Ravensburg/Kreis Sigmaringen 23-Jährige soll ihr Neugeborenes getötet haben: Prozess beginnt

Am 30. November beginnt in Ravensburg der Prozess gegen eine 23-jährige Frau aus dem Kreis Konstanz, die ihr Neugeborenes unmittelbar nach der Geburt getötet haben soll. Die Anklage lautet auf Mord aus niedrigen Beweggründen. Ein Junge hatte die Leiche des kleinen Mädchens beim Rasenmähen in der Nähe eines Aussiedlerhofs bei Rulfingen im Kreis Sigmaringen gefunden.

Vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht Ravensburg beginnt am kommenden Donnerstag das Strafverfahren gegen eine 23-jährige Frau aus dem Landkreis Konstanz. Die Anklage wirft ihr die Ermordung ihres neugeborenen Säuglings aus niedrigen Beweggründen vor. Für den Prozess sind neun Verhandlungstage angesetzt.

Es ist eine schreckliche und tieftraurige Geschichte: Am Nachmittag des 27. Mai entdeckt ein Junge beim Rasenmähen in der Nähe eines Aussiedlerhofes an der B 311 bei Rulfingen im Kreis Sigmaringen die Leiche eines nackten Säuglings. Polizei und Notarzt kommen. In der Nähe wird eine blutverschmierte kurze Jeanshose gefunden. Die Kriminalpolizei Sigmaringen richtet eine Ermittlungsgruppe ein. Das Bild der Jeans wird an die Medien gegeben. In einer Pressemitteilung der Polizei heißt es, dass die Obduktion des verstorbenen Mädchens Anhaltspunkte für eine mutmaßliche Gewalttat ergab.

Wenige Tage später scheint der Fall aufgeklärt, vermutlich durch Hinweise aus dem Bekanntenkreis der Kindsmutter. Laut der Anklage war eine junge Frau spätabends am 24. Mai mit ihrem Freund und zwei Bekannten auf der Rückfahrt von einem Urlaub in Österreich. Als die Wehen einsetzten, soll sie mit dem Verweis auf starke Bauchschmerzen ausgestiegen sein und das Baby nach der Geburt aus Panik mit Taschentüchern erstickt haben. Keiner der Begleiter will das Drama mitbekommen haben. Eigentlich habe sie das Kind in einer Babyklappe abgeben wollen, soll sie bei der Vernehmung ausgesagt haben, sei aber von den Wehen überrascht worden. Die junge Frau kam in Untersuchungshaft. In der Pressemitteilung zum Prozess ist zu lesen, “die Angeklagte soll die Tat aus finanziellen und beruflichen Gründen und mit Blick auf die laufende Beziehung zu ihrem Partner ausgeführt haben.“

Nach Bekanntwerden des Falles gab es in den sozialen Medien heftige Reaktionen. „Wie kann es im Jahr 2017 noch als eine üble Katastrophe empfunden werden, ein nicht geplantes Kind zu bekommen“, ist zu lesen. Oder: „Mit 23 Jahren muss man sich doch die Frage gestellt haben, wo man das Kind zur Welt bringt und wie man es zur Babyklappe bringen möchte?“

Phänomen der negierten Schwangerschaft

Die Kriminalstatistik gibt auf solche Fragen keine Antwort. Aber jedes Jahr werden in Deutschland zwischen 20 und 30 Säuglinge in den ersten 24 Stunden nach der Geburt von ihren Müttern getötet, heißt es zum Thema Neonatizid (lateinisch: Neugeborenentötung). „Unter den Frauen waren Schulmädchen genauso wie Krankenschwestern oder Sozialpädagogik-Studentinnen“, schreibt die Kriminologin Professor Theresia Höynck. In einer Untersuchung der Uniklinik Halle/Saale wird das „Phänomen der negierten Schwangerschaft“ so erklärt, dass sich „überwiegend junge, von der Familie abhängige und psychisch unreife Frauen“ die Schwangerschaft lange nicht eingestehen wollen und keine innere Bindung zum Ungeborenen entwickeln. In neun von 13 untersuchten Fällen wollten sich die Frauen des Kindes „so schnell wie möglich entledigen“. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Nadine Bozankaya an der Uni Bremen, die dazu anmahnt, dass hinter jedem Neonatizid allerdings eine Reihe von Gründen stehen.

Das mit drei Berufsrichtern und zwei Schöffen besetzte Schwurgericht in Ravensburg hat es also mit einem vielschichtigen Fall zu tun. Bundesweite Untersuchungen zum Strafmaß zeigen: In der Mehrzahl wurden Kindstötungen als Totschlag bewertet, häufig als minderschwerer Fall. Die Ravensburger Anklage wirft der jungen Frau jedoch Mord aus niedrigen Beweggründen vor. Da sei an einen Fall vor sechs Jahren am selben Landgericht erinnert: Auch als Mord angeklagt, offenbarte die Beweisaufnahme im Prozess gegen eine 22-jährige Frau so viel Bedrängnis und seelische Not, dass „das menschliche Drama“ als minderschwerer Fall von Totschlag mit einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren geahndet wurde.

Nicht vergessen werden soll der eindrückliche Hinweis der Bremer Forscherin Bozankaya: "Auffällig ist, dass stets nur die Mütter im Mittelpunkt stehen. Über die Väter wird hingegen selten berichtet." Im Ravensburger Fall soll es Ermittlungen wegen unterlassener Hilfeleistung gegeben haben. Ergebnis unbekannt.

Strafmaß

In Deutschland wird die Tötung eines Neugeborenen rechtlich meist nach dem Paragraf 212 StGB (Totschlag) bestraft. Strafrahmen ein Jahr bis 15 Jahre Freiheitsstrafe. Bei Grausamkeit, Habgier oder niedrigen Beweggründen ist die Tat nach Paragraf 211 als Mord zu werten. In der Schweiz liegt der Strafrahmen bei maximal drei Jahren, in Österreich bei maximal fünf Jahren.

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