Sigmaringen AfD-Kundgebung mit Spott und Häme für die Gegner

AfD-Spitzenmann Jörg Meuthen greift seine politischen Konkurrenten an. Protestierer mit Trillerpfeifen stören einige Redner der Nationalkonservativen. Facebook-Initiative diskutiert friedlich bei einem Hock über die Ausgrenzungspolitik der AfD.

 Mit Verspätung rollt er in seiner Dienstlimousine auf den Leopoldplatz: Jörg Meuthen, Bundessprecher und Landesfraktionssprecher der Alternative für Deutschland (AfD). Der Professor kommt bei den 250 Sympathisanten gut an, beherrscht den Agitprop. Die etablierten Parteien übergießt er mit Spott und Häme, seine Partei verheiße Rettung für Deutschland. "Hol dir dein Land zurück", so der Slogan der AfD zur Bundestagswahl. Sie sei die einzige konservative, freiheitliche und patriotische Stimme, die Heimat und Vaterland unverkrampft verkörpere, so Meuthen.

Kein gutes Haar lässt Meuthen an der CDU. Die Kanzlerin nennt er "Mutti mit Nullinger Aussagen, die Zynismus erster Sorte" seien. Das christliche "C" stehe für die Halbmondsichel des Islam, sagt er unter Gelächter. Die CDU fordere Sicherheit und Ordnung, die sie selbst abgeschafft habe. Auch die bayrische Schwesternpartei mit "Abnickdackel Heißlufthorst" (Horst Seehofer) nimmt er aufs Korn. Den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz nennt er eine "wahre Lichtgestalt", der sich als EU-Kommissar die eigenen Taschen gefüllt habe: "Ein Sozialraffzahn reinsten Wassers".

Bei den Grünen belustigen ihn Aussagen von Spitzenfrau Katrin Göring-Eckhardt, die er als "Dame epochale mit Erkenntnissen multipler Art" bezeichnet. Ihr Plädoyer für offene Grenzen, in Erinnerung an ihre DDR-Vergangenheit, münzt der AfD-Mann als Empfehlung zur "freien Ausreise" um. Am besten wäre, sie nähme die Claudia (Roth), den (Anton) Hofreiter und den Cem (Özdemir) gleich mit. Zur Partei der "Linken" fällt ihm ein, dass sie halbwegs ehrlich sei. Ihr Problem sei nicht die Diagnose, sondern die sozialistische Therapie. Ihr Fett kriegt auch die "Christian-Lindner-Partei", die FDP, ab. Sie sei völlig unglaubwürdig und inhaltsleer, sagt er. Deren plakatives Werben mit "Warten wir nicht länger" sei eine "schwachsinnige Botschaft".

Friedlichen Protest gegen die AfD-Veranstaltung artikulieren Friedensbewegte, Grüne und Alternative, die einem Aufruf von Jutta Wolf als Vertreterin von "Toleranz für Sigamringen" gefolgt sind. Bild: Jürgen Witt
Friedlichen Protest gegen die AfD-Veranstaltung artikulieren Friedensbewegte, Grüne und Alternative, die einem Aufruf von Jutta Wolf als Vertreterin von "Toleranz für Sigamringen" gefolgt sind. Bild: Jürgen Witt | Bild: Jürgen Witt

Von einem bellenden Hund abgesehen, setzt sich Meuthen akustisch gegen 30 Gegendemonstranten durch, denen es öfters gelingt, AfD-Sprecher mit Trillerpfeifen zu stören. Während Wahlkreiskandidat Hans-Peter Hörner "die Pfeifen als Musik" empfindet, ist Guido Reil – der AfD-Mann nennt nach 25 Jahren SPD-Mitgliedschaft seine Ex-Genossen "Arbeiterverräter" – kaum zu vernehmen. Umstehende liefern sich darob Wortscharmützel mit Gegnern. Ralf Özkara ist AfD-Landessprecher. Er erzählt von seiner muslimischen Frau, deren Namen er angenommen habe. Sie habe den Islam mit seiner Frauenverachtung erlebt. Unter Beifall kritisiert Özkara die Reaktion mancher Zeitgenossen auf den gegenwärtig laufenden Mordprozess in Freiburg. Er und seine Zuhörer fühlen sich von der Forderung provoziert, man müsse auch die „traumatischen Fluchterlebnisse“ des Angeklagten bei der Gesamtwertung in Betracht ziehen.

Mit Markus Frohnmaier, dem Sprecher der Spitzenkandidatin Alice Weidel, nehmen die polemischen Spitzen an Schärfe zu. Er spricht im Bezug auf Flüchtlinge von einer besonderen Zunahme der Gewaltkriminalität.

Gegenprotest mit friedlichem Sit-in

Vor dem neuen Rathauseingang demonstriert eine Gruppe gegen Ausgrenzung, für eine moderne und offene Gesellschaft.

Rund 70, 80 Leute – darunter Friedensbewegte, Grüne und Alternative – sind dem Protest der Facebook-Initiative "Toleranz für Sigmaringen" gefolgt, die sich unweit des Leopoldplatzes platziert. Sie zeigt ein freundliches Gesicht. Jutta Wolf, in der Flüchtlingshilfe aktiv, macht ihre Ansage. "Schwätzen statt hetzen – ein Picknick gegen die Politik der AfD, eine Politik, die mit ihren veralteten Ansichten längst überholt ist", sagt sie. Sie prangert deren Politik der Ausgrenzung an, die sich nicht nur gegen Flüchtlinge und gegen ausländische Mitbürger wenden würde, sondern auch gegen Muslime, Homosexuelle, Alleinerziehende und Menschen mit Behinderung. Wegen des Mottos bittet sie die Teilnehmer, auf Trommeln oder Trillerpfeifen zu verzichten. "Das wäre für die Veranstaltung kontraproduktiv". Praktiziert wird ein Sit-in, ein Hock. Stellwände zu AfD-Aussagen sollen die Partei als völkisch und rassistisch entlarven. "Das ist Schmusekurs, so kannst du die AfD nicht beunruhigen", sagen Gewerkschafter, die mit Trillerpfeifen zum Leopoldplatz ziehen. (jüw)

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