Angelika Klüssendorf steht alleine auf der Terrasse des Büßlinger Bürgerzentrums und zieht nervös an ihrer Zigarette. Drinnen warten schon achtzig Zuhörer gespannt auf die Lesung der renommierten Schriftstellerin, und gleich muss sie auf die Bühne. Die Beruhigungszigarette hat aber nichts mit Lampenfieber zu tun, sondern mit einem Streik des Flughafenpersonals, wodurch der Flug von Berlin aus ausgefallen und sie erst nach vielem hin und her eben gerade so kurz vor der Lesung in Büßlingen angelangt war. Die aus Leipzig stammende Schriftstellerin, die heute in Beeskow – einem kleinen Ort zwischen Berlin und der polnischen Grenze gelegen – lebt, war im Rahmen des Literaturfestivals "Erzählzeit ohne Grenzen" im Bürgerzentrum Linde in Büßlingen zu Gast, wo sie aus ihrer Roman-Triologie "April" las.

Der Tengener Bürgermeister Marian Schreier lobte in einer Ansprache den grenzüberschreitenden Charakter des Literaturfestivals "Erzählzeit ohne Grenzen" und freute sich besonders darüber, dass auch in den kleineren Gemeinden Lesungen stattfänden. Er lese selber gern Literatur, wozu er leider wenig Zeit habe, doch für das jüngste Werk von Angelika Klüssendorf habe er sich die Zeit eben genommen. Er zeigte sich beeindruckt von der schriftstellerischen Ausdruckskraft der in Leipzig geborenen Künstlerin, die unter anderem mit dem Hermann-Hesse-Literaturpreis und dem Preis der SWR-Bestenliste ausgezeichnet worden ist.

Die Literatin las dann mit ihrer warmen und gleichzeitig zarten Stimme aus ihrer Triologie rund um die Titelheldin, die Schriftstellerin April. In den drei stark autobiografisch geprägten Romanen mit den Titeln "Das Mädchen", "April" und "Jahre später" erzählt sie die Lebensgeschichte des Mädchens April, das aus einfachen Verhältnissen kommt und Essensportionen wie ein Bauarbeiter verdrücken kann. Die Romanheldin ist mit sich nicht im Reinen, fühlt sich als Außenseiterin und sehnt sich doch insgeheim nach den sicheren, behüteten, gutbürgerlichen Strukturen. In der Person von Ludwig, dem jungen Arzt, der um sie wirbt, kommt sie mit dieser gutsituierten, großbürgerlichen Welt in Kontakt. Doch auch die Ehe verläuft nicht spannungsfrei.

Nach etwa mehr als einer Stunde Lesung und nach einigen ergänzenden Fragen verabschieden die Zuhörer die Autorin mit warmem Applaus.