Sigmaringen Bei den Landwirten herrscht miese Laune

Verein zur Landwirtschaftlichen Fortbildung im Kreis Sigmaringen zieht in der Brauereigaststätte „Zollerhof“ Jahresbilanz. Vorsitzender Stefan Käppeler beklagt sorgenvolle Entwicklung, Schweizer Referent wirbt für Bruteier-Projekt.

„Die Stimmung auf den Höfen hat sich besorgniserregend verschlechtert“. Dies stellte Stefan Käppeler, Vorsitzender des Vereins zur Landwirtschaftlichen Fortbildung im Kreis Sigmaringen (VLF Sigmaringen) anlässlich der Jahresversammlung im voll besetzten Nebenraum der Brauereigaststätte „Zollerhof“ fest.

Nachdem es im Herbst des Vorjahres bereits einen regelrechten Einbruch im Konjunkturbarometer Agrar des Deutschen Bauernverbandes gegeben habe, sei die Zuversicht aktuell weiter gesunken. Auch die Investitionsbereitschaft sei für das erste Halbjahr 2015 drastisch um etwa ein Viertel zurückgegangen. Als Hauptursache nannte Käppeler gravierende Erzeugerpreisrückgänge bei Milch, Schlachtschweinen, Ferkeln, bei Obst und Gemüse. Aber auch die Einführung des Mindestlohns und die Umsetzung der aktuellen Agrarreform trügen zur weiteren Verunsicherung der Landwirte und der VLF-Vereinsmitglieder bei. Neben Milch- und Schweinepreisen würden die hohen Pachtpreise als belastend eingeschätzt, sagte Käppeler.

Viele kleine bäuerliche Familienbetriebe sehen sich in ihrer Existenz bedroht. Agrartechnikerin Katja Schäfer aus Illmensee-Neubrunn, die einen auf Ferkelerzeugung spezialisierten Betrieb leitet, stellte fest: „Markt haben wir keinen mehr. Wir können nur auf steigende Preise hoffen, dass die Produktionskosten abgedeckt werden.“ Für die ständige Preisdrückerei von Discountern und Großkonzernen hat sie kein Verständnis. „Fakt ist, dass jeder normale Unternehmer einen Preis für sein Produkt festlegen kann. Warum können wir das nicht?“ In dieselbe Kerbe hieb Hubert Hopp als Stellvertretender Vorsitzender im Landesverband. „Die Landwirtschaft trifft es derzeit hart. Nicht nur sinkende Milchpreise sind ein Problem. Dass bei der Ferkelerzeugung der Preis aktuell bei 32,80 Euro für 25 Kilo liegt, ist einfach nicht kostendeckend – eine Schande!“

Ob da der Schweizer Referent Stephan Wolf mit seinem Projekt den Versammelten eine alternative Perspektive eröffnen konnte? Die Firma mit Dienstsitz in Zell (bei Luzern), die er vertritt, ist aus einer Genossenschaft entstanden und besitzt als Hähnchenmastproduzent beim Geflügel einen Marktanteil von 34 Prozent in der Schweiz – mit steigender Dynamik im Konsum. Das Unternehmen kauft etwa ein Drittel seiner Bruteier aus Süddeutschland ein. Und es sucht vier weitere langfristige Partnerschaften mit Landwirten aus diesem Landkreis, die sich als größere Betriebseinheit für Legehennen eignen. Wobei die Schweizer Firma bei einem Bauvorhaben in Höhe von bis zu 2 Millionen Euro etwa 25 Prozent Investitionshilfe leisten und den Landwirten ein gesichertes Einkommen garantieren will. Die erforderliche Arbeitskapazität läge bei bis zu 2400 Stunden pro Jahr. Dabei stellte Wolf den Familienbetrieb Schraudolf aus dem Pfullendorfer Stadtteil Aach-Linz anhand einer Powerpointpräsentation als positives Fallbeispiel dar. Sie hatte als erstes dieses Projekt realisiert: Mit 17 500 Hennen und 1500 Hähnen.


„Wer Weltmarkt will, der kriegt ihn“

Der geplante Bau eines Kuhstalls im Ostracher Teilort Hahnnest hat unter den Landwirten der Region für sehr viel Aufregung gesorgt. Stefan Käppeler (Bild) bezieht dazu Stellung.
Der geplante Bau eines Kuhstalls im Ostracher Teilort Hahnnest hat unter den Landwirten der Region für sehr viel Aufregung gesorgt. Stefan Käppeler (Bild) bezieht dazu Stellung.Herr Käppeler, wie bewerten Sie als Vorsitzender des VLF Sigmaringen die Absicht, dass in dieser Region ein Stall für 1000 Kühe gebaut werden soll?

Es ist natürlich ein gewisses Risiko, aber auch eine Chance. Alles hängt natürlich vom Milchpreis ab. Der neue Betrieb wird mit Sicherheit kostengünstiger produzieren können als zehn kleine zusammen. Für die, die mit 20, 50 oder 100 Kühen über kurz oder lang aufhören müssen, ist das natürlich tragisch.

Ist da nicht ein weiterer Verdrängungswettbewerb für Pachtflächen zu befürchten oder mit der Erhöhung von Pachtpreisen zu rechnen?

Die Pachtpreise sind jetzt schon sehr hoch und sie werden weiterhin hoch bleiben.

Gelten solche Großprojekte noch als Bauernhöfe oder müssen sie nicht schon als Industriebetriebe taxiert werden?

Es sind die gleichen Betriebe wie sie in Ostdeutschland, in Russland oder in Neuseeland vorzufinden sind. Es sind Weltmarktbetriebe. Wer Weltmarkt will, der bekommt ihn auch. Wer ihn nicht haben will, der muss in die Schweiz gehen.

VLF Sigmaringen

Der Verein ist aus den Vereinen Landwirtschaftlicher Fachschulabsolventen aus Bad Saulgau, Pfullendorf-Meßkirch und Sigmaringen und dem Verband der Landwirtschaftsmeister der ländlichen Hauswirtschaft Sigmaringen-Saulgau-Riedlingen hervorgegangen. Seit 2007 wurden sie miteinander verschmolzen. Der Verein hat 1067 Mitglieder (Stand Ende 2013).

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