetzt wurde. „Ich bedaure, dass die einstige fachkompetente Herstellung von Landkarten und Stadtplanen eine Spielwiese fur Laien geworden ist. So muss man heute leider von einer „Vergoogelung“ der Kartenherstellung sprechen.“

Herstellung einer Karte

Folgende Schritte sind zur Erstellung einer Karte nötig

  • - Konzept: Inhaltsbeschreibung und Gestaltung hinsichtlich der Art der Karte (z.B. Wanderkarte, Themenkarte, Straßenatlas...)
  • - Redaktion: Unterlagenbeschaffung und -auswertung
  • - Entwurf: kodierte Vorzeichnung auf PVC-Folie; Scannen
  • - technische Ausführung: Zeichnung auf Karton oder PVC-Folie bzw. Gravur auf Folie oder Glas (früher), digitale Zeichnung mit speziellen Software-Programmen (heute)