Pfullendorf Windkraft: Gegner und Befürworter tauschen Argumente aus

Rund 150 Besucher sind zur Infoveranstaltung zum Thema Windkraft nach Denkingen gekommen. Gegner und Befürworter tauschten ihre Argumente aus – und das in sehr sachlicher Art und Weise.

Pfullendorf – Nicht nur in Denkingen ist die Windkraft ein heißes Thema. Das konnte man an den Besuchern der Informationsveranstaltung sehen. Rund 150 Interessierte fanden aus der Region am Dienstagabend den Weg in die Andelsbachhalle, um sich zu informieren, mit Experten zu sprechen und vielleicht auch die vorhandene Meinung zu ändern. Moderator Christoph Ewen, der bereits in den Nachbargemeinden Krauchenwies und Mengen die Thematik als Mediator begleitete, stellte während der knapp dreieinhalb Stunden "viel Nachdenklichkeit" fest.

 

 

Pfullendorfs Bürgermeister Thomas Kugler war es ein großes Anliegen, die Diskussion zu versachlichen. Es sei wichtig, dass man sich selbst ein Bild mache und das Gespräch mit Experten und Betroffenen suche. Sein Amtskollege Frank Amann aus Heiligenberg erinnerte daran, dass "die Energiewende von den Bürgern gewollt war". Nun müsse man das Thema an der Basis diskutieren. Und die bestand an diesem Abend keineswegs nur aus Menschen, die grundsätzlich gegen Windkraft sind. "Ich finde es eigentlich gut. Aber warum so nahe an bebautem Gebiet?": So lautete eine Meinung, die man oft hören konnte.

 

 

Einwohner von Hilpensberg berichteten von einem ständigen Geräuschpegel, wenn die Rotoren sich im Wind drehen und auch davon, dass durchaus gesundheitliche Auswirkungen zu spüren seien. Auch von Beeinträchtigungen von Haus- und Nutztieren war die Rede. Die Atmosphäre war keineswegs aufgeheizt, Argumente wurden sachlich ausgetauscht. Zu Beginn der Veranstaltung hatte Moderator Ewen gefragt, wer denn noch unentschlossen in seinem Meinungsbild sei. Es gingen nur sehr wenige Hände nach oben. Dass Besucher "mit einem besseren Informationsgefühl nach Hause gehen", wie Moderator Ewen feststellte, dürfte ein Ziel der Initiatoren gewesen sein.

Kommentar: Sachliche Debatte über Windkraft

Mit sehr deutlichen Worten hatte Bürgermeister Thomas Kugler erläutert, dass die Kommunen sich an Gesetze halten müssten – auch wenn man nicht immer begeistert davon sei. Dass man wegen ein paar Tausend Euro Gewerbesteuereinnahmen den Bürgerwillen ignoriere, wie von einem Besucher vermutet wurde, sei falsch. Kugler: "Uns geht es nicht um die 30 Silberlinge."

Mit Infoständen waren die Windkraftbetreiber Vensol und ABO Wind vertreten. Mit dabei auch das Regierungspräsidium Tübingen, die Landratsämter Sigmaringen und Bodenseekreis, die Umweltverbände Nabu und BUND, die Bürgerinitiative "Mensch und Natur – Oberer Linzgau", die Bürgermeister von Pfullendorf und Heiligenberg, der Baubürgermeister der Stadt Überlingen und Ortsvorsteher Karl Abt.

 

"Hilpensberg könnte als Beispiel dienen"

Annamaria Waibel ist Vorstandsmitglied beim BUND Pfullendorf und informiert am Gemeinschaftsstand mit dem Nabu. „Der BUND ist grundsätzlich für erneuerbare Energien. Wir wenden uns vehement gegen Fracking und Atomkraft. Wir brauchen eine sinnvolle Energieerzeugung, um dem Klimawandel zu begegnen. Und dazu gehört auch die Windenergie. Bei der Anlage in Hilpensberg sehen wir grundsätzlich kein Problem. Die Ängste der Menschen müssen aber ernstgenommen werden. Wir fordern auch, dass neue Energieformen wie die Windkraft als Bürgerenergien gewonnen werden. Das bedeutet, es müssen Möglichkeiten für die Bürgerbeteiligung geschaffen werden, wie sie etwa Genossenschaften bieten. Da bekommen dann die Menschen die Möglichkeit der Mitwirkung und der Mitbestimmung. Hilpensberg könnte da als gutes Beispiel dienen.

„Infraschall mit nur geringer Dosis“

Christian Eulitz ist Experte für Schall und Infraschall bei der Beratungsfirma Möhrle und Partner und will die Menschen neutral im Rahmen der Gesetze beraten. „Als Privatperson wäre mir weniger Schall auch lieber. Wenn man die aktuelle Gesetzeslage betrachtet, dann ist es aber so, dass in Hilpensberg bei der Schallbelastung das vorgeschriebene Niveau des Dorfgebiets als Vergleichsgrundlage herangezogen wird. Und da liegt der erlaubte Schalldruckpegel bei 45 db. Das ist in einer ruhigen Umgebung, wie sie hier gegeben ist, aber immer noch deutlich wahrnehmbar.

Anders verhält es sich beim Infraschall. Der kann vom menschlichen Hörvermögen nicht wahrgenommen werden. Nach bisherigen Erkenntnissen wird Infraschall bei Windkraftanlagen mit nur geringer Dosis erzeugt und soll keine belästigenden Auswirkungen auf Menschen haben.

