Zahlreiche Menschen, darunter viele afghanische Geflüchtete, nahmen anlässlich der vierten Sammelabschiebung nach Afghanistan an einer Protestkundgebung teil. Bei der von "Lebenshaus Schwäbische Alb – Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie" in Zusammenarbeit mit dem „Flüchtlingsrat Baden-Württemberg“ organisierten Veranstaltung taten sie ihren Protest gegen "unmenschliche Zwangsrückführungen ins Bürgerkriegsland" kund und solidarisierten sich mit den Betroffenen. Wie die Initiative mtteilt, traten Michael Schmid und Katrin Warnatzsch als Sprecher auf, Gudrun Scheuerle und Walter Märkle trugen Texte von Kurt Marti und Konstantin Wecker vor.

Michael Schmid sagte, dass Afghanistan eines der gefährlichsten, gewalttätigsten und krisengeschütteltsten Länder der Welt sei. Das gesamte Staatsgebiet sei von einem „innerstaatlichen bewaffneten Konflikt“ im Sinne des europäischen Flüchtlingsrechtes betroffen. Heftige Kritik übte Michael Schmid daran, dass ausgerechnet Baden-Württemberg mit einem grünen Ministerpräsidenten an allen bisherigen Sammelabschiebungen beteiligt gewesen sei. Das habe nicht zuletzt auch bei den Grünen selber einen ziemlichen Protest hervorgerufen.

Es reiche allerdings nicht aus, dass Ministerpräsident Kretschmann seine Sorgen über die aktuelle Sicherheitslage in Afghanistan zum Ausdruck bringe und vom Bundesaußenminister eine neue Einschätzung der Sicherheitslage fordere, gleichzeitig aber mittrage, dass aus Baden-Württemberg afghanische Schutzsuchende in den Hindukusch abgeschoben würden. Es hätte auch sicher große Auswirkungen auf die Abschiebepolitik der Bundesregierung, wenn Baden-Württemberg sich, wie andere Bundesländer, nicht mehr an den Abschiebungen beteiligen würde, sagte Schmid. Deshalb erwarte er von den Grünen im Land, dass sie einen sofortigen Stopp der Afghanistan-Abschiebungen erwirken sollten. Diese Forderung richtete er ebenfalls an die Bundesregierung. Zudem sei Geflüchteten aus Afghanistan ein sicherer Aufenthaltsstatus zu gewähren, der das Recht auf Familiennachzug beinhaltet. Weiter seien Fluchtursachen zu bekämpfen und nicht geflüchtete Menschen: „Wir fordern also eine Politik, die sich der eigenen Mitverantwortung für globale Fluchtbewegungen stellt und Fluchtgründe wie Krieg, politische Verfolgung, Armut, Klimawandel usw. aktiv bekämpft.“

In einer weiteren Rede ging Katrin Warnatzsch auf die Rolle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und die Hintergründe für die drastische Zunahme von Ablehnungsbescheiden für afghanische Schutzsuchende ein. Als im Herbst 2015 besonders viele Schutzsuchende in Deutschland angekommen seien, habe Bundesinnenminister Thomas de Maizière formuliert: Afghanistan stehe bei der Zahl der Flüchtlinge auf Platz zwei der Liste der Herkunftsländer. Das sei inakzeptabel. „Wir wollen, dass in Afghanistan das Signal ankommt: 'Bleibt dort! Wir führen euch aus Europa direkt nach Afghanistan zurück!'“ Sein Ziel sei es gewesen, dem Anstieg afghanischer Flüchtlinge „Einhalt“ zu gebieten. Kurze Zeit später sei eine drastische Zunahme von abgelehnten Asylanträgen von afghanischen Schutzsuchenden festzustellen gewesen.

Neun der in Gammertingen lebenden afghanischen Schutzsuchenden. hätten dieses Jahr einen Bescheid des Bamf erhalten. Davon gebe es eine einzige Anerkennung des Flüchtlingsstatus und acht Ablehnungen. „Das ist absolut unmenschlich angesichts der Zustände im Bürgerkriegsland Afghanistan", so Katrin Warnatzsch. Sie erlebe mit, wie die Empfänger dieser Ablehnungsbescheide in Angst und Schrecken versetzt würden. Den ablehnenden Bescheiden könne allerdings mit einer Klage beim Verwaltungsgericht begegnet werden. Durch das „Lebenshaus Schwäbische Alb“ würden abgelehnte Schutzsuchende dabei unterstützt, diesen Klageweg zu gehen.

Zwischen den Reden trugen Gudrun Scheuerle und Walter Märkle den Text „die Hoffnung“ des Schweizer Pfarrers und Schriftstellers Kurt Marti vor, der im Februar im Alter von 96 Jahren verstorben ist. Als weiteren Beitrag lasen sie den Liedtext des Liedermachers Konstantin Wecker mit dem Titel „Ich habe einen Traum“ vor. Inspiriert von Martin Luther Kings Rede vom August 1963 in Washington „I have a dream“, geht es darin um das Öffnen der Grenzen, um das Teilen, gemeinsames Zusammensitzen, miteinander Lachen und Singen.