Holger Hofstetter, Veranstalter des Bücherbasars, kommt aus dem Staunen nicht heraus. „Das ist wirklich der Hammer, soviel los habe ich selten gehabt“. Hunderte von Besuchern gaben sich über das Wochenende im Bürgertreff von Hitzkofen die Klinke in die Hand. Bis aus 80 Kilometer Entfernung sind die Bücherliebhaber angereist. Einer hält seine auserwählte Lektüre fast bis in Kopfhöhe auf zwei Händen gestapelt. Woher er bloß die Kraft nimmt, minutenlang mit dieser Last auszuharren, bis seine weibliche Begleitung herbeieilt. An der Kasse sitzen die beiden Hofstetter-Mädels – ebenfalls mit Lesestoff ausgerüstet, falls dazu Zeit bleibt.

10 000 Bücher hat Holger Hofstetter bei dieser 29. Auflage seines Basars in die Regale der von der Gemeinde ihm kostenlos zur Verfügung gestellten Räumlichkeit ausgestellt, 2000 sind als eiserne Reserve gelagert. Der Publikumsandrang ebbt erst gegen Ende ab. Zwei Euro pro Buch, das ist für viele erschwinglich. „Bei mir kann alles angeliefert werden, nur von Pornos oder NS-Literatur lasse ich die Finger weg“, sagt der bald 54-Jährige. Schon früher habe er bei seiner beruflichen Tätigkeit als Lastwagenfahrer viel und gerne gelesen. Inspiriert, einen Bücherbasar ins Leben zu rufen, habe ihn Vergleichbares in Salem. Da habe er festgestellt: „Das ist etwas Gutes!“

Ja, Gutes tut das Gemeinderatsmitglied Holger Hofstetter seit vielen Jahren, der zugleich Mitbegründer der Angelo-Stiftung ist. Angefangen hatte es mit einem Aufruf für die an Leukämie erkrankten Lisa Kaschner. Seither steht sein Basar unter solchem sozialen Aspekt. Es werden besonders Hilfsbedürftige mit Geldspenden bedacht. So kommt der Erlös dieser Aktion der Familie Kessler aus Bingen zugute. Manuela Kessler ist eine aufgeweckte Frau, sie ist Mutter von vier Kindern. Ihr Mann heißt Steve. Ihr kleiner Leon, ganz schön agil, ist gerade 17 Monate alt geworden. Jetzt soll er im Juni unters Messer kommen. Er muss an beiden Füßen operiert werden. Der rechte Fuß müsse korrigiert, der linke jedoch amputiert werden. „Ihm fehlen sämtliche Knochen in den Gelenken“, erzählt sie. Der Fachbegriff lautet „fibulare und tibiale Hemimelie“ und bezeichnet das angeborene Fehlen oder die Unterentwicklung des Unterschenkels. Sie tritt isoliert, häufiger aber in Verbindung mit Fehlbildungen am Fuß auf – eine seltene Krankheit, die statistisch einen von einer Million Neugeborenen trifft. „Mutter natur“ – nennt es die Dreißigjährige, sie ist ohne jegliche Vorwarnung damit konfrontiert worden. Der kleine Leon soll zunächst eine Orthese zur Stabilisierung der Gliedmaße und später eine Prothese erhalten.

Als sie von Hofstetters Vorhaben erfährt, sei sie im ersten Moment völlig perplex gewesen: „Ich bewundere solche Leute. Dass es jemanden gibt, der das Herz am rechten Fleck hat und hilft!“ Finanzielle Hilfe, die sie und ihre Familie sicherlich gut gebrauchen könne. Ihr erster Antrag auf eine Pflegestufe für den kleinen Leon sei bereits abgelehnt worden – in Nichtanerkennung einer zeitlichen Belastung. „Er wird behandelt wie ein gesunder Säugling“, sagt sie und dass ihr beschieden worden sei, es in einem Dreivierteljahr nochmals zu probieren.

Holger Hofstetter berichtet, wie viel Umstände es ihm bereitete, die Familie überhaupt ausfindig machen zu können. Ein erster Wink kam von einer früheren Arbeitskollegin, die aber weder den Namen der Kesslers noch deren Adresse kannte. Immerhin konnte sie auf die Angelo-Stiftungs-Gründerin Evi Clus verweisen, die mehr wissen könnte, da die Großmutter der Familie Kessler wegen einer Brustkrebserkrankung selber Mitglied in einer ihrer regionalen Selbsthilfegruppen ist. „Da haben wir die Angelegenheit vor der Haustüre und wissen von nichts“, schmunzelt der im Binger Ortsteil Hornstein lebende Holger Hofstetter über den hergestellten Kontakt.