Pfullendorf Auf den Spuren der Jesuiten: Gesangverein Pfullendorf in St. Blasien

Der Jahresausflug führte den Gesangverein nach St. Blasien, wo die 50 Sänger nicht nur den Gottesdienst mitgestalteten, sondern sich zudem das Internat des hiesigen Kollegs anschauten. Denn mit Marlies Woerz leitet das eine Pfullendorferin, die bereits vor Jahrzehnten dem Gesang des Gesangvereins gelauscht hat.

Singend Werbung für die Stadt gemacht hat der Gesangverein Pfullendorf. Der Jahresausflug führte nämlich in den Schwarzwald nach St. Blasien und dort gestalteten die knapp 50 Sängerinnen und Sänger das Hochamt im Dom mit. Fast verloren wirkten die Pfullendorfer in dem riesigen Gotteshaus mit der 62 Meter hohen Kuppel. Für die Stimmen galt das allerdings nicht.

Unter Leitung von Ersatzdirigentin Ulrike Maier und begleitet von Dörthe Meisenbacher am Piano erklang zunächst Leonhard Cohens "Halleluja". Mit "Breite deine Hände", "Vater im Himmel" und "Die Himmel rühmen" setzte der Chor die musikalischen Akzente des Gottesdienstes. "Wo kommen die her? Von Pfullendorf? Wo ist das?" fragte eine ältere Besucherin. Den Chor fand sie nach eigener Aussage hervorragend, mit der Ortsangabe konnte sie allerdings nichts anfangen. Erst der Hinweis, dass eine in St. Blasien nicht unbekannte Person ebenfalls aus der Linzgaustadt stammt, zauberte einen wissenden Blick auf das Gesicht der alten Dame. Dabei handelt es sich um Marlies Woerz, Schwester von Paul Woerz vom "Deutschen Kaiser", wo der Gesangverein früher seine Proben abgehalten hat.

Das war, als noch ein Klavier im Nebenzimmer stand und die kleine Marlies sich oft darunter versteckte, um dem Chor zu lauschen. Lange her ist das. Aus Marlies ist mittlerweile eine Frau geworden und ihre Tätigkeit ist nicht gerade gewöhnlich: Sie leitet das Internat vom Kolleg St. Blasien, das vom Jesuitenorden betrieben wird. Den Besuchern aus der Heimat ermöglichte sie einen Einblick in ihre Wirkungsstätte. Das war ein Höhepunkt beim traditionellen Jahresausflug des Chors, den Albert Bedbur bestens vorbereitet und organisiert hatte.

Schon nach dem Gottesdienst war den Pfullendorfern aufgefallen, dass viele junge Leute in die Kirche strömten. Darunter auch viele mit asiatischem Aussehen. Kein Wunder: Im Internat des Kollegs sind viele Schüler aus China untergebracht. Deren Eltern schätzen die deutsche Schulbildung und den ausgezeichneten Ruf, den St. Blasien weltweit genießt. Insgesamt besuchen etwa 800 Schüler das Gymnasium und seit kurzem auch ein Aufbaugymnasium der freien katholischen Schule. 220 bis 250 davon sind Interne, die dort lernen und auch leben.

Von Geberit zum Internat

1989 wurde hier die weltweit erste Mädchenschule der Jesuiten eingerichtet. Schon damals war Marlies Woerz Leiterin des Internats für die Mädchen. Seit drei Jahren ist sie Gesamtleiterin, was für einen katholischen Männerorden sicher ungewöhnlich ist. "Insgesamt bin ich schon 36 Jahre hier im Haus", sagt Woerz. Ihre Biografie ist ungewöhnlich: Ursprünglich hat sie bei Geberit in Pfullendorf Industriekauffrau gelernt. Später holte sie das Abitur nach und studierte. Mit jetzt 65 Jahren schätzt sie noch immer den Umgang mit jungen Leuten und wenn sie von ihren Schützlingen erzählt, dann kann man da eine ganze Menge Begeisterung spüren.

Die Führung durch die Räume machte deutlich, dass es sich hier schon um eine besondere Einrichtung handelt. Sauberkeit und Disziplin haben hier offenbar einen hohen Stellenwert. Zielsetzung ist es, junge Menschen aus christlicher Weltsicht und in jesuitischer Tradition zu persönlicher Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit sowie zum Dienst an Gesellschaft und Kirche hinzuführen. Schüler sollen zu gebildeten und verantwortungsbewussten sogenannten Menschen für Andere erzogen werden. Ohne Regeln geht das natürlich nicht. Fernseher auf dem Zimmer? Gibt es nicht. Dafür Gemeinschaftsräume, wo man schauen kann. Jüngere Schüler müssen abends ihr Handy abgeben. Auf den Stockwerken für die Älteren des Internats gibt es aber W-Lan.

Acuh der Tagesablauf ist organisiert: Wecken ist um 6.30 Uhr, um 7 Uhr gibt es dann in den 45 Speiseräumen Frühstück, sonntags sogar als Büfett. Unterricht beginnt um 7.35 Uhr und nach dem Mittagessen stehen Freizeitaktivitäten auf dem Plan. "Wir haben über 60 Angebote, da ist für jeden etwas dabei", erklärte Woerz den Besuchern. Von 16 bis 18.30 Uhr heißt es dann "Studium". Da werden die Hausaufgaben gemacht und ein Lehrer gibt Hilfestellung, wenn es Probleme gibt. Zischen 21.15 und 22.30 Uhr beginnt die Nachtruhe, je nach Altersstufe. "Unsere Schüler gewöhnen sich schnell an den Tagesablauf", sagt die Internatsleiterin – auch an den Samstagsunterricht. Berühmte Schüler gab es hier übrigens auch. Einer ist kürzlich erst verstorben: Heiner Geißler.

 

Jesuiten und Bildung

Die katholischen Ordensgemeinschaft Gesellschaft Jesu (Jesuiten) wurde am 15. August 1534 von einem Freundeskreis um Ignatius von Loyola gegründet. Weltweit führt der Orden Bildungseinrichtungen. Das Kolleg St. Blasien war ursprünglich in Feldkirch/Österreich beheimatet und wurde auf Druck der Nationalsozialisten im Jahr 1934 in den Schwarzwald verlegt. Im Jahr 1939 wurde es dann aufgehoben, bis die Jesuiten ihre pädagogische Arbeit nach Kriegsende am 1. Mai 1946 wieder aufnahmen.

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