Die alte Dame sitzt auf dem Sofa. Einsam. Sie blickt ins Leere. Ihr Blick ist trüb. Den Herrn neben sich nimmt sie kaum wahr. Der Mann an ihrer Seite ist Priester. Harald Dörflinger, Pfarrer in Tengen. Er macht gerade einen Besuch bei der alten Frau.

Der Pfarrer hält ihre Hand, gibt ihr einen Rosenkranz in die Hand. Er betet langsam, hilft der Dame bei jedem Gebet des Rosenkranzes, eine weitere Perle durch ihre Hand gleiten zu lassen. Da! Beim siebten oder achten Gebet. Plötzlich fängt die Frau an und steigt in die Worte des Pfarrers mit ein. Ihr Blick wird dabei klar. Ein Friede liegt über den beiden Betenden, wie man ihn nur selten spürt.

Tief ins Gedächtnis eingegraben

So berichtet es Pfarrer Harald Dörflinger von einem Besuch bei einer alten Dame. Und es ist typisch für Menschen mit Demenz, wie er weiß. Den Pfarrer neben sich nimmt die Frau nicht mehr wahr. Aber an den Perlen des Rosenkranzes betet sie sich zurück in die eigene Vergangenheit. Das alte Gebet, oft gesprochen, hat sich tief ins Gedächtnis eingegraben. Bereit, als Schatz wieder gehoben zu werden. Mit Hilfe einiger Perlen und eines Menschen, der ihr mit Worten aushilft.

Die Kirchen spielen eine wichtige Rolle in den Altenheimen in der Region. So zum Beispiel auch im Servicehaus Sonnenhalde in Singen. Die Heimleiterin Heidrun Gonser erklärt die Gründe: „Bewohnern im Altenheim ist oft klar, dass das ihr letzter Lebensabschnitt ist. Altvertraute Rituale wecken auch bei dementen Menschen Erinnerungen. Von vielen geistlichen Liedern können sie noch zehn oder mehr Strophen mitsingen.“

Auf das Wesentliche reduziert

Im Gottesdienst mit Menschen mit Demenz achtet Pfarrer Harald Dörflinger deshalb auf einige Besonderheiten. Er erklärt: „Gottesdienste, an denen Menschen mit Demenz teilnehmen, sind normal aufgebaut – aber aufs Wesentliche reduziert. Ich verwende Lieder, die die Gottesdienstbesucher von früher kennen.“ Auch Symbole baut der katholische Pfarrer aus Tengen gerne ein. Zum Beispiel eine Kerze oder das Kreuz. Bilder wecken bei den Menschen Erinnerungen an früher.

So etwa ein Bild vom Kreuzweg, auf dem Jesus seiner Mutter Maria am Wegesrand begegnet. „Elemente, die den Menschen aus ihrer Kindheit bekannt sind, schließen oft die Herzen auf“, sagt Harald Dörflinger. So kenne eigentlich jeder das Lied „Großer Gott, wir loben dich“ und das „Vater unser“. Auch solche altbekannten Gebete und Kirchenlieder können Perlen sein, mit denen die von Demenz Betroffenen sich in ihre eigene Vergangenheit zurück hangeln.

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„Wichtig ist mir, dass ich die Sorgen nicht auslasse“

Thomas Hilsberg ist Pfarrer in der evangelischen Kirche. Bis 2009 war er Pfarrer in Rielasingen-Worblingen und übernimmt auch heute noch punktuell Gottesdienste in Singen, Tengen und anderen Orten. Er lebt in Radolfzell und ist zu einem Teil seines kirchlichen Dienstauftrags speziell für den Dienst mit alten Menschen freigestellt.

Seine Frau Magdalena Hilsberg leitet die Betreuung im Pflegeheim St. Verena in Rielasingen-Worblingen. Gemeinsam haben sie den Glaubenskurs für Hochbetagte „Erinnern & Vertrauen“ entwickelt. Pfarrer Hilsberg feiert im Servicehaus Sonnenhalde in Singen Gottesdienste, an denen auch Menschen mit Demenz teilnehmen.

Pfarrer Hilsberg, was machen Sie bei der Verkündigung gegenüber Menschen mit Demenz anders als bei einem „normalen“ Gottesdienst in der Kirche?

Eine Predigt für Hochbetagte und Menschen mit Demenz besteht nicht aus den klassischen drei Punkten. Stattdessen greife ich nur einen Punkt heraus. Dabei achte ich verstärkt darauf, dass dieser Punkt verständlich und einfach formuliert ist.

Der Gottesdienst muss im Kirchenjahr verortet sein. Zum Beispiel in der Zeit um Pfingsten. Dazu gehören die Texte in der Bibel, die sich auf Pfingsten beziehen.

Eine Predigt im Altenheim ist deutlich kürzer als eine gewöhnliche Sonntagspredigt. Sie ist außerdem eher erzählend als abstrakt.

Wichtig ist mir, dass ich die Sorgen nicht auslasse, die zum Alter gehören – und dass auch Themen wie Tod und Auferstehung vorkommen.

Humor tut einer Sonntagspredigt in der Kirche zwar gut und lockert auf. Bei Menschen mit Demenz bin ich zurückhaltend, da sie so manche Scherze nicht einordnen können.

Für einen Gottesdienst mit alten Menschen eignen sich Lieder, die viele auswendig können. Außerdem achte ich darauf, dass die Lieder, die gesungen werden, sowohl Katholiken als auch Protestanten bekannt sind.

Kommunikation läuft nicht nur über das Sprechen und das Hören. Es gibt noch mehr Sinne. Das ist mit ein Grund für das Abendmahl, das Jesus eingesetzt hat. Das feiere ich auch gerne im Altenheim. So kann der Glaube geschmeckt und ertastet werden.

Wie hat sich aufgrund der Maßnahmen rund um die Corona-Pandemie die Situation in den Pflegeheimen verändert?

Die Corona-Maßnahmen haben sicher Leben gerettet. Sie haben aber auch dafür gesorgt, dass Menschen in Pflegeheimen sehr vereinsamt sind. Das trifft auf Menschen mit Demenz ganz besonders zu. Dass das Gesicht auf dem Bildschirm beim Skypen ihr Verwandter ist, verstehen sie oft nicht. Erst recht haben sie kein Verständnis dafür, dass sie ihre Lieben, wenn überhaupt, nur mit Trennscheibe sehen dürfen. Hier hat es schmerzhafte Szenen gegeben.

Umgekehrt gibt es Angehörige, die ein ganz schlechtes Gewissen haben, weil sie ihre alten Eltern oder Großeltern im Heim nicht besuchen konnten. Jetzt, wo man mit Schutzkonzept wieder einzelne Wohngruppen besuchen kann, ist die Freude groß. Anerkennen muss man, dass das Pflege- und Betreuungspersonal sich eine riesige Mühe gemacht hat, den Heimbewohnern die schwere Zeit zu erleichtern.

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