Stetten am kalten Markt Hartmut Keßler, Leiter des Bundeswehrdienstleistungszentrums: Interview zum Abschied des Behördenleiters

Oberregierungsrat Hartmut Keßler im Gespräch über seinen Abschied vom Dienstleistungszentrum der Bundeswehr, das er seit 2004 leitete.

Herr Keßler, in wenigen Tagen geht ihre aktive Dienstzeit zu Ende. Wie fühlen Sie sich jetzt, so kurz vor ihrer offiziellen Zurruhesetzung?

So wie wahrscheinlich viele andere in dieser Situation: Auf der einen Seite spüre ich Wehmut, auf der anderen Seite viel Freude. Hätten Sie die Frage vor drei Monaten gestellt, wäre die Antwort 'sehr freudig' gewesen. Doch mit jedem Tag, dem sich der Ruhestand näherte, kamen zunehmend Wehmut und kribbeln im Bauch auf. Aber keine Bange, die Freude ist trotzdem noch gleich groß. Denn insgesamt bin ich sehr zufrieden mit dem Erreichten.

43 Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Mit welcher Motivation sind Sie denn 1974 als gelernter Bankkaufmann zur Bundeswehr gegangen?

Mit jugendlichem Enthusiasmus. Das Ganze kam nämlich wie folgt zustande: Ich diente für zwei Jahre als Zeitsoldat und war seinerzeit auch Spieler und Jugendtrainer beim SV Sigmaringen. Dass ich den Wehrdienst in Sigmaringen leisten konnte, war unter anderem ein Verdienst des späteren Landtagsabgeordneten Ernst Behringer. Zahlreiche Betreuer der Jugendabteilung des SV Sigmaringen waren seinerzeit führende Beschäftigte der Standortverwaltung Sigmaringen. Diese haben mich quasi dazu überredet, diese Laufbahn einzuschlagen. Und so hat sich der sportliche Ehrgeiz auf die berufliche Entwicklung ausgewirkt.

Sie haben im Laufe ihres Berufslebens in der Bundeswehrverwaltung zahlreiche Verwendungen durchlaufen. Kann man sagen, dass ihre Aufgabe als Leiter Bundeswehrdienstleistungszentrums oder kurz des BwDLZ sie besonders gefordert und geprägt hat?

Geprägt hat mich vor allem der Wechsel aus der Kleinstadt Sigmaringen nach Stuttgart. Dort fand ich nach dem Studium im Oktober 1977 meine erste Verwendung in der Wehrbereichsverwaltung, in der ich dann mehrere Arbeitsfelder – meist im Personalbereich – durchlief. Vor meiner Rückkehr in die Region leistete ich noch drei Jahre Aufbauhilfe Ost in Straußberg. Zum anderen Teil ihrer Frage: Ich denke für alle Angehörigen des gehobenen nichttechnischen Verwaltungsdienstes ist – zumindest auf Ortsebene – die Leitung eines BwDLZ die Krönung in dieser Verwendung. Dass ich die Möglichkeit bekam dann noch den Aufstieg in den höheren Dienst zu schaffen, war natürlich anfangs so nicht geplant, aber dann umso schöner. Aber gefordert ist man in dieser Position auf jeden Fall.

Worin lag für Sie der besondere Reiz dieser Aufgabe?

Die Gesamtverantwortung, die man trägt. ist enorm und erdrückt einen am Anfang fast. Nicht nur die rein dienstlichen Abläufe prägen das Bild. Umweltschutz, Arbeitsschutz, Gefahrgut, Betreiberverantwortung sind nur wenige Schlagwörter, bei denen man bei genauer Betrachtung oftmals schon fast mit einem Fuß im Gefängnis steht. Aber man wächst ja bekanntlich mit der Aufgabe. Für mich lag der besondere Reiz dieser Aufgabe nicht zuletzt in der Mitarbeiterverantwortung. Denn – wie ich schon des Öfteren sagte – steht für mich der Mensch im Mittelpunkt aller Betrachtung. Alleine können sie auch in einer noch so schönen Position nichts bewirken. Von großem Reiz waren auch die Gestaltungsmöglichkeiten von Geschäftsabläufen sowie die Chance, die Dienststelle nach außen zu vertreten.

Seit der Neuausrichtung der Bundeswehr im Jahr 2011 hat sich das Aufgabenspektrum des hiesigen BwDLZ gewaltig gewandelt. Können Sie unseren Lesern kurz skizzieren, wo dabei die größten Herausforderungen lagen?

