In einem Randendorf bleibt die Kirchenuhr auf 12 Uhr mittags stehen. Auch die Schläge und das Glockengeläut bleiben aus. Beisetzungen und Hochzeiten sind dadurch akustisch nicht mehr wahrnehmbar. Eine kirchliche Eheschließung konnte ein pfiffiger Verwandter trotzdem für den ganzen Tengener Stadtteil Wiechs am Randen hörbar verkünden. Das Original-Glockengeläut gab es über Tonband, um dadurch der Hochzeit auch atmosphärisch die richtige Note zu geben. Etliche Bürger von Wiechs kritisieren, dass eine größere Renovierungsmaßnahme des Kirchenturms die Glocken zum Schweigen und die Uhr stillgelegt haben. Darüber konnte auch nicht hinwegtäuschen, dass eine Tonband-Aufnahme das Geläut so täuschend echt nachahmte, dass ein Hochzeitsgast die Frage aufwarf: „Warum regen sich die Leute bloß auf?“ Die Erzdiözese Freiburg sammelt solche Aufnahmen aller Kirchen. Und in Notfällen – wie den geschilderten – sorgen sie für wertvolle Dienste.

Die Kirchenuhr steht auf Punkt 12. Das hat seit einem halben Jahr Bestand. Diesen Zustand soll in Kürze in Provisorium beenden.
Die Kirchenuhr steht auf Punkt 12. Das hat seit einem halben Jahr Bestand. Diesen Zustand soll in Kürze in Provisorium beenden. | Bild: Bittlingmaier, Albert

Der Blick auf die Kirchenuhr und das Original-Läuten haben für die Bewohner von Wiechs auch in der heutigen Zeit schon aus der Tradition heraus eine große Bedeutung, obwohl auch in dem beschaulichen Dorf ziemlich alle Bürger eine eigene Uhr haben oder die aktuelle Zeit auf einem Handy oder Smartphone abrufen können. „Die Kirchenuhr und das Läuten haben nach wie vor eine hohe Wertigkeit im Bewusstsein der Bürger“, erklärt Ortsvorsteherin Gabriele Leichenauer.

Wer kann sich nicht an frühere Zeiten erinnern? Dabei hilft die eigene Erfahrung. Gerade bei der vielfachen Arbeit auf dem Feld orientierten sich die fleißigen Hobby- oder Vollerwerbslandwirte gerne an der Kirchenuhr und deren Schlägen, die auch das nahende Ende der Mühen verkündeten. Und wenn es dann soweit war, hat mancher stilgerecht ein kurzes Gebet in Richtung Himmel gesendet.

Der Kirchturm gilt als Mittelpunkt und Wahrzeichen des Tengener Stadtteils Wiechs am Randen.
Der Kirchturm gilt als Mittelpunkt und Wahrzeichen des Tengener Stadtteils Wiechs am Randen. | Bild: Bittlingmaier, Albert

„Dass Kirchenuhr und Glocken schon ein gutes halbes Jahr außer Betrieb sind, sorgt bei vielen Bürgern für großen Unmut. Sie fragen bei mir ungeduldig nach, wann die Bauarbeiten endlich beendet sind“, schildert Gabriele Leichenauer. Sie verweist auch darauf, dass die Instandsetzung der Uhr zwar Sache der Stadt Tengen sei, die Maßnahme aber nicht ohne die Turm-Sanierung und die Wieder-Aktivierung der Glocken möglich sei. Und dies müsse die Kirche erledigen. „Die Leute haben das Gefühl, dass es einfach nicht richtig vorwärts geht. Immer wieder ruhen die Arbeiten. Dafür haben sie kein Verständnis“, übt auch Vorgänger-Ortsvorsteher Klaus Schultheiß Kritik.

Kirchturm war stark baufällig

Bei allem Verständnis für die Ungeduld von Bürgern des Randenortes verweist der Tengener Architekt Albert Frank auf den aufwendigen Bauablauf mit mehreren beteiligten Firmen, der nur Schritt für Schritt vollzogen werden könne. „Der Kirchturm war nach einer jahrelangen Verschiebung der notwendigen Sanierung stark baufällig. Die Arbeiten mussten unter den starken Einschränkungen der strengen Corona-Verordnungen starten. Dies hat genauso zu Verzögerungen geführt, wie die Tatsache, dass manche Gewerke wegen Mangel an Bietern – das Handwerk ist stark ausgelastet – nur sehr schwer zu vergeben waren“, erklärt Frank. Sehr heikle und zeitintensive Arbeiten, wie der Einbau von Stahlträgern, seien zu bewältigen gewesen.

Der Einheimische Tobias Scheu ist stark in den gesamten Arbeitsprozess eingebunden. Er fungiert auch als Mitglied des Pfarrgemeinde- und Stiftungsrats der Seelsorgeeinheit Am Randen, zu der die Pfarrei von Wiechs gehört. Zusammen mit Vater Bruno Scheu war er durch den gemeinsamen Betrieb auch bei der Renovierung anderer Kirchen in der Region tätig. „Diese Arbeiten dauerten teils noch weitaus länger“, betont Tobias Scheu. Über das Mitteilungsblatt der Stadt Tengen sei informiert worden, dass die Kirchturmsanierung von Wiechs einen etwas längeren Zeitraum erforderten.

Der Weitblick des früheren Pfarrers Eugen Weiler

Der finanzielle Aufwand für die Kirchturm-Sanierung ist enorm. Etwa 170.000 Euro sind dafür veranschlagt. Die Finanzierung gilt als gesichert. Auch dank des Vermächtnisses des früheren langjährigen Pfarrers Eugen Weiler. Der hat nicht nur einen satten Geldbetrag gesammelt, sondern er sorgte mit Weitblick auch dafür, dass die Pfarrgemeinde heute noch ein stetiges Einkommen hat. Durch den Ankauf von Flächen für den Kirchenwald gibt es laut Tobias Scheu auf einer Fläche von 70 Hektar ständige Einnahmen durch Holzverkäufe und Pachteinnahmen, wie über den Windpark Verenafohren. Die beste Nachricht: Ein Provisorium soll in der nächsten Woche dafür sorgen, dass sich Zeiger der Kirchenuhr wieder drehen und die Glocken ihre voluminösen Klänge verbreiten. Dann wird es täglich nur noch ganz kurzzeitig, aber weniger still 12 Uhr.