Meßkirch Klosterbaustelle: Streit um Arbeitsmethoden

Wie viel Frühmittelalter ist im 21. Jahrhundert erwünscht und machbar? Darüber ist auf der Klosterbaustelle ein Streit entbrannt. Living-History-Fachmann Andreas Sturm kritisiert zu moderne Arbeitsmethoden, spricht von einem drohenden Disneyland. Klosterstadt-Chef Bert Geurten widerspricht und führt unter anderem Sicherheitsaspekte an.

Je mehr an der konkreten Umsetzung der karolingischen Klosterstadt gearbeitet wird und je näher der Eröffnungstermin der Klosterbaustelle rückt, desto stärker zeigt sich der schwierige Spagat zwischen frühem Mittelalter und den Anforderungen des 21. Jahrhunderts. Dies äußerte sich aktuell im Konflikt der unterschiedlichen Prioritäten von Andreas Sturm, der bisher den Bereich „Living History“ betreute, und Bert Geurten, dem Vorsitzenden des Vereins Karolingische Klosterstadt.

Wissenschaft oder Vergnügen ?

Sturm wirft dem Verein in verschiedenen Schreiben, die er auch an die Stadt und den Stadtrat richtete, vor, dass sich die Planung der Klosterbaustelle immer weiter vom frühen Mittelalter entferne, um dem Publikumsbedürfnis gerecht zu werden. Sie drohe zu einer Art Disneyland zu werden. Bert Geurten hingegen sieht das Projekt erst am Anfang der wissenschaftlichen Arbeit. Erst einmal müsse die Arbeit auf der Baustelle vollständig anlaufen und danach müsse man daran gehen, die aus praktischen Gründen geschlossen Kompromisse weiter in Richtung Frühmittelalter zu entwickeln. Zudem entbehrten einige Vorwürfe bereits jetzt ihrer Grundlage, wie Geurten anfügte.

Andreas Sturm, der in einigen Veröffentlichungen als „Mittelalter-TÜV“ bezeichnet wird, und der diese Rolle auch gerne einnimmt, wies anhand von Briefen an die Stadträte, an den Bürgermeister, Landrat und die Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats auf zehn Punkte hin, die nach seiner Meinung nicht dem Vorbild des frühen Mittelalters entsprechen. Er kritisiert, dass auf der Klosterbaustelle ein falsches Geschichtsbild vermittelt werde.

„Wir fangen doch jetzt erst an mit dem wissenschaftlichen Arbeiten und Experimentieren“, wehrt sich Bert Geurten. „Erst Ende Februar haben wir erfahren, dass die Baustelle am 22. Juni eröffnet werden kann und erst seit Mai verfügt der Verein über eigene Mitarbeiter und eigenes Geld“, weist Geurten auf die veränderten Umstände hin.

Sicherheit geht vor historischer Treue

Einige Punkte, die Andreas Sturm beanstande, hätten mal als Idee bestanden, es sei aber nicht an deren ernsthafte Realisierung gedacht worden. „Wenn es die Gesundheit, die Sicherheit und in großem Maße die Finanzen betrifft, kann ich keine Kompromisse eingehen“, bekräftigt Geurten. Ein gutes Beispiel sei der Ochsenkarren. Folge man dem frühmittelalterlichen Beispiel, dürfte die Achse nur aus Holz sein. „Herr Riester, der seit 40 Jahren als Wagner arbeitet, war sich sicher, dass diese Achse nach spätestens 30 Arbeitsstunden bricht“, erläutert Geurten. Nun stehe historische Treue gegen die Erfahrungen aus dem 21. Jahrhundert. „Und bevor die Achse tatsächlich bricht und die Ladung jemandem auf den Fuß fällt, entscheide ich mich im Sinne der Sicherheit“, setzt Geurten klare Prioritäten, da er im Schadensfall als Verantwortlicher herangezogen werde.

Es würden aber nebenher Experimente mit einer Holzachse gemacht. „Vielleicht ist sie ja doch stabiler als angenommen wird“, räumt Geurten ein. Ebenso sei es mit dem Bier, welches eine Übergangslösung darstelle. Er sei mit der Brauerei im Gespräch, die ein historisch authentischeres entwickeln wolle.

Projekt ist auf Besuc her angewiesen

Im Moment gebe es noch zahlreiche Kompromisse zugunsten der Attraktivität für die Besucher. „Wir müssen eben berücksichtigen, dass wir kein Forschungsinstitut sind, das langfristig über öffentliche Gelder verfügen kann“, erklärt Geurten. „Wir müssen uns nach vier Jahren durch die Eintrittsgelder finanzieren und insofern müssen wir etwas bieten, was die Besucher zufriedenstellt und was ihnen Lust auf weitere Besuche macht.“

Doch trotz der Kritikpunkte, welche Andreas Sturm erst einmal bewogen, die Arbeit für die Klosterstadt einzustellen, sieht Geurten weiterhin die Möglichkeit einer Zusammenarbeit. Der Historiker Erik Reuter, der seit einiger Zeit für die Klosterstadt arbeitet, werde dieses Jahr die Betreuung übernehmen und ab Mitte Mai vor Ort sein. Und ab Herbst werde dann der wissenschaftliche Beirat regelmäßig über die Entwicklung informiert, um Rat befragt und einbezogen.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Mehr zum Thema
Klosterstadt Meßkirch - Campus Galli: Nach dem weltberühmten Klosterplan von St. Gallen lassen der Verein Karolingische Klosterstadt und die Stadt Meßkirch eine frühmittelalterliche Klosterstadt entstehen.
Historische Momente
Neu aus diesem Ressort
Meßkirch
Messkirch
Meßkirch
Meßkirch
Messkirch
Meßkirch
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren