Tengen – Es entwickelte sich zu einem kleinen Ritual, das von den Zuhörern von Mal zu Mal mit lauterem Lachen quittiert wurde: Die über 100 Jahre alte Turmuhr der Büßlinger St. Martinskirche schlägt jede Viertelstunde. Die vom Bürgerverein restaurierte Uhr befindet sich in der Linde in Büßlingen. Der Autor, Demian Lienhard, der an diesem Abend im Rahmen der "Erzählzeit ohne Grenzen" dort las, unterbrach deshalb jedes Mal seine Lesung mit dem Hinweis "Spannungspause". Viermal schlug die Uhr während der Lesung des Schweizer Autors.

In Lienhards Debütroman "Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat", geht es um die wilden 80er-Jahre und die Unruhen in Zürich. Lienhard ist als Archäologe häufig im Mittelmeerraum tätig. Und auch in seinem Roman setzt er zu mancher Tiefenbohrung an.

Schelmischer Humor

Der Schweizer las mit akzentfreiem Hochdeutsch aus seinem Debütroman. "Ich habe oft mit Berlinern zusammen gearbeitet. Und sie gaben vor, mich nicht so gut zu verstehen", erklärt er mit einem schelmischen Lächeln. "Also habe ich meinen Dialekt abgelegt." Ebenso schelmisch wie seine Erklärungen ist sein Roman. Am Ende der Lesung erklärt er: "Ich versuche, die sehr ernsten Themen auszugleichen mit Sprachmitteln." Dazu wähle er zum Beispiel Protagonisten, die aus einer Distanz heraus schildern.

Die Todesbrücke in Baden

Rund 70 Besucher hörten in der Linde zu, wie Lienhard die vielschichtigen Charaktere des Buches zeichnet. Mit der gleichen Genauigkeit, mit der er seine archäologischen Funde untersucht, hat er auch seine Romane vorbereitet: So finden sich in seinem Buch erschütternde Details über eine Todesbrücke in Baden, die sogar den Generalkonsul der Schweiz beeindruckten, wie der Autor berichtete.

Tengens Bürgermeister Marian Schreier hob den Wert des grenzüberschreitenden Literaturfests für Tengen hervor: "Dank der Erzählzeit kommt die Kultur auch abseits von großen Zentren zu den Menschen." Zuhörerin Eleonore Trennert aus Tengen-Büßlingen meinte direkt nach der Lesung: "Ein bisschen skurril, authentisch – und in sehr eigener Sprache. Man merkt, dass der Autor viel recherchiert hat."

Ähnlich sah es Julia Ritzi aus Büßlingen: "Lustig geschrieben, ein eigenwilliger Sprachstil. Aber dennoch verständlich."