Das Aufgabenspektrum der inneren Abläufe ist im Wesentlichen geblieben. Was sich gewaltig verändert hat ist die Priorisierung der Aufgaben. Mit der Strukturentscheidung 2011 hatte es die hiesige Region gewaltig getroffen. So stand plötzlich die Auflösung von Standorten einhergehend mit der sozialverträglichen Unterbringung der Mitarbeiter im Focus des Geschehens. Auch der Bestand eines BwDLZ musste dabei kritisch hinterfragt werden, denn wo keine Truppe ist, ist auch keine Bundeswehrverwaltung notwendig. Durch die Entscheidung, den Standort Immendingen zugunsten von Daimler Benz aufzugeben wuchs aber der Standort Stetten gewaltig auf und der Zuständigkeitsbereich des BwDLZ Stetten a.k.M wurde um den ehemaligen Betreuungsbereich des BwDLZ Immendingen mit den Standorten Pfullendorf, Donaueschingen, Müllheim und Todtnau/Fahl erweitert. Daraus entstand die große Herausforderung, die weit entfernten Standorte genauso gut zu betreuen wie den 'Heimatstandort'. Eine riesige Herausforderung war die Mithilfe bei der Flüchtlingsunterbringung. Frei werdende Kasernen mussten schneller als geplant von unseren Mitarbeitern 'übergabereif' gemacht werden und auch der technische Betrieb der LEA´s in Meßstetten und Sigmaringen wird von Mitarbeitern des BwDLZ aufrechterhalten.

Ihr Zuständigkeitsbereich ist also trotz der Standortschließungen enorm gewachsen. Wie sehr haben Sie die Auflösungen der hiesigen Standorte belastet?

Da ich ja bekanntermaßen in der Region aufgewachsen bin und gerade am Standort Sigmaringen viel berufsprägendes erlebt habe, sind mir natürlich die Schließungen von Mengen und Sigmaringen besonders an die Nieren gegangen. Doch nach meiner persönlichen Einschätzung sind die Aussichten mittlerweile zukunftsfähig.

Hat sich dadurch nach Ihrer Beobachtung das Verhältnis der Bevölkerung zur Bundeswehr verändert?

Ja, seit es in der Region keine Dienststellen mehr gibt, denen ein General vorsteht und die Bundeswehr nicht mehr so in der Breite aufgestellt ist, ist das Verhältnis punktueller geworden.

Auch die Struktur des Standortes Stetten a.k.M. hat sich im Laufe der Jahre massiv verändert. Was kennzeichnet die Garnison heute und wie sicher ist sie aus ihrer Sicht für die Zukunft aufgestellt?

Ein besonderes Kennzeichen ist natürlich die Größe des Standortes Stetten a.k.M als größte Garnison Süddeutschlands. Aber auch die innere Struktur des Standortes hat sich durch die Zustationierungen und die gewaltige Ausdehnung der Schule ABC/Se Schutzaufgaben stark – aber positiv – verändert. Aufgestellt ist der Standort für die Zukunft gut, doch ist dies ein all entscheidendes Merkmal?

Derzeit wird in der Nachbarstadt Meßstetten heftig über die Wiederbelebung der Luftraumüberwachung im Bunker Martin spekuliert? Gibt es da Neuigkeiten, die Sie unseren Lesern mitteilen könnten?

Hierüber liegen mir keinerlei Erkenntnisse vor.

Was hat Sie in ihrer langen Dienstzeit am meisten bewegt und was nehmen Siefür sich selbst mit?

Stark haben mich die Eindrücke der Zeit gleich nach der Wende in Straußberg bewegt. Aber auch die vielen Standortauflösungen verbunden mit vielen menschlichen Schicksalen brachten viele bewegte Momente mit sich.

Und wie geht`s nun persönlich weiter? Wie wird ihr Alltag aussehen?

Die Dienstzeit war durch viele – auch mehrtägige – Dienstreisen sowie die Wahrnehmung von Abendterminen geprägt. So blieb wenig Zeit für geregelte Sportausübung. Dies sowie viel Bewegung – in nunmehr freier Luft – werde ich sicher genießen. Auch meine beiden Enkelkinder werden dafür sorgen, dass es mir nicht langweilig wird. Ja, und das eine oder andere Ausflügle wird es auch geben.

Die Fragenstellte Gerd Feuerstein

Zur Person

Hartmut Keßler wurde 1952 in Tübingen geboren. Der 65-jährige Oberregierungsrat ist Leiter des Bundeswehrdienstleistungszentrums (BwDLZ) in Stetten, ist verheiratet und hat eine Tochter und zwei Enkel. Seine Ausbildung zum gehobenen, nicht technischen Verwaltungsdienst hat er von 1974 bis 1977 bei der Standortverwaltung Sigmaringen absolviert. Im Anschluss durchlief er zahlreiche Verwendungen in der Bundeswehrverwaltung, bis 1993 in Stuttgart, danach vorwiegend in der hiesigen Region. Seit 2004 leitete er das BwDLZ (früher Standortverwaltung) und wurde 2011 zum Oberregierungsrat ernannt. (gfe)

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