Meßkirch Rätsel um den zehnten Letzkopf

In diesem Jahr wird die Figur des Petter Letzkopf einen neuen Darsteller finden. Anlass für uns zu einem Interview mit Holger Schank, dem Brauchtumsmeister der Katzenzunft Meßkirch und selbst ehemaliger Letzkopf

Herr Schank, seit wann gibt es Petter Letzkopf:

Die Figur in der heutigen Form, also mit dem blau-gelben Kostüm, wurde 1961 am Zunftball am Schmotzigen Dunnstig eingeführt – das originale Kostüm von 1961 ist noch im Zunfthaus ausgestellt. Erster Darsteller in dieser Form war der Hauptamtsleiter der Stadt Otto Jung. Aber schon einige Jahre zuvor gab es Sprech-Auftritte als Petter Letzkopf durch Dr. Wolfgang Bingeser, allerdings noch in anderer Kostümierung und nicht als feste Figur der Katzenzunft und noch nicht im heutigen Aussehen.

Und wie wird man Letzkopf?

Der Letzkopf wird vom Katzenrat gesucht und gefunden und Letzkopf ist man, so lange man möchte. In den knapp 60 Jahren hatten wir bisher neun Letzkopf-Darsteller – der neue Letzkopf 2018 ist also der zehnte.

Wie kommt man zu dieser Figur?

Die Figur wurde im Jahr 1956 vom damaligen Zunftmeister Eugen Eiermann bei der Lektüre der Zimmerschen Chronik ‚gefunden’ und erstmals in einem heimatkundlichen Vortrag 1956 erwähnt, was sofort auf großes Echo stieß. In der damaligen Zeit gab es den allgemeinen Trend, in den Fasnachtsstädten, historische Belege für das Treiben zu finden und die Fasnet ernster und wichtiger zu machen. In diesem Zusammenhang stand das Suchen und Finden des Letzkopfs. Das war eine Goldader, denn wo man sonst mit allerlei Fantasie und Legendenbildung historische Quellen suchen oder erfinden musste, war Letzkopf wirklich etwas Echtes. Selbst die ältere und bekanntere Figur des Hans Kuony von Stockach, der den Letzkopf-Eltern sicherlich als Muster diente, ist ja mehr Legende als Geschichte. Das geben inzwischen sogar die Stockacher selbst zu.

Und wie kommt es zu der Legende, dass der Letzkopf sich im Schloss eingeschlossen hat und befreit werden muss?

Das dauerte noch einige Jahre – am 23.2.1066 wurde erstmals der Letzkopf aus dem Schloss befreit, in der gleichen Zeremonie, wie wir es heute noch kennen. Dazu muss man vielleicht sagen, dass die Fasnet in Meßkirch bis in die 50er/60er-Jahre hinein von spontanen, kreativen Einfällen und immer neuen Ideen und Themen geprägt war. Die heute noch bekannten großen Fasnachtsoriginale Anton Vogler, Anton Maier, Fritz Heidegger, Fritz Haug waren die Protagonisten. Es gab Bälle und Kappenabende mit immer neuen Programmen und Prämierungen für die kreativsten Kostüme, die Umzüge folgten einem immer neuen Motto, die Stadtteile machten sich Gedanken und glossierten das Stadtgeschehen. Die Fasnet war bunt und kreativ. Das änderte sich damals aber immer mehr.

Inwiefern?

Die Vereinigung Schwäbisch Alemannischer Narrenzünfte, die stark geprägt war von Hobby-Historikern und weniger von Fasnachtern, wollte mit Macht darstellen, dass die Fasnet ein historisch wertvolles Brauchtum und kein buntes Volksfest ist. In Meßkirch hatte die VSAN mit dem Hobby-Historiker Eugen Eiermann einen idealen Mann, dem dies hervorragend gefiel und er fand schnell Mitstreiter. Man suchte also auch hier nach historischen Wurzeln und wo man keine fand, erfand man sie. Man vereinheitlichte, man schuf Vorschriften, Häsordnungen, Strukturen. Man erfand zum Beispiel ohne jede historische Quelle eine Meßkircher Tracht, die es vermutlich nie gegeben hat und wollte sie mit Macht in die Fasnet einführen, was beinahe zu einem Auseinanderbrechen der Katzenzunft geführt hätte.

