Angela Merkel ist Kult, Winfried Kretschmann sowieso. Als die Kanzlerin im Februar 2016 im Radolfzeller Milchwerk eine Rede hält, ist der Saal brechend voll und Hunderte bleiben draußen vor der Tür. Ein ähnliches Bild vor knapp einem Jahr: Der Ministerpräsident und sein Vize Thomas Strobl ziehen in Singen eine Halbzeitbilanz der Landesregierung und schon kurz nach der Ankündigung sind sämtliche Platzkarten in der Stadthalle vergeben. Dabei spielt es keine Rolle, wo sich der einzelne Besucher politisch verortet. Merkel gucken, Kretschmann hören – das sind Ereignisse, in denen Menschen ihre Achtung vor politischer Leistung und menschlicher Größe durch Abstimmung mit den Füßen kundtun.

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Beim Schätzelemarkt in Tengen ist das anders. Gregor Gysi war 2016 hier, in den darauffolgenden Jahren sprachen Boris Palmer und Jens Spahn und am Samstag war die Reihe an Cem Özdemir. Keine Frage: Allesamt sind sie Schwergewichte der Politik, aber der Kultstatus gebührt hier nicht den Persönlichkeiten, sondern dem Ort. Der Rummel auf der Höhe des Hegau, das Kuriosum einer 4600-Seelen-Stadt mit ihren 23 Dörfern und Wüstungen, die Atmosphäre des Festzelts, die Institution des politischen Samstagnachmittags – das alles hat sich unter Bürgermeister Marian Schreier zum eigenwilligen Format entwickelt.

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Schätzele ist zum Schatz geworden und Cem Özdemir weiß das. So macht er sich erst einmal klein vor dem Souverän, der am Samstag mit weit mehr als 2000 Festzeltbesuchern vermutlich gut und gerne der Hälfte des erwachsenen Teils der Stadtbevölkerung versammelt. Demütig nimmt er das Gnadenbrot an, das ihm als Schwaben mit der Einladung zur Rede im tiefsten Badnerland gereicht wird. Asche streut er auf sein Haupt, denn er wisse nur zu genau um seinen Ruf als Politiker mit enormen Potenzial – denn es sei nur allzu verständlich, dass man sich frage, wann er‘s denn endlich einmal ausschöpfen wolle...

Gelungene Selbstverspottung

Die Selbstverspottung sorgt gleich zu Beginn dafür, dass man auf den Bänken zu lachen hat. Cem Özdemir hat damit den Schuh in der Schätzele-Tür und durch den Spalt sammelt er eine ganze Reihe von Bundesgenossen. Denn befinde sich etwa Marian Schreier nicht in ähnlicher Rolle? Jedenfalls verstecke die SPD ihren Tengener Bürgermeister recht gekonnt, was zwar gut für die Grünen sei, aber irgendwie doch schlecht fürs Land. Dann entdeckt er Andreas Jung im Publikum, der auch irgendwie als ein Klaus Töpfer der CDU durch Baden-Württemberg tingele. „Keiner hört auf uns beide“, sagt Cem Özdemir und beschließt die Begrüßung seines Bundestagskollegen mit einem „Willkommen im Club“.

Marian Schreier übergibt einen Kasten Bier als Dank für das rhetorische Glanzstück von Cem Özdemir. Bild: Sabine Tesche
Marian Schreier übergibt einen Kasten Bier als Dank für das rhetorische Glanzstück von Cem Özdemir. Bild: Sabine Tesche | Bild: Tesche, Sabine

Dem rhetorischen Glanzstück einer Vereinnahmung setzt Cem Özdemir die Krone auf, als er sich bei den Beamten des Bundeskriminalamtes und den Polizisten bedankt, die für die Sicherheit des Politikers verantwortlich sind. Es gibt von Redner und Zuhörern gemeinsamen Applaus und spätestens ab jetzt spricht der Grüne als Erster unter Gleichen. Was folgt ist eine Abrechnung mit dem türkischen Präsidenten Erdogan und einer deutschen Außenpolitik, die sich zu wenig traut. Cem Özdemir geißelt die Waffenexporte in die Türkei und bringt die entsprechenden Geschäfte mit Saudi-Arabien in einen Zusammenhang mit Fluchtursachen.

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Keine Frage, Cem Özdemir ist in der Welt daheim. Gewiss, er spricht auch über Innenpolitik und insbesondere über die Ramsauers, Dobrindts und Scheuers aus dem Verkehrsministerium, mit denen er es als Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Verkehr und Digitalisierung zu tun hat. Höchststrafe nennt er das und profitiert sodann von der süffisant zelebrierten Analyse der Verfehlungen im Bundesverkehrsministerium, auf das die CSU ein Abonnement zu haben scheine. Vor allem seine feinen Unterscheidungen zwischen Menschen, Völkern und Machthabern, zwischen Demokraten und Diktaturen aber verdeutlichen in ihrer Unmissverständlichkeit den Besuchern, was sie sonst im Nachrichtenstrom zur internationalen Politik so gut wie nie zu hören bekommen.

Fremdeln mit dem Badnerlied

Spontaner Zwischenapplaus und der Beifall am Ende können als Zeichen gewertet werden, dass das Zelt mit so einem wie Cem Özdemir gerne auf die internationale Reise ginge. Allerdings, einmal fremdelt sogar der große Konsenspolitiker. Mit dem Deutschlandlied am Ende der Veranstaltung hat er keine Probleme, beim Badnerlied aber kann er sich das schräge Schmunzeln nicht ganz verkneifen. Die passende Tageshymne freilich wäre ohnehin der Blues von Frank Sinatra über New York gewesen. „If I can make it there,
I‘m gonna make it anywhere“, heißt es darin. Das lässt sich problemlos auf den Schätzelemarkt münzen, weshalb Ur-Stuttgarter Marian Schreier die schwäbische Bestnote für die Rede des Cem Özdemir vergab: „‘S war net schlecht.“

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Cem Özdemir

Der 1965 geborene Politiker ist Sohn türkischer Gastarbeiter, die 1961 nach Deutschland kamen. Er ist seit 1981 Mitglied der Grünen (Kreisverband Ludwigsburg). Der Bundestagsabgeordnete war von 2008 bis 2018 Bundesvorsitzender seiner Partei, er gehörte während einer Wahlperiode dem Europäischen Parlament an und war unter anderem von 1989 bis 1994 als Mitglied des Grünen-Landesvorstandes auch in der Landespolitik engagiert. Cem Özdemir war während der später scheiternden Koalitionsverhandlungen (CDU/Grüne/FDP) im Herbst/Winter 2017/2018 als Außenminister im Gespräch. Im Herbst diesen Jahres kandidierte der Politiker, der von Beruf Erzieher ist, für den Vorsitz der Bundestagsfraktion, konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Der Name von Cem Özdemir fällt auch immer wieder, wenn es um die Nachfolge von Ministerpräsident Winfried Kretschmann geht. (tol)