Pfullendorf Dogmatikprofessor Georges Augustin würdigt Martin Luther aus katholischer Sicht

In der evangelischen Christuskirche in Pfullendorf erläuterte der katholische Professor Georges Augustin das Wirken von Martin Luther.

Wenn Martin Luther 1517 tatsächlich seine 95 Thesen an die Kirchentür zu Wittenberg gehämmert hat, dann hielt er sich an die damals herrschende Gepflogenheit in der katholischen Kirche, denn dies bedeutete eine Einladung zur Diskussion. Der sprachgewaltige Mönch wollte vor einem halben Jahrtausend die Kirche erneuern, deren Glauben in Äußerlichkeiten erstarrt war und nach Überzeugung des damals 33-Jährigen zur biblischen Spiritualität zurückkehren musste. Dass Martin Luther mit seinem genuin religiösen Anliegen und dem Widerstand gegen die damalige Papstkirche den Keim für die konfessionelle Spaltung legte, war nicht geplant. "Luther war ein Reformer und kein Reformator", ist Georges Augustin überzeugt. Der katholische Dogmatikprofessor und Gründungsdirektor des Kardinal Walter Kasper Institutes richtete im Foyer der evangelischen Christuskirche den katholischen Blick auf den Kirchenvater.

Man müsse dessen Wirken stets im historischen Kontext sehen, dessen Handlungen von den damaligen Strukturen und politischen Machverhältnissen geprägt waren. Manche Begriffe dieser Jahrhunderte wie Ablasshandel seien heute nicht mehr verständlich und manche Fragestellungen nicht mehr relevant. Sogar Grundbegriffe wie Kirche oder Pater könnten viele Zeitgenossen nicht mehr erklären, wies der 62-jährige Augustin immer wieder auf den zunehmenden Bedeutungsverlust der Kirchen in der modernen Welt hin. Hingegen seien die Gotteshäuser der evangelikalen Kirchen voll, ergänzte der im indischen Bundesstaat Kerala geborene Theologe, der seit drei Jahrzehnten in Deutschland lebt. Schon vor Luther habe es Reformbemühungen in der katholischen Kirche gegeben, die allerdings nie die Weltkirche erfassten, nannte er Spanien als Beispiel, wo der von Luther verurteilte Ablasshandel schon 1470 verboten wurde.

Beim Ablass reduzierten die Gläubigen mit Geld die Strafzeiten für ihre Sünden. Luther stellte die Gottesgerechtigkeit und einhergehend die Freiheit des Christenmenschen in den Fokus seiner Betrachtung, sieht Georges Augustin den streitbaren Mönch in der Tradition von Erneuerern wie dem Heiligen Franziskus von Assisi. In den ersten Jahren habe er das Gespräch mit der römischen Amtskirche gesucht, bevor es 1521 zum Bruch gekommen sei und er den Papst öffentlich als Antichristen bezeichnete. Dass Luther ein Kind seiner Zeit war, sehe man daran, dass sich dieser mit seinem Anliegen an die Fürsten und nicht an das einfache Volk gewandt habe, erklärte Augustin.

"Beide Kirchen müssen das Anliegen von Luther wieder aufgreifen", ist für ihn bezüglich der Ökumene die spirituelle Rückbesinnung auf die urchristliche Kirche und damit die Bibel entscheidend, und die Ämterfrage müsse man zurückstellen. Nur, wenn man den Menschen die Bedeutung der christlichen Botschaft für die moderne Welt erkläre, könnten die beiden Kirchen sich auch gegenüber Religionen wie dem Islam behaupten: "Was können wir anbieten? Wir sind schwach!" Oftmals fehlten für Interessierte und Gläubige auch Ansprechpartner in der Amtskirche, gab der gefragte Buchautor zu bedenken.

Kulturschwerpunkt

Aus Anlass des Reformations-Jubiläums stellten das Kreiskulturforum und Landkreis Sigmaringen in diesem Jahr den 15. Kulturschwerpunkt unter das Thema „Religion und Spiritualität“. Insgesamt 65 Veranstaltungen an 23 Orten verknüpfen den Blick auf das religiöse und frömmigkeitsgeschichtliche Erbe der Region. So findet am Donnerstag, 19. Oktober, 19.30 Uhr, im Pfarrheim Ostrach ein Vortrag über die Heilige Teresa von Avila statt. 

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