"In der kommunalen Basis geerdet" sei er, noch dazu ein Verfechter des "Europas der Regionen" – mit lobenden Worten begrüßte Bürgermeister Alfred Mutter den Ehrengast Erwin Teufel beim diesjährigen Neujahrsempfang am Sonntagnachmittag in der Alten Kirche.

In seiner Rede hob Mutter die Verdienste des ehemaligen Ministerpräsidenten Teufel hervor, der sich besonders für den Ausbau der Alten Kirche zum Kulturzentrum eingesetzt habe. "Was waren das noch für Zeiten, als Sie Ministerpräsident waren", erinnerte Alfred Mutter. Nach der Begrüßung der anderen Ehrengäste, unter ihnen das Mitglied des Bundestages Andreas Jung, der Präsident der Narrenvereinigung Hegau-Bodensee Rainer Hespeler sowie die Bürgermeister aus den Nachbargemeinden, stand die einstündige Veranstaltung ganz im Zeichen des Alt-Ministerpräsidenten.

Vor den knapp 300 Besuchern referierte der 77-jährige Teufel über das Potenzial eines starken Europa, ohne dabei die Probleme des Staatenverbundes außer Acht zu lassen. Unter dem Titel "Europa vom Kopf auf die Füße stellen" spannte Teufel in seiner halbstündigen Rede den Bogen von den Anfängen des Verbundes bis heute. Zwei Weltkriege seien von dort ausgegangen. Die Staaten auf dem kleinen Kontinent bekriegten sich bis 1945 über die Jahrhunderte immer wieder. Gegründet worden sei Europa daher als ein Friedensbündnis, das seit mehr als 70 Jahren anhalte. Teufel erinnerte bei der Entstehung des Bündnisses an Winston Churchill, der 1946 die erste Europarede in Zürich mit der Forderung nach den vereinten Staaten von Europa gehalten hatte. "Das war ein ungeheurer Weitblick", erklärte Teufel.

Die Montanunion, ein Zusammenschluss von Deutschland, Frankreich, Belgien, Luxenburg und Italien, sei die Keimzelle des heutigen Europa gewesen. "Europa hat sich bewährt", so der ehemalige Ministerpräsident. Aber es sei natürlich schwer, zwischen den 28 Staaten immer einen Kompromiss zu finden. Europa sei ein zentralistisches Gebilde, undurchsichtig für den Bürger. Das, so Teufel, müsse sich für eine erfolgreiche Zukunft des Staatenverbundes ändern.

Neben der politischen Union sei Europa doch vor allem eine Währungsunion. "Jedes Land muss für seine Schulden selbst aufkommen", so die Forderung Teufels. Wenn Europa die Schulden seiner Mitgliedsstaaten zahle, riskiere es die Zustimmung der Bevölkerung zum Staatenverbund. Auch das Thema Flüchtlinge griff der ehemalige Ministerpräsident auf. "Der Schutz der Außengrenzen ist eine Gemeinschaftsaufgabe", zitierte Teufel die bestehenden Europagesetze. Verfolgte sollten Asyl erhalten. Doch wenn die Fluchtursachen beseitigt seien, seien die Menschen zum Wiederaufbau ihres Lands verpflichtet, erklärte Teufel. Deutschland könne nur eine begrenzte Anzahl an Asylbewerbern aufnehmen. "Wir können nicht die Armutsprobleme der Welt lösen", so Teufel. Jedoch stehe das Land sehr wohl in der Verantwortung, etwas gegen die weltweite Armut zu unternehmen. "In Europa muss mehr gemeinschaftlich gearbeitet werden", forderte der 77-Jährige. Jedoch nur bei Anliegen, die ein einzelner Staat nicht alleine bewältigen könne. Denn: "Auch in den Vereinigten Staaten von Europa gibt es Nationalstaaten mit eigenem Charakter", beendete Teufel seine Ansprache.

 

Zur Person

Erwin Teufel wurde 1939 als Sohn eines Landwirtes in Rottweil geboren. Er besuchte das Gymnasium, das er mit der mittleren Reife verließ, um eine Ausbildung für den gehobenen Verwaltungsdienst zu beginnen, die er 1961 mit der Staatsprüfung als Verwaltungswirt beendete. Teufel war Gründungsmitglied der Jungen Union in Rottweil. Von 1973 bis 1991 war er Vorsitzender des CDU-Bezirksverbandes Südbaden und von 1991 bis 2005 Landesvorsitzender der CDU in Baden-Württemberg. Mitglied des Landtages war er von 1972 bis 2006, von 1978 bis 1991 als Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion. Nach dem Rücktritt Lothar Späths wurde Teufel 1991 zum Ministerpräsident von Baden-Württemberg gewählt. Von 1995 bis 1998 war er der deutsche Beauftragte für die Kulturbeziehungen mit Frankreich, von 1994 bis 2003 Mitglied und Vizepräsident des Ausschusses der Regionen in der EU. Nach seinem Rücktritt folgte ihm 2005 Günther Oettinger als Ministerpräsident. (va)