Und wieder beweist der inzwischen längst im Ruhestand lebende Pädagoge ein fast fotografisches Gedächtnis an seine Kinderjahre. Dabei lesen sich seine amüsant geschriebenen Erinnerungen wie Berichte aus einer anderen Welt. Lichtjahre von den heutigen technischen Möglichkeiten und ebenso weit vom heutigen Wohlstand entfernt, sind es Erinnerungen an eine glückliche Kindheit, in der andere Dinge als heute Priorität hatten.

Günter Neidinger bettet seine Kindheitserinnerungen in den Jahreslauf ein. Alte Lieder, Gedichte, Spiele werden hier wieder lebendig. Für die Kinder damals in seiner Heimatstadt Bühl war der November eine triste Sache, der Martinstag mit seinem Laternenumzug deshalb ein lang erwarteter Höhepunkt. Dabei hatten die Jungen und Mädchen Sorgen, die heutigen Kindern dank LED-Technik unbekannt sind. Neidinger beschreibt das so: "Dabei blickte manches Kind ängstlich auf seinen Lampion, hoffend, dass der Wind das flackernde Licht nicht ausblies oder die wackelnde Kerze nicht umkippte und die ganze Laterne abfackelte."

Zum Abschluss des Martinsumzugs gab es für die Kinder jeweils eine Tafel Schokolade – ein ungeheurer Luxus in der Nachkriegszeit. Nikolaus, Weihnachten und das Sternsingen waren die nächsten Höhepunkte im kindlichen Jahresablauf. Neidinger dokumentiert Lieder und Reime, die damals für Kinder Allgemeingut waren. Alte Kinderspiele wie "Kaiser, wie viele Schritte darf ich gehen?", "Kästchenhüpfen", oder wie die aus Norddeutschland zugezogene Nachbarstochter Wiebke es nannte "Hinkepott", gehörten mit zum Repertoire der kindlichen Spiele. Selbst lange Sommerferientage waren damit zu füllen. Langeweile war für die Kinder von damals ein Fremdwort.

Das gebundene Buch mit 141 Seiten enthält viele Schwarzweißfotos, darunter auch ein Klassenfoto aus Buchheim. "Auf der Gass – eine Kindheit in Baden" ist im Tübinger Silberburg-Verlag erschienen und kostet 14,90 Euro.