Meßkirch Arbeit 2030: Azubis mit digitaler Kompetenz gefragt

Betriebe wie Bizerba und Bix legen bei der Ausbildung Wert auf ganzheitliches Handeln, Azubis brauchen digitale Kompetenz.

Die Arbeitswelt verändert sich schnell. Althergebrachte Tätigkeiten verschwinden, neue Berufe fordern Menschen mit guter Ausbildung. In der Beliebtheitsskala spiegelt sich das nicht unbedingt wider. „Beliebte Ausbildungsberufe sind bei den männlichen Schulabgängern Kfz-Mechatroniker, Anlagenmechaniker und Elektroniker. Bei den weiblichen Schulabgängern sind es die Friseurin und die Kauffrau für Bürokommunikation“, sagt Alfred Bouss, Pressesprecher der Handwerkskammer Reutlingen. Der demografische Wandel macht sich auch im Handwerk bemerkbar. Immer weniger Schulabgänger führen zu immer weniger Lehrlingen im Handwerk. Hinzu kommt der Trend zur Akademisierung.

Mike Hellwig ist seit neun Jahren Ausbildungsleiter bei Bizerba in Meßkirch. Das Traditionsunternehmen ist weltweit im Bereich der Wäge-, Schneide- und Auszeichnungstechnologie unterwegs. Im Zweigwerk in Meßkirch werden Industriemechaniker, Mechatroniker und Fachkräfte für Metalltechnik ausgebildet. Und das bedeutet: Hier wird auch noch Hand angelegt. Zwar werden die Endprodukte mit CAD-Maschinen gefertigt, die jungen Leute sollen aber auch ein Gefühl für das Material bekommen. CNC-Fräsen gehört da auch dazu.

Doch klar ist auch: Wer mit Mathematik nichts am Hut hat und für den das Stichwort „Digitalisierung“ nur in Science-Fiction-Filmen vorkommt, der tut sich auch bei Bizerba schwer. Denn auch in der Ausbildung sind Präzision und gute Auffassungsgabe gefragt und das Wissen, wie man ein Problem mittels Internet lösen kann. Feilen und Hammer gehören zwar noch immer zum Handwerkszeug, doch Smartphone und PC sind unverzichtbar. Der Ausbilder hat festgestellt, dass die zunehmende Digitalisierung der Lebensumwelt junger Menschen auch beruflich Vorteile bringt. „Die sind viel schneller drin, wenn es um die Bedienung von CAD-Maschinen geht“, sagt Hellwig. Dass Modellvarianten von Geräten aber noch manuell hergestellt werden müssen, das wird bei Bizerba als Vorteil gesehen. Nur die Theorie langt halt nicht, wenn es beim Kunden ums Schneiden, Verarbeiten, Wiegen, Kassieren, Prüfen, Kommissionieren und Auszeichnen geht. Eine kleine Erleichterung gibt es allerdings: Ihr Berichtsheft dürfen die Auszubildenden online führen.

Dass man nach der Ausbildung noch den Meister draufsetzt oder studiert, das ist gar nicht selten. Bei Bizerba muss man auch nicht unbedingt Jugendlicher sein, um eine Ausbildung machen zu können. So ist Julia Dangelmaier 27 Jahre alt und bereits im zweiten Lehrjahr für Industriemechanikerin. Es ist die erste Berufsausbildung für die dreifache Mutter, aber eine, die sie nicht bereut. „Meine ganze Familie sind Metaller“, schmunzelt sie. Laserschneider und 3-D-Drucker werden nach Ansicht von Hellwig auch in der Ausbildung eine ganze Menge revolutionieren, doch bleiben wird eine Anforderung, die auch in Zukunft ein großes Gewicht haben wird: soziale Kompetenz.

Disziplin als Grundvoraussetzung

Und natürlich auch Disziplin. „Wer nicht pünktlich sein kann, der bekommt Probleme“, sagt Kathrin Sieger. Die 27-Jährige leitet die Ausbildung bei der Firma Bix Lackierungen GmbH, wo 250 Mitarbeiter im Bereich Oberflächenveredelung für die internationale Automobilindustrie so wie für die Medizin- und Elektrotechnik tätig sind. Mit einer herkömmlichen Lackiererei hat das, was hier geschieht, kaum noch etwas zu tun. Zehn Azubis gibt es derzeit im kaufmännischen Bereich und in der Produktion. Einen Pinsel oder eine Farbspitzpistole brauchen sie nicht als Handwerkszeug. „Verfahrenstechniker für Beschichtungstechnik“ nennt sich der Ausbildungsberuf. Die Überwachung der Lackierungsprozesse erfordert viel Wissen, Geschick, einen Sinn für Präzision und vor allem das Wissen um den Ablauf der kompletten Produktionskette. Digitale Steuerungen müssen programmiert und überwacht werden. Kathrin Sieger kann da aus eigener Erfahrung mitreden. Auch sie hat ihre Ausbildung bei Bix gemacht. „Wir übernehmen eigentlich alle Auszubildenden“, sagt Insa Bix von der Geschäftsleitung. Doch ohne Eignungstest geht nichts. Da haben aber auch Hauptschüler eine Chance. Allgemeinbildung und das technische Verständnis werden abgefragt und auch eine Probearbeit muss gefertigt werden. „Motivation, Neugier, Lernbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein sind aber absolut notwendig“, stellt die Ausbildungsleiterin unmissverständlich fest.