"Bevölkerung ist uns nicht egal"

Elmar Holz ist Projektleiter Planung bei der Firma ABO Wind, die auf dem Gelände des Spitalfonds Überlingen neben Hilpensberg vier weitere Windkraftanlagen erstellen will. „Ich sehe eine reelle Chance, dass wir dieses Vorhaben realisieren können. Es sind aber noch keine Anträge auf Genehmigung von uns gestellt worden. Wir streben ein öffentliches Genehmigungsverfahren an und betreiben keine Geheimniskrämerei. Die Bevölkerung ist uns nicht egal. Wir setzen auf hohe Transparenz. Denn die ist wichtig, wenn es um die Frage der Akzeptanz geht. Die Bevölkerung soll wissen, was wir vorhaben. Die neuen Anlagen sollen übrigens über einen Kilometer entfernt von Siedlungen und Einzelhöfen aufgestellt werden. Das ist deutlich mehr als der im Windenergieerlass empfohlene Mindestabstand von 700 Metern. Auf www.windpark-pfullendorf-denkingen.de informieren wir.

"Widerstände sind nachvollziehbar"

Matthias Längin ist Baubürgermeister der Stadt Überlingen. Die hat auch das Sagen über den Spitalfonds, der Gelände für die zusätzlichen angedachten Windkraftanlagen bei Hilpensberg verpachten will. Dort ist man nicht begeistert. „Für den Spitalfonds gilt der Grundsatz der Wirtschaftlichkeit. Mit der Verpachtung des Geländes können wir Einnahmen erzielen. Es handelt sich aber nicht um städtisches Gelände. Dass es hier Widerstände gibt, das ist nachvollziehbar. Ich denke, wir müssen überlegen, wie wir bei den Menschen auf der Gemarkung Denkingen Imagepflege betreiben können. Das ist dringend nötig. Ich wurde hier bei der Veranstaltung überhaupt nicht angefeindet, das hat mich doch sehr angenehm überrascht. Es ging alles sehr sachlich und fair zu und man konnte seine Argumente und Beweggründe gut austauschen.“

„Von Planern wird viel gefordert“

Peter Neisecke ist Leiter des Umweltschutzamtes im Landratsamt des Bodenseekreises. Er vertrat zusammen mit Vertretern des Landratsamtes Sigmaringen und des Regierungspräsidiums Tübingen die Behördenseite. "Im Bodenseekreis gibt es, im Gegensatz zum Landkreis Sigmaringen, noch keine Windkraftanlagen. Es gibt jetzt aber Überlegungen für zwei Anlagen auf der Gemarkung von Heiligenberg-Rickertsreute. Ich gehe davon aus, dass eine Genehmigung möglich ist, wenn alle Auflagen erfüllt sind und auch die umfangreichen Gutachten vorliegen. Das wird sicher noch eine Zeit dauern. Denn behördlicherseits wird von den Planern eine ganze Menge gefordert. Werden die erfüllt und alles ist vollständig, dann kann unter Umständen im Zeitraum eines halben Jahres eine Genehmigung seitens des Landratsamtes erfolgen."

"Standort rechnet sich ab zwei Anlagen"

René Arms vertrat bei der Windmesse die Firma Vensol, die auch die bestehende Anlage bei Hilpensberg betreibt. „Wir wollen bei Rickertsreute, das zur Gemeinde Heiligenberg gehört, zwei Anlagen erstellen. Wir gehen davon aus, dass eine Genehmigung möglich ist. Ab zwei Anlagen rechnet sich ein Standort. In diesem und im kommenden Jahr werden die Gutachten erstellt. 2020 wäre dann eine Genehmigung nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz möglich. Dann erfolgt die EEG-Ausschreibung, es muss die Finanzierung geklärt und die Windräder müssen bestellt werden. Die Bauphase könnte dann im Jahr 2022 beginnen und die Inbetriebnahme wäre nach den heutigen Planungen dann im Jahr 2023 möglich. Das Gelände, das wir für die Erstellung der Windanlagen brauchen, werden wir pachten und nicht kaufen.“

„Das wird alles nicht funktionieren“

Christoph Leinß von der Bürgerinitiative „Mensch Natur – Oberer Linzgau“ ist überzeugt, dass Windkraftanlagen keine Alternative zu Atom- und Kohlekraftwerken sind. „Die technische Entwicklung ist ausgereift. Die Effizienz hat sich nicht verbessert, es wurde nur die Produktion erhöht. Die Stromkosten aus Windkraft befinden sich in einer Aufwärtsspirale. Dazu kommt die Gefährlichkeit des Infraschalls. Neue Studien belegen Symptome und Auswirkungen. Auch noch in 14 Kilometern Entfernung von einer Windkraftanlage kann es für Menschen Probleme geben. Und hier bei uns in Hilpensberg klagen viele Anwohner über körperliche und psychische Beschwerden. Das muss man ernstnehmen. Die Planungen in Deutschland für den weiteren Ausbau der Windenergie sind eine Planung ins Nichts sind. Das wird nicht funktionieren."

Ihre Meinung ist uns wichtig
Die leckersten Gins vom Bodensee und Schwarzwald
Neu aus diesem Ressort
Pfullendorf
Pfullendorf
Pfullendorf
Pfullendorf
Pfullendorf
Bad Saulgau/Bodenseekreis
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren