Rund die Hälfte der Bevölkerung sind Frauen, in den Gemeinderäten der Region sind sie dagegen nur mit rund 25 Prozent vertreten. Singen ist typisch, zwölf Frauen entscheiden mit 20 Männern über die Zukunft der Stadt. Anders ist das in Volkertshausen, denn das ist eines von wenigen Vorbildern in ganz Baden-Württemberg. Ein Blick auf die Frauenquote im Hegau, warum sie überhaupt wichtig ist und wie Frauen die Kommunalpolitik erleben.

Wie sind Frauen in Singen vertreten?

Singen hat mit 37,5 Prozent den zweitbesten Frauenanteil im Landkreis Konstanz, wie eine SÜDKURIER-Recherche auf Grundlage von Daten der Gemeinden sowie des Statistischen Landesamts zeigt. Dass in Singen verhältnismäßig viele Arbeiter und Ausländer leben und Frauen auf ein Drittel der Sitze gewählt haben, verwundert Regina Brütsch als Fraktionsvorsitzende der SPD Singen nicht: „Gleichberechtigung und Emanzipation zu leben, ist keine Frage einer Bevölkerungsschicht. Das geht uns alle an und in Singen ist es normal, dass sich auch Frauen einbringen.“

Warum ist Volkertshausen vorbildlich?

Volkertshausen ist eine von neun Gemeinden in Baden-Württemberg, wo gleich viele Männer wie Frauen im Gemeinderat sitzen. Das ist seit der Kommunalwahl 2014 so – und auch ein wenig Zufall, sagen Vertreter der drei Fraktionen CDU, Freie Wähler und SPD. „Sie bringen Kompetenz mit, die Wählern wichtig waren“, sagt Rainer Kenzler (CDU). Allgemein gebe es in Volkertshausen aber nichts, was Frauen besonders bevorzuge – oder benachteilige.

„Ich war mal die einzige Frau“, erinnert sich Waltraud Sproll (FW) an 1984.

Laut ihren Unterlagen gab es 1980 zwei Kandidatinnen bei zehn Plätzen, davon wurde eine gewählt. 1984 waren es zwei Gemeinderätinnen, 1989 drei und 1994 vier. 2014 gab es mit 14 weiblichen Kandidaten doppelt so viele wie bei der Wahl zuvor, davon wurden sechs in den seit 1989 zwölfköpfigen Gemeinderat gewählt. „Es ist eine Besonderheit und etwas Tolles, aber eher für die Stellung der Frau allgemein als für unseren Gemeinderat im Speziellen“, fasst Melanie Beck (SPD) zusammen.

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Bild: Kerstan, Stefanie

Welchen Einfluss hat das auf Kommunalpolitik?

Einen verhältnismäßig geringen, sagen alle angesprochenen Gemeinderäte aus Singen und Volkertshausen. Marion Czajor (Neue Linie Singen) erinnert sich daran, dass sie als Frau die Notwendigkeit eines Frauenhauses vielleicht anders nachvollziehen konnte. „Weibliches Gespür tut der Sache manchmal gut“, sagt sie. Dass Frauen sich etwa mit Kinderbetreuung befassen, sei häufig auch ihrem Alltag geschuldet: Melanie Beck von der SPD Volkertshausen beschäftige sich intensiv mit Kindergarten und Schule, als ihre Kinder noch kleiner waren, weil es für sie ein präsentes Thema war. Außerdem sei sie häufig angesprochen worden. Frauen seien aber nicht automatisch auf soziale Themen festgelegt, sagt Regina Brütsch (SPD Singen). Ihre FDP-Kollegin Kirsten Brößke betont, dass sie sich wie ihre männlichen Kollegen mit Stadtplanung und Bauen beschäftige. Doch manchmal sei es einfacher, einer Frau zu erklären, warum es eine Schulferienbetreuung brauche, weil diese häufiger gefordert sind, wenn die Kinder sechs Wochen lang frei haben.