Bei Bix gibt es eine „Feelgood-Mangerin“. Das Berufsbild gibt es noch nicht sehr lange und in Deutschland auch noch gar nicht oft. Carmen Hafner hat die Stelle inne und kümmert sich um die Mitarbeiter und auch die Auszubildenden. Ihre Aufgabe ist es, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem sich jeder Mitarbeiter wohlfühlt. Bei Bix denkt man ganzheitlich – und erwartet das auch von den Auszubildenden. Und auch global. Denn Zusatzqualifikationen werden unterstützt und auch die Möglichkeit, im Ausland einmal zu sehen, wie Bix-Produkte eingesetzt werden. Sechs Wochen nach Spanien, Frankreich oder China? „Das ist bei uns üblich“, sagt Kathrin Sieger. Wer global auf einem Markt unterwegs sein will, der muss auch global denken und handeln. „Mal sehen, wie es irgendwo anders ist, das schafft Horizonte“, sagt Insa Bix und bricht gleich noch eine Lanze für das duale Ausbildungssystem in Deutschland. Das sei eigentlich auch ein toller Exportartikel.

Die Ausbildungssituation im Landkreis im Überblick

  • Die ausbildungsstärksten Berufe im Landkreis Sigmaringen im Bereich Handwerk im Jahr 2016:An der Spitze der Beliebtheitsskala stehen die Kfz-Mechatroniker mit 100 Ausbildungsplätzen, die gegenüber dem Vorjahr, in dem es 113 Plätze gab, aber einen Rückgang zu verzeichnen haben. Den Mechatronikern folgen die Feinmechaniker mit 78 Stellen (im Vorjahr 70) und die Anlagenmechaniker für SHK-Technik mit 59 Stellen. Gegenüber dem Vorjahr gibt es bei ihnen einen Zuwachs um sieben Stellen. Keine Veränderung zu 2015 auf 2016 gibt es bei den Friseuren mit 43 Stellen und nur wenig Veränderung gibt es bei den Maurern mit 43 gegenüber 44 Plätzen und bei den Tischlern mit 42 (Vorjahr 41) Plätzen. Bei folgenden Ausbildungsberufen sieht die Verteilung wie folgt aus: Zimmerer: 41 (46), Elektroniker: 35 (29), Kaufmann für Büromanagement: 33 (35), Metallbauer: 30 (27) und Fachverkäufer im Bäckerhandwerk: 14 (15).
  • Neu abgeschlossene Berufsausbildungsverträge im Jahr 2017 im Landkreis Sigmaringen:Die meisten Neuverträge gab es im Bereich Elektro und Metall mit 115 Stück, wobei es 2016 noch 109 waren. Es folgen die Bereiche "Bau und Ausbau": 82 (63), Gesundheit: 33 (28), Holz: 25 (25) sowie kaufmännisch mit 19 (Vorjahr 23).
  • Noch offene Stellen:In der Internet-Lehrstellenbörse der Handwerkskammer Reutlingen sind für 2017 noch 324 freie Ausbildungsplätze zu finden. Das Angebot reicht vom Augenoptiker bis zum Zimmerer. Für das Ausbildungsjahr 2018 sind es freie 746 Ausbildungsplätze, quer durch mehr als einhundert Lehrberufe. Das aktuelle Angebot gibt es unter www.hwk-reutlingen.de/ausbildung, die App unter www.lehrstellen-radar.de
  • Im Bereich der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben werden folgende Veränderungen festgestellt:Bei den technischen Berufen gibt es einen Zuwachs von 4,5 Prozent auf 252 Ausbildungsstellen; bei den Kaufmännischen einen Rückgang von zwölf Prozent auf 200 Stellen. In den Hotel- und Gaststättenberufen gibt es einen Rückgang von zwölf Prozent auf 18 Ausbildungsstellen. Bei den Einzelhandelsberufen wie Kaufmann/-frau im Einzelhandel und Verkäufer/-in gibt es einen Rückgang von 75 auf 60 Ausbildungsstellen. Bei den Bankkaufleuten ist die Zahl der Ausbildungsstellen von 26 auf 19 zurückgegangen. Die zahlenmäßig am stärksten vertretenen Ausbildungsberufe für den IHK-Bereich sind Industriemechaniker, Industriekaufleute und Mechatroniker. Im Ausbildungsatlas der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben stehen Anschriften von über 1000 Ausbildungsbetrieben: www.ihk-lehrstellenboerse.de (kf)

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