Kurios und beängstigend. Die Schließung der deutsch-schweizerischen Grenzen hat im Hegau ungewöhnliche Facetten. Pendler müssen mit dem Auto den zehnfachen Weg fahren, um an den nur einen Katzensprung entfernten Arbeitsplatz zu fahren. Nur die Zoll-Übergänge Bietingen/Thayngen und Rielasingen/Ramsen sind für Grenzgänger geöffnet.

Sogar Soldaten im Einsatz

Hubschrauber kreisen über Dörfern und freien Flächen. Unbesetzte kleinere Grenzübergänge können nicht mehr passiert werden. Barrieren verhindern das. An noch offenen Zollstellen stehen auf beiden Seiten Grenzwächter und Polizisten, auf Schweizer Terrain sogar Soldaten.

Die Straße von Randegg nach Dörflingen (Schweiz) ist an der Grenze dicht. Die Büsinger dürfen sie aber tagsüber passieren, um in ihren Ort zu kommen.
Die Straße von Randegg nach Dörflingen (Schweiz) ist an der Grenze dicht. Die Büsinger dürfen sie aber tagsüber passieren, um in ihren Ort zu kommen. | Bild: Bittlingmaier, Albert

„Die Situation ist beängstigend“, sagt Clemens Fleischmann, Geschäftsführer der Randegger Ottilienquelle. Der Umsatz seiner Firma sprudelt zwar noch, es fehlen aber die Schweizer Kunden, seit denen die Grenzschließung den Zugang zu den deutschen Getränkehändlern und Einkaufsmärkten verwehrt.

Der Grenzübergang Gottmadingen/Buch ist verbarrikadiert. Er wird normalerweise auch von vielen Pendlern genutzt.
Der Grenzübergang Gottmadingen/Buch ist verbarrikadiert. Er wird normalerweise auch von vielen Pendlern genutzt. | Bild: Bittlingmaier, Albert

„Es trifft uns noch weit mehr, dass die Gaststätten nicht öffnen dürfen. Dafür habe ich langsam kein Verständnis mehr“, erklärt Fleischmann. Wenigstens können die Fahrer der Ottilienquelle-Laster die Grenzen mit einer Sondererlaubnis passieren, um die kürzeren Wege über die Schweiz zu nutzen, um das Getränkegut in deutschen Orten anzuliefern.

Unzählige grüne Grenzen

Wie rund um Randegg gibt es auch am Randen unzählige Grenz-Übergänge. Ein Großteil davon verläuft in Wäldern und freier Landschaft. „Die Grenz-Übertritte sind meist gar nicht sichtbar. Man muss sich schon gut auskennen, um nicht plötzlich in die Schweiz zu gelangen“, beschreibt Gabriele Leichenauer, Ortsvorsteherin des Tengener Stadtteils Wiechs am Randen.

Sie gehe gerne am früheren Steinbruch spazieren, müsse aber den Weg abrupt abkürzen, um nicht in die Bredouille zu geraten. Und wer unerlaubt über die grüne Grenze in die Schweiz geht, wird kräftig zur Kasse gebeten.

Am Grenzübergang Wiechs/Bargen ist nur die Durchfahrt zum deutschen Weiler Schlauch möglich.
Am Grenzübergang Wiechs/Bargen ist nur die Durchfahrt zum deutschen Weiler Schlauch möglich. | Bild: Bittlingmaier, Albert

„Das kostet gleich mal einige Tausend Franken“, sagt Klaus Schultheiß, Gabriele Leichenauers Vorgänger als Ortsvorsteher von Wiechs. Auch bei Verstößen auf deutscher Seite drohen bis zu 3000 Euro Bußgeld. Immer wieder kreisen Hubschrauber über der Gemarkung des Dorfes und der angrenzenden Schweiz. Die Bewohner von Wiechs haben sich nach erstem Schreck bereits an das düstere Bild gewöhnt.

Kurioses am Randen

Fließend verlaufen die Grenzen auch im Wald von Wiechs am Randen, wo die bisher drei einzigen Windräder im Landkreis Konstanz. „Bisher können meines Wissens die vielen Eigentümer in ihren Wäldern ungestört arbeiten“, sagt Klaus Schultheiß. Kurios sei allerdings, dass Schweizer auch über deutschen Grund ein eidgenössisches Heim mit Pferdepension in der Nähe von Büttenhardt erreichen. Ausgangspunkt ist die Siedlung Verenahöfe, die vor einem bilateralen Gebietsabtausch zu Wiechs am Randen gehörten.