Brößke betont eine Stärke von Frauen:

„Frauen können grundsätzlich besser kommunizieren“

Frauen würden sich auch über Fraktionen hinweg austauschen, ohne Machtverhältnisse zu etablieren. „Frauen können manche Dinge nüchterner erkennen“, ergänzt Rainer Kenzler. Sie würden Dinge anders hinterfragen und eher das große Ganze sehen. „Das schätze ich sehr.“ Das Miteinander beschreiben alle Gemeinderäte als positiv: „Ich hatte nie das Gefühl, als Frau nicht ernst genommen zu werden“, sagt Waltraud Sproll.

Woran scheitert das Engagement von Frauen?

Ein Ehrenamt wie das eines Gemeinderats brauche Zeit und jemanden, der den Rücken stärkt, sagt Marion Czajor. Sie wurde wie andere Gemeinderäte auch angesprochen und gefragt, ob sie kandidieren wolle. Ihre Kollegin Waltraud Sproll aus Volkertshausen bedauert, dass sich verhältnismäßig wenig Frauen aufstellen lassen. „Wir hätten gerne gleich viele Frauen wie Männer als Kandidaten angeboten“, doch bei den Freien Wählern fanden sich nur fünf Frauen zu zwölf Männern. Die anderen Parteien hätten nur vier Frauen und acht Männer auf ihrer Liste. Woran das liegt, sei schwer zu sagen – häufig höre sie, dass sie zu viel zu tun haben oder es sich nicht zutrauen.

„Ich habe das Gefühl, dass Frauen es sich dreimal überlegen, ob sie das können“, ergänzt Regina Brütsch.

Das bestätigt Melanie Becks eigene Erfahrung, als sie 2009 erstmals antrat: Sie habe darüber nachgedacht, ob sie das packe, und ob sie sich mehr um ihre Kinder kümmern solle. Doch nachdem es hieß, dass es bei der ersten Kandidatur sehr selten klappe, stellte sie sich zur Wahl und wurde prompt gewählt. Dann fand sie Spaß an dem Ehrenamt.

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Ist das ein neues Thema?

Viele Parteien haben bereits seit Jahren einen Blick auf den Frauenanteil. Bei der SPD müssten 40 Prozent der Kandidaten männlich oder weiblich sein, erklärt Regina Brütsch. „Mit dem Thema sind wir auch vor 25 Jahren angetreten – noch viel vehementer.“ Inzwischen werde der Frauenanteil aber auch bei anderen Parteien und in der breiten Bevölkerung thematisiert. „Den politischen Willen gab es schon länger“, bestätigt Rainer Kenzler – auch um als Partei attraktiver zu werden. Was Wähler daraus machen, sei nochmal eine andere Geschichte. „Wer Frauen will, muss auch Frauen wählen“, sagt Brütsch – das Angebot gebe es.

Wie sieht die Zukunft aus?

„Ausgewogenheit zwischen den Geschlechtern ist das mindeste“, sagt Regina Brütsch. Sinn und Zweck eines Gemeinderats sei es, in einem Laiengremium die Gesellschaft abzubilden. Daher würden unter anderem auch Nationalität, Berufsbild und Wohnort eine Rolle spielen. „Das Geschlecht eines Gemeinderats ist nicht die wichtigste Eigenschaft, die er mitbringen sollte“, sagt Rainer Kenzler. Entscheidend sei, dass kompetente Leute mitentscheiden. Außerdem soll der Gemeinderat vielerorts jünger werden, aus diesem Grund räumt beispielsweise Waltraud Sproll nach 35 Jahren ihren Platz in Volkertshausen. Auch der 55-jährige Rainer Kenzler kann sich nach eigenen Angaben vorstellen, jemanden jünger als 30 Jahre an seiner Stelle mitentscheiden zu lassen.

Was hat sich schon getan?

Marion Czajor saß einst als einzige Frau im Kreistag und als eine von zwei Frauen im Singener Gemeinderat. In den vergangenen 34 Jahren ihrer politischen Arbeit habe sich der Frauenanteil deutlich verbessert: „Es braucht alles seine Entwicklung“, sagt Czajor und verweist auf 100 Jahre Frauenwahlrecht. Als Frau dürfe man nicht die Flügel hängen lassen und aufgeben.