Und auch die Motto-Umzüge und Narrenversammlungen wurde rasch durch strukturierte historisierte Zeremonien ersetzt. Damals entstand innerhalb weniger Jahre quasi alles, was wir heute, 60 Jahre später, noch als Kern unserer Fasnet ansehen.

Man könnte meinen, Sie bedauern das?

Nur zum Teil – ich finde unsere Häser und unsere Zeremonien wunderbar und mir läuft es jedes Jahr vor Rührung kalt den Rücken hinunter, wenn ich zum Beispiel den wunderschönen Text des Fasnetverbrennens von Charly Sauter lesen darf. Inzwischen ist ja auch der Streit unserer Vorfahren zwischen Spontanität und Historie längst erledigt und neuerdings geht’s nur noch um Arbeitspläne, behördliche Auflagen und Geld verdienen. Vor 60 Jahren sprühten unsere Vorfahren vor Ideen, hatten aber kein Geld, diese umzusetzen – heute haben wir Geld und uns fällt nichts Rechtes ein, was wir damit anstellen sollen. Und so bauen wir halt Häuser, Brunnen und Museen. Aber als Narr wünsche ich mir wieder mehr Voglers und Maier und Haugs, denn ich finde, Fasnet, wenn man es ehrlich historisch betrachtet, ist eben genau das Gegenteil von Ordnungen und Regeln und erst Recht das Gegenteil von Kommerz und Fernsehen. Ein Vermesser der betrunken am Tisch schläft, auch wenn das nicht sehr schön ist, hat sicher mehr mit der Geschichte der Fasnet zu tun als eine Katze, die mit Ihren weißen Handschuhen huldvoll winkend durch die Straßen juckt. Ein Kappenabend in einem Wirtshaus mit einem Handorgelspieler, mit kreativen Beiträgen der Gäste, wo gesungen und gelacht wird, hat für mich mehr mit Fasnet zu tun als der tausendste gleiche Umzug von VSAN-Zünften durch die Straßen irgendeiner Narrenstadt. Aber beides ist Fasnet und die Geschmäcker sind verschieden.

Nun zurück zum Letzkopf – wer wird es denn?

Ich kann nur so viel verraten: Er kommt nicht aus Meßkirch, er ist kein Mitglied der Katzenzunft, er hatte noch nie ein vernünftiges Zunfthäs an, er hat keinen Zunftorden, er kann den Katzenmarsch nicht, geschweige denn, den Letzkopf-Marsch und er hat auch keinen Schimmer, ob das weiße Bein der Katzenhose jetzt rechts oder links getragen wird – ein völliger Außenseiter – wie halt der historische Letzkopf auch. Ich freu mich darauf.

Fragen: Gregor Moser

 

Zur Person

Holger Schank, 45 Jahre, ist verheirat und Vater zweier Kinder. Der Meßkircher war selbst Letzkopf: Einmal von 1997 bis 2002 und dann von 2009 bis 2013. Schank ist zudem Loschore auf Schloss Langenstein, also Mitglied der Auswahlkommission für den Alefanz-Orden der Langensteiner Cumpaney im Fasnachtsmuseum Schloss Langenstein, der für dieses Jahr gestern Abend verliehen wurde. In seiner Freizeit spielt Schank zudem Trompete bei der Stadtkapelle Meßkirch.

Wer neuer Letzkopf wird, zeigt sich bei der Letzkopfbefreiung am Samstag, 20. Januar, um 18 Uhr im Schlosshof.

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