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Pendler aus Wiechs müssen derzeit den halben Hegau bereisen, um ihrer beruflichen Tätigkeit in der schweizerischen Nachbarschaft nachzugehen. „Einer, der im nahen Merishausen arbeitet, ist gezwungen, über Gottmadingen zu fahren, damit er beim offiziellen Übergang Bietingen/Thayngen über die Grenze kommt. So legt er statt ein nur ein paar Kilometer gut 30 Kilometer pro Strecke zurück“, schildert Schultheiß.

Fahrten sogar über Äcker

Die Grenze Wiechs/Altdorf ist verbarrikadiert. Einige sollen sogar über Äcker vorbeischleichen, wie Gabriele Leichenauer über ein offenes Gerücht berichtet. Ein Kuriosum bietet das unbesetzte Zollamt Schlauch, wo immer wieder Grenzwächter kontrollieren. Hinter der Grenze liegt ein der kleine Weiler Schlauch samt Gaststätte auf deutschem Gebiet. So ist die Fahrt über den Zoll-Übergang bis zum Schlauch Deutschen erlaubt. Schweizer passieren zwischen ihren Wohnorten Bargen und Merishausen den Weiler ohne Kontrollen.

Stacheldraht im Schlauch

Der Grenzübergang Wiechs/Bargen ist besonders geschichtsträchtig. Es gab dort nach Kriegsende im Jahr 1945 bewachte Barrieren mit Stacheldraht. Viele deutsche Soldaten hatten damals versucht, über die Grenze von Wiechs am Randen in die Schweiz zu flüchten. Vor einigen Jahren rollte ein aufwendiger Transport von überdimensionalen Teilen der Windkraft-Anlage Verenafohren über den Grenzübergang im Schlauch. Es musste eine große Fläche am früheren Zoll-Übergang befestigt werden, damit die Transporter mit den etwa 70 Meter langen Rotorblättern um die enge Kurve kamen.

Nach Kriegsende verhinderten 1945 Grenzwächter und ein Stacheldraht am Übergang im Schlauch bei Wiechs am Randen, dass deutsche Soldaten in die Schweiz fliehen konnten.
Nach Kriegsende verhinderten 1945 Grenzwächter und ein Stacheldraht am Übergang im Schlauch bei Wiechs am Randen, dass deutsche Soldaten in die Schweiz fliehen konnten. | Bild: Privat

Schreier fordert Öffnung der Grenzen

Eine schnelle Aufhebung der Grenz-Schließungen fordert neben Politikern wie der regionale Bundestagsabgeordnete Andreas Jung auch der Tengener Bürgermeister Marian Schreier. „Das Virus macht vor der Grenze nicht Halt“, erklärt Schreier.

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„Deutsche und Schweizer sollten ihre gemeinsamen Bemühungen koordinieren, um die Virus-Verbreitung einzudämmen. Dies unter Einhaltung der verordneten Schutzmaßnahmen“, betont der Tengener Bürgermeister.

Nachbargemeinden werden ausgebremst

Gailingen und das schweizerische Diessenhofen sind nur über eine derzeit gesperrte Zollbrücke getrennt. Nur die Feuerwehren haben bei Einsätzen freie Durchfahrt. Die beiden Gemeinden verbinden viele interkommunale Projekte, wie Kooperation der Feuerwehren und Wasserrettungswacht, den Rheinuferpark und eine geplante gemeinsame Kläranlage.

Die Rheinbrücke und deutsch-schweizerische Grenze Gailingen/Diessenhofen ist gesperrt. Die Feuerwehren haben aber bei Einsätzen freie Durchfahrt.
Die Rheinbrücke und deutsch-schweizerische Grenze Gailingen/Diessenhofen ist gesperrt. Die Feuerwehren haben aber bei Einsätzen freie Durchfahrt. | Bild: Bittlingmaier, Albert

„Auch die Gemeinderäte treffen sich einmal im Jahr, um sich auszutauschen. Das muss nun zurückstehen“, erklärt der Gailinger Bürgermeister Thomas Auer. Auch er berichtet von Pendlern, die große Umwege fahren müssen und deutsch-schweizerische Pärchen, deren Beziehungen Kontaktsperren erschwerten. „Nicht wenige Pendler haben auch ohne Corona-Einschränkungen weite Wege zwischen Wohnort und Arbeit“, so Auer.

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„Eine große Unbekannte ist der Rheinuferpark„, sagt Auer. Dort liegen an heißen Sommer-Wochenenden tausende Menschen dicht nebeneinander, viele von ihnen kommen wegen des günstigen Devisenkurses aus der benachbarten Schweiz. „Der Badebetrieb kann nur öffnen, wenn die Menschen genügend Abstand zueinander halten. Ich habe doch große Bedenken, dass alle so diszipliniert sind“, gibt sich Auer skeptisch, dass bald reguläres Baden im Rheinuferpark möglich sei.

 

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