Pfullendorf/Kreis Sigmaringen Bürgerdialog von Bündnis 90/Die Grünen: Wegbereiter der Verkehrswende

Minister Winfried Hermann erklärt das Leitbild seiner Politik in Sigmaringen. Thema Mobilität löst beim Bürgerdialog von Bündnis 90/Die Grünen eine kontroverse Diskussion in der Aula der Alten Schule aus. Die Pfullendorfer dürfen mit der Umgehungsstraße nach Denkingen rechnen.

Zum Bürgerdialog von Bündnis 90/Die Grünen mit dem Landes-Verkehrsminister Winfried Hermann zum Thema „Mobilität“ sind Landrätin Stefanie Bürkle und zahlreiche Bürgermeister eingeladen worden. Erschienen ist nur der Minister in die Aula der Alten Schule. Lange Gesichter beim Veranstalter. Eilig wurden die in den vorderen Reihen liegenden Platzkärtchen eingesammelt. Doch die Grünen registrierten es mit Genugtuung: Auch so war der Saal mit etwa 100 Teilnehmern gut gefüllt, darunter Stadt- und Kreisräte der Grünen.

Die Grüne Landtagsabgeordnete Andrea Bogner-Unden überspielte die Abwesentheit der Kommunalpolitikerriege, die eine gleichzeitige Veranstaltung des Innenministers Thomas Strobl in Ölkofen präferierte, auf galante Weise. Sie spornte die Vertreter von Bürgerinitiativen an, diese Gelegenheit zu nutzen, ihre Anliegen dem Minister vorzubringen. Und tatsächlich entwickelte sich nach Hermanns Impulsvortrag eine rege, zuweilen kontrovers geführte Diskussionsrunde, vor allem, als es um E-Mobilität und China ging, das dafür 14 Kernkraftwerke plane.

Winfried Hermann brachte den Pfullendorfern eine frohe Kunde mit: Der Bau der Umgehungsstraße von Pfullendorf nach Denkingen (siehe Nachgefragt) wird im nächsten Jahr gestartet. Gleichermaßen machte der Minister klar, wo die Prioritäten liegen, nämlich in der Erhaltung und Modernisierung bestehender Straßen.

Er sagte, es sei die Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet er abgebaute Straßen wieder aufbauen müsse, listete bürokratische Hürden auf, es fehle das Fachpersonal: „Mit geht bei den Projekten alles zu langsam!“ Bezüglich des Öffentlichen Personennahverkehrs erntet der Regiobus Sigmaringen-Pfullendorf-Überlingen ein durchweg positives Echo. „Das ist ein gutes Verkehrselement“, fühlte sich der Minister bestärkt.

Weitaus bedeckter hielt sich Winfried Hermann zum Ausbau der Bundesstraße 311/313 zwischen Mengen und Meßkirch. Hierbei engagieren sich Bürger im Für und Wider einer Nord- und Südtrasse. Ein Redner erinnerte daran, dass die Strecke einst als Autobahn von Freiburg nach Ulm geplant, ein Produkt von Freundschaftsdiensten und Lobbyismus sei – und ökologisch als Ausweichstrecke für den Fernlastverkehr eine reine Katastrophe. „Die ist noch gar nicht durchgeplant“, entgegnete Hermann und dass sie ökologisch verträglich sein müsse. In den Trassenstreit wolle er sich nicht einmischen.

Kritik an Bahn

Bei der Zuganbindung nach Stuttgart fühlen sich Bahnreisende aus dem Landkreis abgehängt. Dass die Elektrifizierung der Bahnstrecke in Albstadt-Ebingen enden soll, stößt auf Unverständnis. Kritiker monierten eine „vorsintflutliche Austattung“ der Züge ohne WLAN. Hermann versprach moderne neue Züge, die Verantwortung für gestrige Waggons trüge allein der Staatskonzern.

Wenig Hoffnung machte er auf eine kostenlose Schülerbeförderung, die in anderen Bundesländern üblich ist: „Das kriegen wir nicht finanziert. Wir haben 22 Fürstentümer – das sind die Verbände. Ich kann nur hoffen, dass sie miteinander kooperieren.“

Zum Radwegenetz – es könnte das Pflänzchen Tourismus im Kreis stärken, so Bogner-Unden – ging der Minister nicht ins Detail. Konkret sei aber vorgesehen, deren Infrastruktur von bisher unter 10 auf 16 Prozent bis ins Jahr 2020 zu steigern.

Zuvor erklärte der Verkehrsminister in aller Ausführlichkeit dem Auditorium das Leitbild seiner Verkehrspolitik. Er verstehe sich als Wegbereiter der Verkehrswende im Sinne des Klimaschutzes. Dafür bedürfe es neuer Mobilitätskonzepte, sinken müsse der individuelle Autoverkehr. Hermann zeigte Ansätze mit dem Sharing von fahrbaren Untersätzen auf und will den Rad- und Fußverkehr neu bewertet wissen.

"Mit dem Bau der Umgehungsstraße Pfullendorf beginnen wir im Frühjahr"

Winfried Hermann ist seit sechs Jahren Verkehrsminister von Baden-Württemberg und nimmt zu aktuellen Fragen Stellung.

Herr Minister, Bürgermeister und Landrätin waren zum Bügerdialog angesagt. Keiner ist da und dennoch haben Sie mit Ihnen gesprochen?

Ja, im Hotel-Gasthof Traube haben wir uns ausgetauscht: mit zwölf Bürgermeistern hier vom Kreis und drei von Zollernalb. Sie haben sich alle entschuldigt, dass die Veranstaltung von Herrn Strobl in Ölkofen bewerben müssten.

Wann wird die Umgehungsstraße von Pfullendorf nach Denkingen gebaut?

Das hatten wir nochmals verschieben müssen. Aber es wird im nächsten Frühjahr 2018 danmit begonnen.

Sie waren früher ein rotes Tuch für die Union. Hat sich das jetzt geändert?

Ja, gewaltig sogar. Wir arbeiten im Kabinett sehr gut zusammen. Manche Unionskollegen haben wohl gemerkt, dass sie da einem Vorurteil aufgesessen sind. Viele schätzen meine Kompetenz und Geradlinigkeit. Im Übrigen tue ich ja nicht so, als sei ich hier im Ressort alleine unterwegs.

Wo ist der Unterschied zu Grün-Rot?

Die Grünen haben mit der SPD andere Gemeinsamkeiten. Im Verkehrssektor sind die Unterschiede nicht so groß. Die SPD ist ein bisschen mehr auf den Öffentlichen Personennahverkehr fixiert.

Und Sie haben weiterhin Spaß am Job?

Mir macht's Freude, ich fühle mich nicht als Opa, der mit 65 in Rente gehen muss.

Fragen: Jürgen Witt

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