Sigmaringen Kundgebung gegen den Megastall in Sigmaringen

Über 200 Teilnehmer lehnen das Hahnennest-Projekt mit dem Bau eines 1000-Kühe-Stalls ab. Bejubelt wird die fulminante Rede des Ostrachers Karl Albert Magnus Friedrich.

Sie sind gekommen, um gegen den geplanten Bau des 1000-Kühe-Stalls im Ostracher Ortsteil Hahnennest ihre Gegnerschaft und emotionale Betroffenheit zum Audruck zu bringen. Die Organisatoren des Aktionsbündnisses haben aber ganz schön zu kämpfen: Ein stürmischer Wind pfeift über den Leopoldplatz, die Auslagen an den Ständen drohen, sich immer wieder zu verselbstständigen, Redemanuskripte hält der Organisationsleiter Dominik Traub in freundlich assistierender Rolle fest. Über 200 Menschen haben sich hier versammelt, um ihre Solidarität mit den Gegnern von Tierfabriken zu bekunden.

Sabine Massler, Vorsitzende vom Verein "Lebenshilfe Kuh & Co." aus Tengen, liest einen offenen Brief von Reiner Degen vor, der an die Bürger von Ostrach adressiert ist und sie dazu aufruft, auf dieses Projekt in Hahnennest komplett zu verzichten. Massler konstatiert: "Es gibt eine Ethik für Menschen und keine andere für Tiere!"

Annamaria Waibel aus Pfullendorf ergreift das Wort für den Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), der mit Nabu, Tierschützern und der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) in der "Bürgerinitiative gegen den gewerblichen 1000-Kühestall in Hahnennest" zusammenarbeitet. "Hier geht es um Agrarindustrie", betont sie und beschreibt die Größe des Areals der vier Landwirte, die schon jetzt über 1000 Hektar bewirtschaften und die zugleich die größte Biogasanlage in Baden-Württemberg betreiben. Was mit "bio" aber nichts zu tun hätte, eher mit Agrargas. "Wachsen oder Weichen" sei wohl deren einziges Motto. "Wir sehen in erster Linie das Elend der 1000 Hochleistungskühe und ihrer 1000 Kälber, die Natur, die ganze Umwelt und nicht zuletzt die Risiken für die Menschen.

" Waibel fragt sich nach dem Sinn und dem Kosten-Nutzen-Verhältnis, wenn jährlich zusätzlich 9 Millionen Liter Milch auf einem übersättigten Milchmarkt produziert werden. Bei diesem Verdrängungswettbewerb blieben 25 bis 30 Familienbetriebe auf der Strecke. Ebenso sieht sie die Qualität des Trinkwassers durch noch höhere Nitratwerte in Gefahr. Und sie weist daraufhin, dass dieser 1000-Kühe-Stall zwischen den Naturschutzgebieten Taubenried und Pfrunger-Burgweiler Ried liegt: "Die ganze Kulturlandschaft des Oberen Linzgaus würde durch dieses überdimensionierte Projekt beeinträchtigt".

Anneliese Schmeh, Ehrenvorsitzende von AbL Baden-Württemberg, prangert an, mit welcher verstörender Ignoranz sich die Betreiber über bäuerliche Existenzen hinwegsetzen würden.

Es gibt viel Beifall für die jeweiligen Redner. Einen regelrechten Jubelsturm löst der Ostracher Karl Albert Magnus Friedrich aus, der mit seiner Emotionalität und trotz martialischer Wortwahl exakt den Nerv vieler Zuhörer trifft. Ostrach sei schon jetzt von größten Massentierställen umgeben: Mit 1200 Milchkühen, 10 000 Batterie-Legehennen, zudem sei eine Hähnchenmastanlage für 30 000 Hähnchen projektiert. Es gelte noch immer: "Die herrschende Dummheit ist stets auch die Dummheit der Herrschenden," sagt er, "und wenn Spitzentechnologie und Spitzenidiotie aufeinandertreffen, sind die Folgen in der Regel katastrophal und nicht mehr reparabel". Damit spielt Friedrich auf die vier Landwirte aus Hahnennest an. Sie hätten sich das so ausgedacht: Um fehlendes Material zum Betrieb der Gasanlage des Energieparks zu erhalten, bedürfe es der Gülle von 1000 Kühen.

"Sollte dieses Bauvorhaben in Betrieb gehen, ist es das größte Verbrechen an der Bevölkerung, an der Natur, an der Umgebung und an den Tieren", ruft er unter prasselndem Applaus aus. Friedrich versteht es, Tierempfindungen zu vermitteln, er nennt namentlich jenes Ostracher Ratsmitglied Wolfgang Frey – dieser hat als Einziger gegen dieses Vorhaben gestimmt. "Der traut sich was", raunt das Publikum anerkennend über Friedrich. "Er hat uns aus dem Herzen gesprochen. Wir wollen Mut haben und Nein sagen", so das Fazit von Bündnissprecher Dominik Traub.

Ermutigend finden Viola Hauser und Carola Selg vom Veganerbund Sigmaringen, welches Echo ihre Unterschriftenaktion im sozialen Netzwerk Facebook fand: In vierzehn Tagen haben 25 500 Menschen ihren Protest gegen den Megastall unterstützt. Gerne geredet hätten auch Vertreter von Bündnis 90/Die Grünen. "Ich bedaure es schon, dass wir nicht öffentlich unser Anliegen zum Schulterschluss darbringen können", sagt der Sigmaringer Kreisvorsitzende Klaus Harter.

Der Veranstaltungsort wurde auserwählt, weil im Landratsamt das Verfahren nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz ansteht, die letzte Instanz zum Bauantrag des Projekts. Annamaria Waibel erinnert an den erfolgreichen Widerstand gegen Atomkraftwerke und erklärt, ein Rechtsanwalt prüfe bereits die Chancen zum Widerspruch gegen diesen Milchpark von Hahnennest. Den Klageweg zu beschreiten sei sehr teuer: rund 20 000 Euro. Von daher sei der BUND auf Spenden seiner Freunde angewiesen.

Aktionsbündnis

Es steht für eine "zukunftsfähige Landwirtschaft ohne Massentierhaltung in Ostrach und anderswo". Es setzt sich aus dem Bund für vegane Lebensweise im Bodenseeraum, aus dem Vegetarierbund mit seinen Regionalgruppen Sigmaringen, Hegau-Bodensee, aus dem Veganerbund (Vebu) Black Forrest Schwarzwald, aus dem "peta2"-Street Team Sigmaringen (gegen Tierquälerei) und dem Verein Lebenshilfe Kuh & Co. zusammen. Angehängt hat sich der Arbeitskreis bäuerliche Landwirtschaft (ABL). Solidarisch erklären sich Naturschützerorgansationen von BUND und Nabu sowie der Sigamringer Kreisverband der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Viele arbeiten in der "Bürgerinitiative gegen den gewerblichen 1000-Kühestall in Hahnennest" mit. (jüw)

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