Pfullendorf Frecher Gasbaron steht vor dem Streckgericht

Pfullendorfer Stegstrecker-Narren verurteilen den Otterswanger Siegbert Krall. Der aufsässige Delinquent sorgt dafür, dass während der Anklage ein urgewaltiger Konfetti-Sturm über das Narrengericht hinweg bläst.

Ein unglaubliches Spektakel kündigt sich mit dem abendlichen Hemglonkerumzug an. Im Tross wird auf dem Schinderkarren der Siegbert Krall vor das Streckgericht auf den Marktplatz gebracht. Dass sich die Stegstrecker diesen braven Mann aus Otterswang gekrallt haben, verwundert selbst den von Narren abgesetzten Schultes Thomas Kugler, der ihn als Gemeinderat ja bestens kennt: "Er ist die Unschuld vom Lande!"

Doch was sagt das Narrenvolk im Städtle? Der SÜDKURIER hat hypermodern, mit Stift und Block, sich mal umgehört und feststellen müssen: Der Mann ist unter der Zivilbevölkerung nahezu komplett unbekannt. Wir treffen beim Ochseneinspannen einen Juckenden, im rotgrünblauweißen Streifenhäs, der bedauernd passen muss: "Den Namen habe ich nie gehört, habe ihn aber, glaube ich, gelesen." Immerhin. Ein anderer, der sich für nicht repräsentativ hält, antwortet mit der Gegenfrage: "Ischt der it Ortsvorsteher von Otterschwang gsei?" Ist er noch. Eine Lady, in leitender Bildungsfunktion tätig, kennt ihn zwar auch nicht, hält ihm aber zugute, dass dieser "eine ganz gute Gosch" haben könnte. Ja, reden kann er. Konkrete Auskünfte vermag erst Stadtrat Michael Zoller zu leisten: "Fachmann für Landwirtschaft und Biogas.

" Dieser habe in einem der kleinsten Teilorte mit seinen Bürgern eines der größten Dorfgemeinschaftshäuser gebaut: "Des hot er guet nabrocht." Es sei sogar funktioneller und schöner als die Stadthalle und es zöge aber auch alle, sogar Pfullendorfer, die eine Party feiern wollen, dorthin – einer der schweren Anklagepunkte des hochwohllöblichen Streckgerichts.

Ja, und spätestens vor dieser Gerichtsbarkeit hat der "Siggi" Krall für hinreichendes Bekanntwerden gesorgt. Über hundert eingefallene Otterswanger recken Transparente hoch. "Lasst frei die Ratt', aber zack!", steht da. Andere fordern: "Gebt unsern OV zurück, sonst werden wir verrückt!" Oder sie drohen: "Ohne unser Gas, beim Einkaufen viel Spaß!" Brrrr. Unzählige Kehlbachratten rotten sich um ihn. Die O-Town-Gugge heizt im scharfen Rhythmus ein, sie entfesselt einen fulminanten Wettstreit mit der Stadtmusik. Die große Narrenschar gerät total aus dem Häuschen, von Narrenrichter Andreas Narr zusätzlich in Wallung gebracht, weil dieser die Gugge als "Krach", aber die Stadtkapelle als "Musik" definiert.

Überhaupt halten die Nachfahren der reichsstädtischen Obrigkeit dem Delinquenten ein ultralanges Sündenregister vor. Dieser Gasbaron sei der lebende Beweis, dass im Gemeinderat nur stinkige Luft und diese in Geldwerten umgesetzt würde. Wobei Kralls Konter sitzt, dass das Gefolge des Narrengerichts selbst mit riesigem Gestank, mit Krach von Kanone und Karbatschen auf Umzügen unterwegs sei. Dazu wiegelt der Siggi seine Trommler und Bläser auf: "Lasst es nun krachen, damit diese schändlichen Richtersleut' erwachen."

Ankläger Oliver Ritter stellt Kralls Charakter in Zweifel, er habe die Korruption ins schöne Städtchen gebracht. "Nett und galant, ist alles Trug und Schein, er ist kalt und berechnend, seht es ein." Es sei dessen Bestreben, das Zentrum der schönen Linzgaustadt nach Otterswang zu verlegen. Schlimmer noch würde dieser behaupten, dass Otterswang eine bessere Fasnetsmusik als die Kernstadt habe. "Hohes Gericht, ich bitte euch, seht es doch ein, solch schändliches Tun kann niemand verzeihn!"

Krall schüttelt den Kopf: "Ist es denn wirklich eine Klage wert, wenn sich ein guter Mensch, wie ich, erklärt: Dass er die Leut beim Einkaufen wärmt, bis auch der Letzte von uns (Bio)gasern schwämt?!" Hohngelächter. Jetzt holt der Ankläger zum letzten Schlag aus: "Als Konfetti-Kehlbachratte ist er bekannt und verunstaltet bei Umzügen das ganze Land!" Dessen Retourkutsche: "Konfetti? D'Stadtarbeiter freuet sich über jedes Fitzele, weil schneien tut's ja bloß no a bitzele." Beifälliges Gelächter. Im Nu kommt sein klammheimlich stationierter Getreidebläser in Gang: Es schneit, nein, es ergießt sich ein urgewaltiger Konfettisturm auf Umstehende und dieses Narrengericht, der allen nimmt die Sicht.

Bei so viel Spott ist klar, dass die Folterpein des Henkers unerbittlich ist. Der Gestreckte stöhnt saumäßig, gibt aber nicht klein bei. Der Richter muss ihm einen goldenen Steg bauen, ringt ihm wenigstens die Bezahlung der Brennsuppe ab. Kaum hat Siegbert Krall eingewilligt, wird er sogleich mit den närrischen Insignien versehen. Die beiden Musiken sorgen für die letzte Erregung. Fröhlich schunkelt das Narrenvolk in den Nachtschein hinein.

 

Streckgericht

Das hochwohllöbliche Streckgericht ist 1986 aus der Taufe gehoben worden. Legendär führte über 25 Jahre lang Rolf Schondelmaier die Anklage mit gewitzter Feder. Seit 2016 fungiert Zunftmeister Andreas Narr im Amt des humorig-resoluten Richters. Ihm assistiert Oliver Ritter als Ankläger. (jüw)

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