Der kleine Junge huscht zwischen den zehn Spiralen durch und dann gleich durch die anderen zehn Kreise wieder zurück. Sein Vater fängt ihn und gemeinsam setzen sie sich unter den Schatten des nächsten Baumes. Der Junge schaut seinen Vater an und fragt, was das eigentlich für weiße Schlaufen sind. Der Vater hat zuvor die Infotafel gelesen und beginnt zu erklären, dass das Kunstwerk auf das Thema Organspende aufmerksam macht.

Eine solche Szene hat Architekt Michael Wezstein aus Tengen erlebt. Und zwar an seinem Denkmal „Impuls“ auf dem Gelände der Berliner Charité.

Sensible Skulptur für ein sensibles Thema

Doch nun der Reihe nach: Michael Wezstein, inzwischen Architekt in Tengen, war 2019 noch Student und nahm an einem Studentenwettbewerb teil. „Es ging um ein sogenanntes Dankmal für Organspende“, erläutert Wezstein. 15 Studenten haben ihre Entwürfe in der Charité in Berlin vorgestellt. „Ich hatte ein sehr gutes Gefühl von Anfang an“, erinnert sich der 28-Jährige.

Das Thema Organspende liege ihm am Herzen, er könne gut dahinterstehen. „Von Anfang an war für mich klar, dass es für dieses sensible Thema auch ein sensibles Dankmal braucht und dass es in seiner Erscheinung einzigartig sein muss“, beschreibt Wezstein seine Herangehensweise.

Architekt Michael Wezstein aus Tengen. Hier in seinem Büro steht ein Modell der Skulptur auf dem Schreibtisch.
Architekt Michael Wezstein aus Tengen. Hier in seinem Büro steht ein Modell der Skulptur auf dem Schreibtisch. | Bild: Uli Zeller

Der erste Grundgedanke sei, die große Wirkung einer Organspende zu verstehen. Durch eine Organspende könne neues Leben geschenkt werden, was nicht nur für eine Person eine Auswirkung habe, sondern genauso für deren Mitmenschen und das gesamte Umfeld.

Jede Menge Fachwissen aus der Region steckt in dem Denkmal: Das Statikbüro Relling aus Singen habe Fundamente und Dimensionierung der Ringe berechnet, so Wezstein: „Die Details habe ich zusammen mit der Schlosserei Ruf und Keller aus Watterdingen erarbeitet.“

Eine Vorgabe des Wettbewerbs sei gewesen, dass die Skulptur nicht mehr als 35.000 Euro kostet. Aus diesem Grund habe man ein Gegenangebot einer Berliner Schlosserei eingeholt. Als dieses aber doppelt so teuer war, habe der Stahlexperte aus Watterdingen den Zuschlag bekommen: „Die Ringe wurden aus drei Zentimeter dicken Stahlplatten heraus gelasert, auf Stahlplatten angeschweißt und anschließend feuerverzinkt und pulverbeschichtet“, so Wezstein.

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Der Tengener Architekt betont, ihm sei wichtig gewesen, dass das Kunstwerk ein positives Gefühl hervorrufe. Es solle leicht und offen wirken. Und das scheint gelungen zu sein: „Menschen aus der Kinderstation kommen und machen Fotos vor der Skulptur.“ Ein positives Element auf einem Campus, wo auch traurige Ereignisse stattfinden – dies hinterlasse ein gutes Gefühl, beschreibt der Künstler aus Tengen.

Dabei sei es gewollt, dass das Kunstwerk Raum zur Interpretation lässt: „Man kann darin Schmetterlinge und deren Flügel sehen“, erklärt Wezstein. Aber auch die Lebensspirale, zwei Nieren oder zwei Lungenflügel könne man hineininterpretieren.

Lob von Julia Klöckner

Julia Klöckner (CDU), Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, bestätigte in ihrer Ansprache bei der Enthüllung des Kunstwerkes: „Da passt viel rein an positiver Projektion.“ Sie wies darauf hin, dass Organspende ein wichtiges Thema sei, über das man sich zu Lebzeiten Gedanken machen solle. So erspare man Angehörigen, in einer ohnehin schon schwierigen Situation auch noch eine so weitreichende Entscheidung alleine treffen zu müssen.

Und dann wandte sie sich an den Tengener Michael Wezstein: „Sie sind nun kein Student mehr. Sie haben einen Abschluss. Ich wünsche Ihnen, dass das hier ein Meilenstein ist, der viele aufhorchen lässt und sagen: Den brauchen wir als Künstler.“

Kreativer Architekt: Michael Wezstein und sein Werk für den Kunstwettbewerb

  • Das Werk: Das sagt Architekt Michael Wezstein aus Tengen über sein Kunstwerk „Impuls“, das nun auf dem Gelände der Berliner Charité steht und mit dem er einen Studentenwettbewerb zum Thema Organspende des Bundesverbandes Niere gewonnen hat: „Die zwei spiralförmigen Elemente, welche auch für Spender und Empfänger stehen, bilden die Skulptur. Sie sind nebeneinander aufgestellt und erhalten eine leichte Neigung nach außen, wodurch sie sich zunächst überschneiden und sich im weiteren Verlauf trennen. Wie auch in einer gewissen Weise der Akt der Spende. Das Erscheinungsbild der Skulptur wird geprägt durch die Einfachheit und die Klarheit. Sie gliedert sich dank dieser dezenten Erscheinung sehr sensibel in die Umgebung ein, dabei wird die Sichtachse der Allee berücksichtigt. Vor dem Dankmal befindet sich eine Sitzmöglichkeit in Form von zwei Bänken, dazwischen eine Tafel mit Informationen.“ Man kann das „Dankmal“ durchschreiten – so soll es nahbar und erlebbar sein. Für Wezstein ist die Stärke und Besonderheit der Skulptur, dass sie stets Raum für eine individuelle Betrachtung und eine freie Interpretation schaffe.
  • Die Skulptur in Videos: Auf Videoportalen im Internet gibt es Videos über das Werk und von der Enthüllung mit Bundesministerin Julia Klöckner auf dem Gelände der Charité, etwa unter www.youtube.com/watch?v=6d-JSBq3FWs (Enthüllung mit Klöckner und Rede der Ministerin ab Minute 27). Weitere Videos über die Skulptur zum Thema Organspende finden sich auf dem Videoportal Vimeo (https://vimeo.com/555635777/4a3ccff921) sowie auf der Internetseite der HTWG, der Hochschule Technik, Wirtschaft, Gestaltung Konstanz (www.htwg-konstanz.de/master/architektur/aktuelles-semester/aktuelles/nachrichten/19/dank-mal/) sowie unter
    www.aktion-niere.de/dank-mal/ideenwettbewerb