Vor 20 Jahren, im September 1998, stand Beuron bundesweit in den Schlagzeilen: Der junge Bürgermeister Arndt Neff war plötzlich verschwunden. Die Polizei suchte ihn erfolglos bundesweit. Als Arndt wieder auftauchte, er erklärte, er sei nach knapp drei Jahren als Bürgermeister amtsmüde geworden, und ließ sich krankschreiben. 1999 wurde Neff als dienstunfähig in den Ruhestand versetzt. Ende 1999 endete für Beuron die bürgermeisterlose Zeit mit der Wahl des damaligen Schwenninger Rathauschefs Herbert Bucher zum ersten ehrenamtlichen Bürgermeister der Gemeinde.

Arndt Neff arbeitet heute als Büroleiter

Arndt Neff lebt heute wieder in seiner badischen Heimat und arbeitet als Büroleiter in der Verwaltung einer Metallfabrik. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Turbulente Zeit auch durch den Skandal um Landrat Jürgen Binder

Bernd Gombold, damals Pressesprecher im Landratsamt Sigmaringen, heute Bürgermeister von Inzigkofen: "Ich habe mir wie viele andere Sorgen gemacht, als ich erfuhr, Arndt Neff sei verschwunden."
Bernd Gombold, damals Pressesprecher im Landratsamt Sigmaringen, heute Bürgermeister von Inzigkofen: "Ich habe mir wie viele andere Sorgen gemacht, als ich erfuhr, Arndt Neff sei verschwunden." | Bild: Hermann-Peter Steinmüller

Die "Affäre Neff" fiel in eine für Beuron und den Landkreis turbulente Zeit, wie sich Bernd Gombold erinnert. Er war Mitte der 90er Jahre Pressesprecher der Kreisverwaltung in Sigmaringen. Der Skandal um den früheren Landrat Jürgen Binder, der den Landkreis 1996/97 in die Schlagzeilen gebracht hatte, war noch in frischer Erinnerung. Binder war wegen Untreue und Betrug in mehr als 200 Fällen zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden.

Wähler hofften nach der Wahl von Neff auf Ruhe in der Gemeinde

Auch Beuron hatte sich gerade erst begonnen zu beruhigen. 1995 war der damals 45 Jahre alte Bürgermeister Fidel Matthias Fischer in den Ruhestand gegangen. Sein Verhältnis zu einem Teil des Gemeinderats hatte sich deutlich verschlechtert. Deshalb hatten sich die Wähler von dem Votum für Arndt Neff, der gerade seine Verwaltungsausbildung abgeschlossen hatte, eine deutliche Beruhigung versprochen.

Vorgänger Neffs hatte schlechtes Verhältnis zu Teilen des Gemeinderats

Bruder Burchhard Herrmann, damals wie heute Gemeinderat in Beuron: "Er war zu unerfahren und mit der Aufgaben offensichtlich überfordert."
Bruder Burchard Herrmann, damals wie heute Gemeinderat in Beuron: "Er war zu unerfahren und mit der Aufgaben offensichtlich überfordert." | Bild: Hermann-Peter Steinmüller

Bruder Burchard Herrmann vom Kloster Beuron war damals wie heute Mitglied im Gemeinderat. Er erinnert sich an die Zeit vor der Wahl Neffs: "Hinter meinem Rücken hatten sich Mitglieder des Gemeinderats auf den Weg in die Verwaltungsschule nach Kehl aufgemacht. Dort brachten sie Zettel an mit der Aufforderung, sich um die Bürgermeisterstelle im Donautal zu bewerben."

Verbot für jungen Bürgermeister, Rat beim Amtsvorgänger zu holen

Durch diese Aktion habe Fischer von einer erneuten Kandidatur abgesehen. In der Rückschau bescheinigt Burchard Arndt Neff, "unerfahren" und "mit der Aufgabe überfordert" gewesen zu sein. Wie der SÜDKURIER am 1. Oktober 1998 berichtete, hatte der Gemeinderat dem jungen Bürgermeister sogar verboten, sich bei seinem Amtsvorgänger Rat zu holen.

Schon 1997 erste dienstrechtliche Maßnahmen gegen Neff

Durch seine freundliche Art machte sich Neff schnell beliebt. Doch nach seinem Verschwinden stellte sich heraus, dass die Kommunalaufsicht im Landratsamt gegen ihn bereits 1997 und 1998 dienstrechtliche Maßnahmen eingeleitet hatte, weil er "Dienstgeschäfte nicht ordentlich erledigt" habe.

Gerhard Huhn: "Überall stapelten sich unerledigte Akten"

Davon kann auch Gerhard Huhn berichten. Der pensionierte Berufssoldat war damals als Gemeinderat erster Stellvertreter des Bürgermeisters. Deshalb lag es an ihm, die Amtsgeschäfte zunächst weiterzuführen. "Im Büro herrschte ein riesiges Chaos. Überall stapelten sich die unerledigten Akten."

Gemeinde zahlt noch Pension in unbekannter Höhe an Neff

Zwei Konsequenzen sind bis heute spürbar. Aufgrund der Erfahrungen mit Neff schaffte der Gemeinderat den hauptamtlichen Bürgermeister ab. Und seit 20 Jahren überweist die Gemeinde Pensionsgelder an Arndt Neff. Über deren Höhe schweigt der heutige Rathauschef Raphael Osmakowski-Miller aus datenschutzrechtlichen Gründen.

Das sagt Arndt Neff heute

„Für mich persönlich fasse ich die letzten 20 Jahre kurz und knapp zusammen: zwei Jahre Verarbeitung und 18 Jahre Glückseligkeit. Ich stehe voll im Berufsleben und freue mich auf jeden neuen Arbeitstag. Meine Rückschau soll keine Abrechnung darstellen, vielmehr kann ich feststellen, dass meine Zeit in Beuron einen wesentlichen Bestandteil in meinem Leben einnimmt. Mit meiner Frau und unseren beiden Kindern führe ich ein beschauliches Leben. Die Jahre 1995 bis 1999 waren fiir mich persönlich intensiv und haben mich selbstverständlich auch verändert. Ich bin als Mensch gereift und nicht gescheitert und habe aus dem einen oder anderen Fehler gelernt. Die Gemeinde Beuron und das wildromantische Donautal habe ich in meinem Herzen bewahrt und bin froh, ein Teil dieser Geschichte zu sein.“

Chronologie der Ereignisse

  • 18.09.98: Der SÜDKURIER meldet, dass Arndt Neff seit fünf Tagen vermisst wird. Er war nach dem Urlaub nicht ins Rathaus gekommen. Nachfragen bei Eltern, Freunden und Bekannten hätten keinen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort ergeben.
  • 22.09.98: Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa, bestätigt von der Sigmaringer Polizei, soll Neff im Raum München gesehen worden sein.
  • 24.09.98: Nach Mitteilung der Polizei hat Neff die Zeit von 9. bis 14. September in einem Münchner Hotel verbracht. In einem Telefonat mit seinen Eltern habe er angekündigt, am Montag seine Arbeit in Beuron wieder aufzunehmen.
  • 25.09.98: Mitteilungen des Landratsamts und der Polizei, wonach Neff wieder bei seinen Eltern im Kreis Karlsruhe sei, erweisen sich als falsch. Er hatte sich lediglich telefonisch gemeldet und auch der Polizei mitgeteilt, es gehe ihm gut. Gleichzeitig kündigte er an, nicht mehr nach Beuron zurückkehren zu wollen.
  • 26.09.98: Das Landratsamt bietet der Gemeinde Amtshilfe bei der Erledigung wichtiger Aufgaben an.
  • 30.09.98: Arndt Neff schickt dem Landratsamt eine Krankmeldung. Sein Aufenthaltsort ist unbekannt. Gerhard Huhn hat als stellvertretender Bürgermeister die Amtsgeschäfte kommissarisch übernommen.
  • 01.10.98: Das Landratsamt setzt seine dienstrechtlichen Schritte gegen Arndt Neff fort.
  • 10.10.98: Neffs Krankschreibung wird bis zum 26. Oktober verlängert. Offiziell ist sein Aufenthaltsort noch immer unbekannt.
  • 09.03.99: Neff wird immer wieder krankgeschrieben. Eine Untersuchung durch das Gesundheitsamt habe "Anzeichen für eine ernste Krankheit" ergeben, so der damalige Sprecher der Kreisverwaltung, Bernd Gombold.
  • 15.04.99: Landrat Dirk Gaerte erklärt Neff aufgrund der amtsärztlichen Untersuchung für amtsunfähig.
  • 27.05.99: Arndt Neff wird endgültig in den Ruhestand versetzt.